Lilly Temme – Besseresser
Heute kein Dosen-Dilemma
Eine junge Frau knöpft sich Fake Food, Fast Food und all das Essen vor, das sie für schlecht hält. Das Fernsehen liebt sie dafür. Die Nahrungsmittelindustrie eher nicht.
Fernsehmacherin: Lilly Temme im Porträt
• Lilly Temme, 33, sitzt an einem Hochtisch in dem Berliner Studio der Firma Story House Productions. Vor ihr steht eine Fernsehkamera, hinter ihr sind sechs Dosen mit Tomatenkonserven aufgebaut. Gleich wird sie erzählen, was damit nicht stimmt.
Temme ist eines der Gesichter von „Besseresser“. Für das ZDF produziert und moderiert sie im Wechsel mit Sebastian Lege und Florian Reza die Fernsehsendung sowie den gleichnamigen Youtube-Kanal und führt dort vor, wie wir in Deutschland von der Industrie bei den Lebensmitteln reingelegt werden.
Bis zu vier Millionen Menschen schauen im Fernsehen und bis zu zwei Millionen bei Youtube zu, wie Temme und ihre Kollegen uns den Appetit verderben. Die Folgen heißen „Fieses Ferrero“, „Miese McPlant-Show“, „Bofrost-Blamage“, „KFC-Kollaps“, „Torten-Tragödie“, „Lausige Leberwurst“ oder „Sneaky Starbucks“. Alles, was eine Alliteration ermöglicht, wird bei „Besseresser“ verbraten. Das Publikum liebt es.
Schuldiges Vergnügen
Die Idee der Show ist simpel und steht auf zwei Säulen:
1. Fast Food, hoch verarbeitete Lebensmittel, Süßigkeiten und Softdrinks sind nicht gut für den menschlichen Körper. Sie machen dick und krank. Das weiß jeder. Aber es schmeckt halt so gut, und daher haut man rein. Guilty pleasure – ein Vernügen, für das man sich schämt.
2. Niemand schämt sich gern – besser, jemand anderes ist schuld. Temme und das ZDF suchen ihn für uns, das entlastet. Die Lebensmittelindustrie eignet sich hervorragend als Sündenbock. Erdbeerjoghurt ohne Erdbeeren, Mikroplastik im Heringssalat und mehr Luft als Chips in der Tüte. Denen traut man alles zu.
„Besseresser“ ist die Show, die unser Gewissen beruhigt. Und Lilly Temme ist die Psychotherapeutin. Sie entlastet ihre Zuschauer von der Schuld, indem sie zeigt, wie raffiniert uns die Industrie mit Marketing, Fett und Zucker verführt.
Bei der heutigen Aufzeichnung trägt Temme Cowboystiefel, Jeans und Lederjacke. Hier kommt die Rächerin der Verführten und Verfetteten. Eine ergiebige Zielgruppe: Jeder zweite Deutsche ist übergewichtig.
Sollen die anderen Fernsehsender doch Völlerei und Genusssucht mit Formaten wie „Kitchen impossible“, „Grill den Henssler“ oder „The Taste“ feiern. Das Zweite hat das Gegenprogramm.
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Die Schuldfrage
Neulich nahm sich Lilly Temme Ferrero zur Brust. Kinder-Schokolade, Nutella, Mon Chéri, Raffaello, Giotto. Viel Zucker, viel Palmöl. Aber damit hält sie sich nicht lange auf, das weiß ohnehin schon jeder. Ihr geht es um mehr: die Ausbeutung türkischer Bauern bei der Nussernte, Kinderarbeit, Waldrodung.
Sie stellt es als eine Art Verschwörung dar. Der reichste Mann Italiens (Giovanni Ferrero, 61, hat laut Forbes ein Vermögen von 41,9 Milliarden Dollar) macht uns willenlos.
Die Sendung heißt „Fieses Ferrero: 5 miese Maschen vom Süßwarengiganten“, man findet sie noch in der Mediathek. So ähnlich sind alle „Besseresser“-Shows aufgebaut. Manchmal sind sie lustig, manchmal erhellend, manchmal eher nicht.
Der vegane McPlant-Burger von McDonald’s fiel bei „Besseresser“ in der Sendung „Die miese McPlant-Show“ trotz der fleischlosen Pflanzenpattys durch – unter anderem, weil er Sebastian Lege zu weich war und weil er aus mehr als 60 Zutaten zusammengebrutzelt wurde. „Doppelt so viele wie beim normalen Burger“, kritisierte er. Den Burger hat McDonald’s mittlerweile vom Markt genommen. Zu wenig Nachfrage.
Richtig schief ging es einmal beim Thema Röstbrot. In der Sendung „Die Tricks von Toastbrot und Co.“ sollte Ware vom Bäcker mit solcher von der Industrie verglichen werden. Leider erwischten die Besseresser statt Toastbroten Kastenweißbrote und Sandwichbrote, ganz andere Sorten, wie Fachleute danach anmerkten. Sie verwechselten dann auch noch Mehltypen und bezeichneten Hefe als Bakterium (es ist ein Pilz). Ein Fiasko. Fazit der Experten: „Hier werden vor allem die Zuschauer ausgetrickst.“
Simon Hammann, Professor für Lebensmittelchemie und Analytische Chemie an der Universität Hohenheim, kritisierte danach im Magazin »Übermedien«: „Richtig schlimm finde ich die ZDF-Sendung Besseresser, die kann ich mir kaum angucken. Jede Sendung funktioniert nach demselben Prinzip: Alles, was die Industrie macht, ist, den Verbraucher zu verarschen.“
Alle lieben Food-TV
Im Studio schminkt Temme sich schnell selbst. Früher gab es dafür Personal, aber die Zeiten sind härter geworden. Die Münchener Bavaria Film GmbH, der Story House gehört, muss sparen. Mit 1.500 Beschäftigten und 300 Millionen Euro Umsatz ist sie zwar ein Gigant im deutschen Filmbusiness und hat solvente Gesellschafter wie WDR, BR, SWR, MDR und die landeseigene LfA Förderbank Bayern. Trotzdem wird das Unternehmen wegen „disruptiver Veränderungen“ in der Branche umstrukturiert. Story House produziert „Besseresser“ für das ZDF mit einer Reihe von Ablegern auf Social-Media-Plattformen und einem True-Crime-Podcast („Was schmeckt dahinter?“).
Sebastian Lege, 47, holt mit seiner Rekommandeur-Stimme, den bunten Hemden und Kalauern aus den Neunzigerjahren sowie selbst gebastelten Maschinen für Kochexperimente zuverlässig das ältere Publikum ab. Florian Reza und Lilly Temme sind für die Jungen zuständig. So kommt „Besseresser“ auf seine Rekordreichweite quer durch alle Altersgruppen.
Der Kameramann sagt: „Bisschen mehr Glow, bitte. Aber pass auf, dass du die Hautirritationen auf der Wange nicht highlightest.“ Check! „Mit den Haaren bin ich auch noch nicht zufrieden“, sagt der Kameramann. Temme zückt den Kamm. Check! „Und jetzt die Jacke“, sagt der Kameramann, „die pufft so auf!“ Daran kann man leider nichts ändern. „Die ist so“, sagt Temme, „das nennt man boxy.“
Endlich läuft der Teleprompter, von dem Temme ihren Moderationstext abliest. Zuerst das Intro: Die Deutschen lieben Dosentomaten, es ist das beliebteste Gemüse weit und breit. Beim Discounter gibt es die Dose für rund 60 Cent. Premiumware wie Mutti-Tomaten (siehe auch brand eins 02/2026: „Wie macht Mutti das?“; b1.de/mutti) kostet dreimal so viel. Dann der Cliffhanger: „Wir gucken, was wirklich in den Dosen steckt.“
Lilly Temme reißt beide Arme hoch und schnipst mit den Fingern. „Freeze!“, ruft der Kameramann, und Temme verharrt wie eingefroren, während die zuständige Redakteurin die Tomatendosen nach vorne räumt. Schnitt, Simsalabim, im Video werden sie später wie von Zauberhand direkt vor Temme stehen. Zack! Jetzt darf sie weiterreden.
Was steckt da wirklich drin? Die Enthüllung ist dieses Mal ein wenig enttäuschend. Es sind … Tomaten. Ein bisschen Salz vielleicht, sonst nichts. Nicht mal Kinderarbeit oder Inhaltsstoffe, die Konsumenten willenlos machen. Schade: Tolle Titel wie „Tomaten-Trash“ oder „Dosen-Dilemma“ fallen damit flach. Aber vielleicht ergibt sich noch etwas aus der Dosenbeschichtung: Gibt sie eventuell Bisphenol A an den Inhalt ab? BPA steht im Verdacht, hormonell ähnlich wie Östrogen zu wirken.
Leider hat das Labor noch kein Ergebnis geliefert. Temme nimmt deshalb mehrere Ansager auf, für alle Fälle. Kein BPA, wenig BPA, viel BPA. Richtig heiß wird das Thema wohl nicht werden. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland e. V. hat die Tests schon früher mal machen lassen. Fazit: Manchmal stecken Spurenelemente von BPA in den Dosen, aber „akute Gesundheitsschäden sind beim Konsum einer belasteten Konserve nicht zu befürchten“.
Irgendwas findet man immer
„Ich bin ein Foodie“, sagt Temme über sich selbst. Sie hasst Bananen („das Schlimmste, was es gibt auf der Welt“), aber sonst isst sie fast alles, sogar verschimmelten Käse, sagt sie. Da schneidet sie einfach das befallene Stück ab. Sie kann nichts wegwerfen, das wäre nicht nachhaltig. Im Kühlschrank hat sie stets Butter, eingelegte rote Zwiebeln, Parmesan, Chili-Öl, Senf, Misopaste, Schmand, Crème fraîche, Eier, Salat, Weißwein und saure Gurken. Die Basics. Ihr Signature-Dish ist Spaghetti Vongole mit gutem Olivenöl, Petersilie, Parmesan und einem Hauch Knoblauch. Beim Kochen hört sie deutschen Schlager (gern Marianne Rosenberg: „Er gehört zu mir wie mein Name an der Tür“).
Wie wird man eigentlich Food-Experte? Bei Lilly Temme war es Zufall. Sie ging in der Nähe von Köln zur Schule. „Ich war ziemlich faul“, sagt sie, „aber einer der Lehrer hatte gecheckt, dass ich weder auf den Mund noch auf den Kopf gefallen bin, und schlug mir vor, die Noten mit einem Wissensmagazin aufzubessern.“ Das war genau ihr Ding. Sie machte Videos und Straßenumfragen und moderierte gleich noch ihre kleine Unterrichtsshow. „Geredet habe ich schon immer gern.“
So schaffte sie es bis zum Abitur und in eine Praktikumsstelle bei der ZDF-Krimiserie „Wilsberg“. Danach studierte sie Germanistik, Medien- und Kulturwissenschaften, bevor sie 2021 bei Story House volontierte – und blieb. „Das Beste an meinem Job ist, dass ich fürs Quasseln bezahlt werde“, sagt sie.
Die Aufzeichnung ist beendet. Der Tonmann entfernt das Mikrofon, die Redakteurin räumt die Dosen weg. Temme geht um die Ecke ins Café Blumental, einen Cappuccino trinken. Hippes Publikum, der Kellner spricht Englisch. Niemand spielt deutschen Schlager, keiner erkennt Temme. Scheint nicht ihre Zielgruppe zu sein. Das finde sie gut, sagt sie. „Ich bin privat gern privat.“
Wann die Tomaten-Show gesendet wird, ist noch genauso unklar wie der Titel. „Tolle Tomaten – nichts Schlimmes entdeckt“, würde gut passen. So weit wird es aber nicht kommen. Irgendwas findet man immer. ---
Besseresser
Zahl der Follower
des Youtube-Kanals 815.000
auf Instagram 168.000
auf Facebook 13.500
auf Tiktok 8.600
Deutsche Lebensmittelindustrie
Umsatz im Jahr 2024 in Milliarden Euro 232,7
davon im Inland 148,7
davon Export 84,0
Marktanteil von Edeka, Rewe, Aldi und Lidl/Kaufland am Lebensmitteleinzelhandel, in Prozent 88
Zahl der Beschäftigten in der Lebensmittelindustrie 658.000
Food auf allen Kanälen
Die Top 5 (Follower in Millionen) auf Youtube:
1. Sallys Welt: 2,2
2. Sturmwaffel: 2,0
3. ZDF Besseresser: 0,8
4. Bernd Zehner: 0,6
5. Calle kocht: 0,6
auf Instagram:
1. Fitgreenmind: 3,9
2. Stefano Zarella: 2,5
3. Sallys Welt: 1,3
4. Foodwerk: 1,3
5. Ernaehrungsdocs: 1,1
auf Tiktok:
1. Foodkagechris: 4,6
2. Cooking with Aulona: 3,1
3. Foodie Beats: 2,8
4. Cheeseordesserts: 2,6
5. Eddyfamily12: 2,5
Quellen: Youtube, Instagram, Facebook, Tiktok; Universität Leipzig; Situationsbericht 2025/2026; Konzernatlas 2026; Bundesministerium für Landwirtschaft, Ernährung und Heimat
Lilly Temme ist Producerin bei der Story House Productions GmbH in Berlin.
Story House Productions GmbH:
— 170 Beschäftigte
— 61 Millionen Euro Umsatz (2024)
— produziert unter anderem „Terra X“, „Food Crimes“, „ZDF Besseresser“, „Galileo“, „Reeperbahn privat“, „Trucker Babes“, „Unsere Bundeswehr“
— 100-prozentige Tochter der Bavaria Film GmbH
Bavaria Film GmbH:
— 1.800 feste und freie Mitarbeiter
— 311 Millionen Euro Umsatz (2024)
— 1,27 Millionen Euro Verlust (2024)
— Gesellschafter: WDR Media, SWR Media Services, MDR Media, Bavaria Filmkunst, LfA Gesellschaft für Vermögensverwaltung
