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Das Prompt-Proletariat

Wie KI den Zugang zu Wissen und Macht radikal verändert.



• Ich müsste eigentlich schon lange verdummt sein, hätten meine Großeltern und Lehrer recht gehabt. Erst sollte ich durchs Fernsehen verblöden, dann durch den Gameboy, durch Ballerspiele, das Internet, Handys und Social Media. Doch es kam glücklicherweise anders. Die vermeintlich in den Neunzigerjahren verdummte Generation programmiert heute KI, von der wiederum behauptet wird, sie würde die Menschen verdummen. Das T in ChatGPT steht übrigens für Transformer – auch deswegen, weil der deutsche Mitentwickler Jakob Uszkoreit als Kind mit diesen Actionfiguren gespielt hat.

Der spielerische Umgang mit der Technik und der Wunsch nach Bequemlichkeit zeichnen uns aus. Seit 7.000 Jahren erfindet die Menschheit Dinge, um sich kognitiv zu entlasten: die Schrift, den Buchdruck, den Taschenrechner, das Internet. Doch trotz aller Bequemlichkeit sind die Menschen nicht faul geworden, sondern haben die neue Technik genutzt, um neue Fragen zu stellen. Mit künstlicher Intelligenz steht nun allerdings die Auslagerung großer Teile unserer kognitiven Kompetenzen bevor. Was wird sich dadurch ändern?

Nach Ansicht einiger KI-Vordenker ist die Sache klar: Die Technik führe zu einer Demokratisierung von Wissen, zu einer Nivellierung kognitiver Unterschiede. „KI wird eine ausgleichende Kraft in der Gesellschaft“, sagt Sam Altman, Chef von OpenAI. KI, der „große Gleichmacher“, das ist eine in der US-Techszene weitverbreitete und für Geldgeber attraktive These. Denn wer investiert nicht gerne in die Demokratisierung von Wissen?

Die Prognose erscheint auch plausibel: Während Wissen früher aufwendig erworben werden musste, ist es nun sofort verfügbar. Davon profitieren vor allem diejenigen, die zuvor wenig wussten, während der Effekt für die Hochqualifizierten gering ist. Wer noch nie ein Gedicht geschrieben hat, kann durch Sprachmodelle plötzlich seinem Gefühlsleben Ausdruck verleihen. Goethe hätte von einer Gedicht-KI hingegen kaum profitiert. Tatsächlich kommen erste empirische Untersuchungen zu dem Ergebnis, dass weniger qualifizierte Wissensarbeiterinnen und -arbeiter durch den Einsatz von Algorithmen bei routinierten Aufgaben am stärksten profitieren.

Doch was für solche Tätigkeiten gilt, muss nicht im großen Maßstab gelten. Viel wahrscheinlicher als ein Überwinden der geistigen Unterschiede ist deren Vergrößerung. Denn der Einsatz von KI erfordert kritisches Denken. Wer sich blind auf die Antworten von Maschinen verlässt, wird von ihnen abhängig und übernimmt ihre Fehler. In der weltweit durchgeführten Studie „AI Sentiment Index“ der Beratungsgesellschaft EY wurde untersucht, in welchen Nationen die Auskünfte von Chatbots kritisch hinterfragt werden. Deutschland liegt in der Schlussgruppe: Nur 27 Prozent der Menschen hierzulande überprüfen, ob eine KI-Antwort richtig ist. Selbst in den Ländern mit diesbezüglich wacheren Bevölkerungen wie China, Südkorea und Indien sind es lediglich etwa 40 Prozent.

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