Turkmenistan
Laboratorium der Leere
In der turkmenischen Hauptstadt Ashgabat gibt es wenige Menschen und viel Marmor. Eindrücke aus einer leblosen Stadt.

Der weiße Exzess
Turkmenistan ist ein Land, das man auf den Weltkarten selten sucht. Es grenzt an den Iran, Afghanistan, Usbekistan, Kasachstan und an das Kaspische Meer, und es besteht zu rund achtzig Prozent aus der Karakum-Wüste – einer unerbittlichen Leere aus glühendem Sand. Doch darunter lagern mit etwa 14 Billionen Kubikmetern die viertgrößten Erdgasreserven der Welt. Dieser fossile Reichtum hat eine Hauptstadt finanziert, die sich wie eine Fata Morgana aus der Steppe erhebt: Ashgabat.
Es ist ein Ort, in dem Bescheidenheit als Schwäche gilt. Seit dem Jahr 2013 steht die Stadt offiziell im Guinness-Buch der Rekorde – für die höchste Dichte an Gebäudefassaden aus weißem Marmor weltweit. Mehr als 540 Bauwerke, mit 4,5 Millionen Quadratmetern Marmor (zum Teil importiert aus dem italienischen Carrara) verkleidet, wurden auf engstem Raum aus dem Boden gestampft, ein bizarres Utopia aus Stein und Gold. Ashgabat liegt an der einstigen Seidenstraße und ist die Hauptstadt eines Landes, das in Sachen Pressefreiheit und Menschenrechte regelmäßig mit Nordkorea um den letzten Platz ringt.
Wer hier aus dem Flugzeug steigt, kollidiert mit einer unsichtbaren Wand. Es ist nicht nur die Hitze Zentralasiens, es ist auch die Helligkeit, die sich nicht mehr mit dem Wort „Licht“ beschreiben lässt. Es ist eine Überbelichtung der Welt. Der weiße Marmor wirkt wie ein einziger gigantischer Reflektor. Es gibt keinen Schatten, der tief genug wäre, um dem Auge Ruhe zu gönnen. Es ist, als hätte jemand den Kontrastregler bis zum Anschlag gedreht.
Identität entsteht durch Brüche. Wir erkennen uns selbst nicht im Makellosen, sondern in den Fehlern, den Narben und den unvorhergesehenen Wendungen. Doch Ashgabat verweigert jeden Bruch. Der Marmor ist perfekt poliert, es gibt keinerlei Verwitterung, keine Spuren, keine Patina. Es ist eine Architektur der Unsterblichkeit, und deshalb wirkt sie leblos. Denn alles Lebendige ist unvollkommen. Alles, was atmet, hinterlässt Flecken. Wo in all dem Weiß bleibt Platz für die menschliche Seele?

Freie Aussicht für unfreie Bürger

Staus sind in Ashgabat kein Problem
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