04 – Wir müssen uns verändern. Aber können wir das?
Ein Austausch zwischen den langjährigen Kollegen Wolf Lotter (Autor) und Gabriele Fischer (Chefredakteurin) über den Fortschritt und was ihn behindert.
Fotovorlagen für die Zeichnungen: © André Hemstedt & Tine Reimer; © Katharina Lotter, 2021
Wolf Lotter: Liebe Gabriele, wenn ich mich so umschaue, will ich in die Neunzigerjahre zurück, in die Zeit, als es noch begründete Zuversicht gab und Donald Trump nur eine Minirolle in „Kevin – Allein in New York“ hatte. Verstehst du das?
Gabriele Fischer: Ja, in den Neunzigern lag Aufbruch in der Luft. Aber wenn man genau hinsieht, ist das auch die Zeit, in der Deutschland nach Grenzöffnung und Wiedervereinigung zwar alle Chancen hatte, es jedoch ziemlich vermasselt hat.
Wolf: Wie meinst du das?
Gabriele: Zum einen wurden die neuen Bundesländer von vielen als Kolonialgebiet betrachtet; zum anderen hat es sich Deutschland so bequem gemacht, dass es heute noch darunter leidet: Es hat sich auf billiges Öl und Gas aus Russland verlassen und auf den militärischen Schutzschirm der USA. Und das so eingesparte Geld floss nicht etwa in Bildung und Infrastruktur, sondern in eine eigenwillige Form eines neuen Wirtschaftswunders – oder besser gesagt: in den Konsum.
Wolf: Die Neunzigerjahre waren aber auch die Zeit, in der viele von einer anderen, einer besseren Wirtschaft zu träumen begannen, von einer Wissensökonomie.
Gabriele: Und? Ist es dazu gekommen?
Wolf: Na ja, die Wissensökonomie ist eine Tatsache, nur hat sie in Deutschland kaum jemand bemerkt. Hier herrschte, was wir 2006 im Frühjahr auf das Cover von brand eins geschrieben haben: „Mehr Geld als Verstand“. Das ist bis heute so.
Gabriele: Ich frage mich immer mehr, wie viel Veränderung wir alle aushalten. Nimm das Gesundheitssystem. Lässt sich das wirklich reformieren?
Wolf: Stimmt, man müsste alles einreißen und neu bauen.
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