Lebensmittelpreise
Inflation geht durch den Magen
Die gute Nachricht: Die Inflation nähert sich wieder der gewünschten Zwei-Prozent-Region. Die schlechte: Es fühlt sich nicht so an. Zeit für einen Kassensturz.
Was hat die Inflation mit den Lebensmittelpreisen zu tun?
Eigentlich sollte wieder alles gut sein. Die Coronapandemie und der russische Präsident haben uns ein paar besonders teure Jahre beschert; 2025 lag der Anstieg des allgemeinen Preisniveaus allerdings wieder bei akzeptablen 2,2 Prozent, im Dezember sogar bei 1,8. Von dieser Entspannung aber ist wenig zu spüren. Zwar sind einige Güter im Preis wieder gefallen, doch es sind die falschen. Wie häufig kauft man schließlich ein neues Alphorn (-3,5 Prozent im Jahr 2025), einen zweiten Eierkocher (-3,9 Prozent) oder eine zusätzliche Satellitenschüssel (-6,3 Prozent)? Das sind kurze Schnäppchenfreuden alle Jubeljahre. Die Volksseele aber kocht beim Thema Essen. Und zwar jeden Tag.
Denn Lebensmittel sind in Deutschland heute rund ein Drittel teurer als 2019. Das ist eine Menge. Fleisch kostet seitdem mindestens 30 Prozent mehr, Milch 40, Butter 50 und Schokolade (stark schwankend) zeitweise gar 60 Prozent. Hat der Wocheneinkauf vor der Pandemie noch rund 100 Euro gekostet, sind es heute mehr als 135. Für die gleichen Kalorien. Da können die Statistikinstitute noch so sauber begründen, warum sie Lebensmittel in ihrem Warenkorb mit rund zwölf Prozent aller Konsumausgaben der privaten Haushalte gewichten – gefühlt wiegt die verderbliche Kost weit schwerer.
Einige Produkte stechen besonders negativ heraus. Wer heute als Volksvertreter eine politische Talkshow besucht, sollte vorher tunlichst die Butter- und Milchpreise büffeln. Denn wer hier blank ist, hat das Volk schnell gegen sich. Das liegt daran, dass sogenannte Eckpreisartikel wie Butter, Milch, Zucker oder Kaffee die gefühlte Inflation prägen. Wir gewichten die Preise jener Produkte höher, die wir häufiger einkaufen. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft Köln schätzten die Bürgerinnen und Bürger daher die Inflation auch 2024 noch auf mehr als 15 Prozent pro Jahr – also um ein Vielfaches zu hoch. Denn wenn Butter und Milch teuer sind, wirkt der ganze Laden teuer, auch wenn die Möhren und Kartoffeln billig sind wie selten.
Ungünstigerweise führt eine zu hoch empfundene Inflation dazu, dass die Supermärkte ihre Preise erhöhen können, weil die Kundschaft dies bereits in ihrer Geldentwertungserwartung eingepreist hat.
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Sind alle Lebensmittel gleichermaßen teurer geworden?
Nein, die Unterschiede sind gewaltig. Die Durchschnittspreise für Nahrungsmittel und alkoholfreie Getränke sind nur in den Jahren 2022 und 2023 übermäßig gestiegen (um satte zwölf Prozent pro Jahr), seitdem pendeln sie wieder um die zwei Prozent. Was selbstverständlich nicht heißt, dass die beiden Hochinflationsjahre ausgeglichen wären. Was einmal teurer wurde, bleibt auch teuer. Die Preise steigen nur nicht mehr im gleichen Tempo weiter. Lösen könnte das lediglich eine zweistellige Deflation – die aber wieder ganz andere Probleme mit sich brächte.
Auch innerhalb der Lebensmittelauswahl im statistischen Warenkorb ist die Inflation ungleich verteilt. Ganz oben liegt die Quengelware: Schokolade, Pralinen, Kakao. Deren Preise sind bis zu 66 Prozent höher als 2020. Bei Öl und Kaffee sieht es kaum besser aus. Ebenso bei Butter, deren Preis als Discounter-Lockprodukt ganz besonders stark schwankt. Er liegt heute bei knapp 50 Prozent über dem des Jahres 2020.
Weiter unten im Korb liegen Milchprodukte und Eier mit 45 Prozent, Brot und Getreide mit knapp 40 Prozent, Fleisch und Fisch mit gut 30 Prozent plus. Ganz am Boden liegt der gesunde Kram: frisches Obst und Gemüse. Beides kostet nur rund ein Viertel mehr als vor sechs Jahren – fast schon ein Schnäppchen. Einige Gemüsesorten wie Eisbergsalat, Blumenkohl und Karotten sind im Preis bis zu 60 Prozent gefallen. Und Kartoffeln sind dank satter Ernten sogar so billig wie zuletzt 2021.
Wer ist Schuld daran?
Zum Beispiel Viren. Die Coronapandemie hat Lieferketten zerrissen, damit die Zahl der gelieferten Produkte gesenkt, und durch das verknappte Angebot sind die Preise gestiegen. Es folgten der russische Angriff auf die Ukraine sowie der mutmaßlich ukrainische Anschlag auf die Nord-Stream-Pipelines, infolge derer auch die Energiepreise explodierten. Und mit ihnen fast alle anderen Preise. Das hat vor allem jene Betriebe getroffen, die ihre Ware erhitzen oder kühlen müssen. Dazu kamen ausgefallene Ernten in der Ukraine (Krieg), gestiegene Düngerpreise (Energie) sowie fehlende Lastwagenfahrerinnen und -fahrer (Konjunktur).
Neben diesen Katastrophen macht sich die Erderwärmung immer stärker bemerkbar. Mit steigenden Temperaturen und immer mehr Wetterextremen gibt es auch mehr Dürren und Überschwemmungen. Abzulesen am Olivenöl-Schock in Südeuropa 2024 oder der Kakao-Krise in Westafrika 2025. An die Klimaflation müssen wir uns wohl gewöhnen. Das Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung und die Europäische Zentralbank schätzen, dass dieser Effekt allein bis 2035 die Lebensmittelpreise um bis zu 3,2 Prozentpunkte im Jahr erhöhen wird.
Dazu kommt die sogenannte asymmetrische Preistransmission: Steigende Preise werden schneller weitergegeben als fallende. So kamen die Kostenschocks von Pandemie und Ukrainekrieg über Nacht bei den Leuten an. Dass die Rohstoff- und Erzeugerpreise seit 2023 aber wieder zurückgegangen sind, ist leider noch nicht auf allen Preisschildern angekommen – sicher ein EDV-Problem. ;)
Die Monopolkommission ist dennoch alarmiert. Denn auch sie fragt sich:
Wer profitiert davon?
Höchstwahrscheinlich der deutsche Lebensmitteleinzelhandel. Namentlich die vier großen Gruppen Edeka (mit Netto), Rewe (mit Penny), Schwarz (mit Lidl und Kaufland) sowie die beiden Aldi-Himmelsrichtungen. Ganz sicher kann man es nicht sagen, da die vier laut Monopolkommission gut 87 Prozent des deutschen Marktes kontrollieren und damit für genau so viel Transparenz sorgen, wie es ihnen angenehm ist. Man muss nicht bei der Oktoberrevolution dabei gewesen sein, um darin ein Problem zu sehen.
Hersteller und Landwirte sitzen hier traditionell am kürzeren Hebel. Die großen Vier entscheiden zudem, welches Produkt in ihren Läden auf Augenhöhe steht und welches zur Bückware wird. Außerdem können sie besonders gut laufende Artikel mit ihren Eigenmarken kopieren und damit die Hersteller in Bedrängnis bringen. Die Monopolkommission hat im Lebensmitteleinzelhandel eine Kostenüberwälzungsrate von 0,76 ermittelt. Das bedeutet, dass der Handel veränderte Kosten nur teilweise an die Kundschaft weitergibt. Preissteigerungen können so zwar ein wenig abgefedert werden – aber sinkende Kosten werden ebenfalls nur teilweise weitergereicht. Ein Wert von unter 1 ist ein Zeichen von Marktmacht. Denn bei einem intakten Wettbewerb müssten die Unternehmen sinkende Preise eigentlich weitergeben, damit die Käuferschar nicht zur Konkurrenz überläuft. Man kann davon ausgehen, dass ein erheblicher Teil der Preiserhöhungen seit 2022 im Einzelhandel geblieben ist, wo die Margen selbst in den Krisenjahren leicht gestiegen sind. Die betroffenen Unternehmen erklären das mit steigenden Personal- und Energiekosten, was sicherlich nicht ganz falsch ist. Wie groß deren Anteil ist, wissen aber nur die Unternehmen selbst.
Besonders einträglich sind Eigenmarken. Die Preise der vermeintlich billigen Hausmarken wurden in jüngster Zeit besonders stark (und über alle Gruppen hinweg auffällig zeitgleich) angehoben. Damit wurden wahrscheinlich Einkaufs- und Energiekosten kompensiert. Gesunken sind sie danach jedoch nicht mehr, was bei einem gesunden Wettbewerb zu erwarten gewesen wäre. Ob es sich dabei nur um einen Nachholeffekt oder gleich um Gierflation, eine von Gier getriebene Inflation, handelt – darüber streiten Ökonomen seit der Pandemie. Daneben gibt es noch weitere Tricks, die nicht nur sprachlich einem unerfreulichen Muster folgen: Shrinkflation (gleicher Preis, weniger Inhalt), Skimpflation (gleicher Preis, billigerer Inhalt).
Und wer verliert dabei?
Wenn Sie schon einmal im Supermarkt eingekauft haben, dann Sie. Und mit Ihnen das Gros der Landwirtinnen und Landwirte. Trifft beides auf Sie zu, dann gute Nacht. Als Kunde sind Sie weitgehend den Preisen der großen Supermärkte ausgeliefert, als Landwirt deren Einkäufern. Die Löhne der Menschen im Land konnten seit der Pandemie mit den Preisen kaum Schritt halten. Und die Margen in den landwirtschaftlichen Betrieben sind trotz stark gestiegener Preise seit Jahren auf niedrigem Niveau wie angepflockt. Dort bleibt das Geld nur selten hängen. Je kleiner der Betrieb oder das private Einkommen, desto existenzieller die Preiserhöhungen.
Auf die privaten Haushalte wirkt die Lebensmittelinflation regressiv: je knapper das Budget, desto größer der Anteil der Lebensmittelausgaben, desto größer der Kostenschock. So entscheidet sich am persönlichen Grenzsteuersatz, wo die Preissprünge besprochen werden: in der Sauna nach dem Squash oder in der Schuldnerberatung nach der Pfändung. Ärmere Haushalte sind besonders betroffen von der Cheapflation, bei der Billigprodukte und Hausmarken stärker im Preis steigen als Markenprodukte. Die daraus folgende Überlastung der Hilfsangebote wie der Tafel mit temporären Aufnahmestopps verschärfen das Problem. Das führt zu einer ungleichen Verteilung der Inflation auf Kosten von Menschen mit weniger Geld.
Sind Lebensmittel in Deutschland nicht ohnehin zu billig?
Zumindest war das lange Zeit so. Grund dafür sind die kulinarische Anspruchslosigkeit, eine große Leidenschaft für kleine Preise sowie die ungewöhnlich hohe Discounterdichte mit ihren Rabattschlachten und Preiskämpfen. Denn am allerbesten schmeckt den Deutschen immer noch der Rabatt. Und so aß man in der größten Volkswirtschaft Europas jahrzehntelang besonders billig. Mit der Zeit gewöhnten sich die Konsumentinnen und Konsumenten an die Gleichung Häppchen gleich Schnäppchen. Eine Nation zu Gast beim Discounter.
So dümpelte der Anteil privater Konsumausgaben für Lebensmittel, Alkohol und Tabak in Deutschland seit den Neunzigerjahren bei rund 14 Prozent. Reine Lebensmittelausgaben blieben durchweg ein Fünftel unter dem EU-Schnitt. Und das über Jahrzehnte. Das funktioniert nicht ohne Preisdumping, Qualitätsabstriche und Externalisierung von Umweltkosten. Kein Wunder also, dass man über weite Teile des Jahres die deutsche Schnäppchengurke geschmacklich kaum von der Sonderangebotstomate unterscheiden kann.
Je nachdem, wie schief das Bild sein soll, waren die Deutschen die Ostfriesen oder Schotten Europas. Es scheint, als seien diese Zeiten nun vorbei. Der Kostenschock der Pandemie war real; er führte in Deutschland allerdings lediglich dazu, dass die Preise heute in etwa da sind, wo sie ringsum schon vorher waren. In Europa liegt Deutschland bei den Konsumausgaben für Essen nun ziemlich genau im Mittelfeld. Mehr zu knabbern haben Länder wie Irland (dort ist Essen 14 Prozent teurer als im EU-Schnitt), Dänemark (20 Prozent), Norwegen (32 Prozent) oder die Schweiz (60 Prozent).
Verglichen mit diesen Ländern hat Deutschland seit 2019 zwar durch eine höhere Inflation aufgeholt, bleibt aber in realen Zahlen weit hinter den dortigen Verhältnissen. Am stärksten hat die Inflation übrigens die baltischen Staaten getroffen, deren Lebensmittelpreise seit der Pandemie um mehr als 50 Prozent gestiegen sind. Und die sind nicht so angenehm tief gestartet wie Deutschland.
Was makroökonomisch wie eine überfällige Normalisierung erscheint, erleben Konsumentinnen und Konsumenten im Land der Discounter verständlicherweise als Schock. Schließlich vergleicht man die Summe an der Kasse im Supermarkt nicht mit Frankreich oder Italien, sondern mit dem eigenen Kassenzettel von 2018.
Und was nun?
Die guten alten und vor allem billigen Zeiten werden wohl nicht mehr zurückkommen. Dafür sorgt der Rakete-und-Feder-Effekt, bei dem Preiserhöhungen raketenschnell weitergegeben werden, während sie umgekehrt nur ganz sanft und federlangsam absinken. Die Folgen der kurzfristigen Schocks können sich mit der Zeit verflüchtigen. Die strukturellen Treiber aber sind gekommen, um zu bleiben. Vieles deutet darauf hin, dass Lebensmittel auch in Zukunft schneller teurer werden und stärker im Preis schwanken werden als andere Güter.
Langfristig kann die Politik dagegen nicht per Dekret angehen. Womöglich könnte aber eine durchdachte Mehrwertsteuersenkung für Grundnahrungsmittel die überproportionale Belastung ärmerer Haushalte teilweise abfedern, wie es einige europäische Nachbarländer bereits versuchen.
Dringend nötig ist indes ein entschlosseneres Vorgehen gegen die Marktkonzentration im Lebensmitteleinzelhandel. Nicht, weil die großen Vier aus sich heraus böse wären, sondern weil der Wettbewerb schlicht nicht funktioniert und darunter sehr viele Menschen leiden.
Der Bundesverband der Verbraucherzentralen und gemeinnützige Organisationen wie Foodwatch plädieren für eine staatliche Preisbeobachtungsstelle, wie es sie etwa in Frankreich gibt. Dort wäre für alle schnell ersichtlich, wenn Preise steigen, Packungen schrumpfen oder an Zutaten gespart wird. Außerdem würde sie die gesamte Wertschöpfungskette im Blick behalten – vom Acker bis zum Regal, mit allen Kosten und Margen. Da diese Daten oft vertraulich sind, wären nur die Befunde öffentlich.
So fiele wenigstens etwas Licht in den schummrigen Kartoffelkeller des deutschen Lebensmitteleinzelhandels. --
