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Editorial

Der Wert des Essens

• Lebensmittelpreise sind politische Preise, und so kann es niemandem egal sein, dass sie seit 2020 um rund ein Drittel gestiegen sind.



Dennoch geben die Menschen hierzulande laut Statistik im Durchschnitt nur rund 12 Prozent ihrer Konsumausgaben für die Ernährung aus, das ist einer der niedrigsten Werte in der Europäischen Union. Am Essen wird bei uns traditionell gespart, nicht ohne Grund haben sich hier die ausgebufftesten Discount- und Supermarktkonzerne entwickelt.

Ich gehe lieber auf Märkten einkaufen, bei hart arbeitenden Landwirten und Gemüsebäuerinnen, bei Bioschlachtern, die ihr Vieh noch kennen – eben bei Erzeugern, die allesamt von ihrer Arbeit leben wollen. Allein deshalb ist mir die deutsche Sparsamkeit bei Lebensmitteln unangenehm; Frank Uekötter, Technik- und Umwelthistoriker aus Bochum, findet sie zudem gefährlich. Denn wenn Kunden für Lebensmittel wenig bezahlen wollen, müssen Produzenten immer mehr, mit immer geringerem Aufwand, zu immer geringeren Preisen herstellen. Das führt direkt zu der in Schweineställen und auf Äckern identifizierbaren Monokultur, hinter deren Überleben für Uekötter eine Form des magischen Denkens steckt: „Die Vorstellung, dass es irgendwann hinhauen wird.“

Die Zeichen mehren sich, dass das eine Ilusion war. Und es ist fraglich, ob es uns beruhigen sollte, dass inzwischen auch Konzerne wie Nestlé oder Groß-Agrarier wie Moët Hennessy begriffen haben, dass es mit der Agrarindustrie so wie bisher nicht weitergehen kann.

Wie dann? Das ist eine Frage, auf die an vielen Stellen in der Welt Antworten gesucht werden. Denn wir haben mit den bisherigen Versuchen, den globalen Hunger zu stillen, zwar unfassbare Produktivitätsfortschritte erzielt – aber dabei rund 75 Prozent aller Böden degradiert, sprich: fürs Erste vernichtet.

Start-ups wie Growy bauen deshalb Salat, Kräuter und Pak Choi auf Regalen in Hallen an. Kein ganz neuer Gedanke, doch die Niederländer schaffen es, das auch wirtschaftlich zu machen. Und das ist vor allem bei Innovationen in der Lebensmittelbranche nicht selbstverständlich. Zwar gab es 2021 geradezu einen Hype, mit Food-Start-ups zumindest die westliche Welt gesünder, nachhaltiger und damit vegetarisch zu ernähren. Allerdings machen die Ergebnisse noch nicht satt, wie Nils Heck mit seinem Streifzug durch die Szene belegt.

Es ist halt nicht so einfach, schlechte Gewohnheiten abzulegen, wie jede und jeder weiß, der Pfunde loswerden will. Gegen das schlechte Gewissen hilft die Besseresserin Lilly Temme in TV und Social Media. Der Weg zu gesünderen Produktionsbedingungen ist länger: Im bayerischen Neumarkt sucht die Kommune gemeinsam mit Landwirten nach neuen Wegen. Wir haben das Projekt ein Jahr lang begleitet.

Und was ist mit den hohen Preisen? Sie werden wohl bleiben. Doch das wäre besser auszuhalten, wenn sie außerdem zu weniger Verschwendung, klügerer Produktion und fairen Margen beitrügen. --

Gabriele Fischer, Chefredakteurin

Titelbild: Westend61/Gemma Ferrando via Adobe Stock