Daniel Weidmann im Interview
„Die brancheneigenen Verheißungen machen nicht satt“
In der Techbranche galten Betriebsräte lange als Relikt aus einer anderen Arbeitswelt. Auch in Berlin. Dann gründeten die dortigen Belegschaften von Spotify, Klarna, Hellofresh und von mehr als zwei Dutzend weiteren Unternehmen innerhalb weniger Jahre erstmals Betriebsräte. Der Arbeitsrechtler Daniel Weidmann hat viele von ihnen begleitet.

brand eins: Herr Weidmann, der Berliner Ableger der Arbeitsrechtsgruppe Tech Workers Coalition (TWC) wurde im Juni 2019 gegründet. Dieser Impuls kam auf einer Veranstaltung mit Vertretern des amerikanischen Vorbilds. Was war das für ein Abend?
Daniel Weidmann: Die Stimmung war besonders, weil betriebliche Auseinandersetzungen für die Anwesenden auf einmal nahbar wurden. Manche kamen so wie ich aus einem eher abstrakten Interesse an der Arbeit der im Jahr 2014 gegründeten TWC. Aber es waren auch Leute da, die in Start-ups oder Scale-ups arbeiten und für die das von handfester Relevanz war. Am Ende stand einer von ihnen auf und sagte: „So etwas brauchen wir hier auch. Wenn die das geschafft haben, dann schaffen wir es auch.“
Seitdem hat es in Berlin mehr als 30 Betriebsratswahlen in Techfirmen gegeben. Bundesweit ist die Betriebsratsabdeckung auf sieben Prozent gesunken. Warum wird ausgerechnet eine Branche, die sich als Gegenentwurf zur alten Arbeitswelt versteht, zu einem Hotspot der Mitbestimmung?
Die Beschäftigten in der Techbranche haben im Laufe der 2010er-Jahre gemerkt: Die brancheneigenen Verheißungen machen nicht satt. Dieses Versprechen der angeblich offenen Türen und flachen Hierarchien. Die Idee, alles mit Technik zu lösen, mit einer tollen internen Kommunikation – wir slacken und kollaborieren ganz modern in Trello oder Asana. Damit geht ein Versprechen von betrieblicher Demokratie einher: Wir sitzen alle im selben Boot. Wenn man dieses Versprechen aber überprüft, stellt man als Betroffener schnell fest, dass es nicht trägt.
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