Zum Inhalt springen

Anders als geplant

Drei Menschen, die auf Umwegen weit gekommen sind.

 

Text: Janina Martens

 

 



Katrin Schuhen, Geschaeftsfuehrerin & Managing Direktor Wasser 3.0 gGmbhl, Forschung zu Mikroplastik

engl: Katrin Schuhen, CEO of Wasser3.0 gGmbh, research on microplastic
Ein Mann sitzt an einem Konferenztisch. Der Tisch ist schwarz und darauf stehen ein Laptop und eine Glas.  Der Mann trägt eine dunkel blaue Jacke und eine Brille. Im Hintergrund ist eine weiße Wand zu sehen, über der eine schwarze Leuchte hängt.
Eine Frau steht mit verschränkten Armen vor einem grauen Gebäude; hohes Gras und Sonnenlicht werfen Schatten auf die Szene.

Katrin Schuhen, 46, ist Gründerin eines gemeinnützigen Unternehmens in Karlsruhe, das Mikroplastik aus Wasser entfernt. Sie entschied sich gegen Profitlogik und für Sinn.

Fotografie: Anna Ziegler

Das Bild zeigt eine Frau,  die am Ufer eines Gewässers steht und ein schwarzes Hemd sowie Jeans trägt.  Im Hintergrund sind Bäume und ein bewölkter Himmel zu sehen, was eine ruhige und friedliche Atmosphäre schafft.

„Ich wurde mit Sicherheitsdenken erzogen: Geld auf dem Konto, Vorsorgen für die Rente, Bausparvertrag. Und dann entschied ich mich für die totale Ungewissheit. Ich hängte zuerst einen sicheren Job in der Industrie an den Nagel und später eine Uni-Laufbahn, um ein gemeinnütziges Unternehmen zu gründen. Das stieß auf viel Unverständnis in meinem Umfeld. Aber mein Leben hat mir gezeigt, dass man den Berufsweg nicht planen muss. Der Weg entsteht beim Gehen.

Eigentlich wollte ich Klarinette studieren. Doch ich bekam meinen Wunschstudienplatz nicht und brauchte eine Übergangslösung. Ich nahm mir den Studienführer, machte einmal Daumenkino, und mein Finger stoppte bei Chemie. Ich wollte ausziehen, den Westerwald verlassen, also ließ ich mit geschlossenen Augen den Finger über einer Landkarte kreisen – er landete auf Heidelberg. Als ich mich dort einschrieb, dachte ich: nur für ein Jahr. Doch die Arbeit im Labor und die Gemeinschaft dort gefielen mir, und ich blieb bis zur Promotion.

Danach ging ich für fünf Jahre in die Industrie: zunächst in die Medizintechnik, wo ich Kunststoffe für Implantate entwickelte, anschließend in die Polymerforschung, wo es um die effizientere Herstellung von Kunststoffen ging. Ich arbeitete mich hoch, koordinierte Labore und Mitarbeiter, und eine Karriere im Management lag vor mir. Aber ich fühlte mich wie in einem Hamsterrad. Ich saß an Konferenztischen und produzierte Ergebnisse für einen Konzern, ohne jemals eine echte Wirkung zu sehen.

Dann hatte ich einen Fahrradunfall und konnte ein halbes Jahr fast nichts tun. In dieser erzwungenen Pause kamen die existenziellen Fragen: Was möchte ich eigentlich tun? Ich begriff, dass ich etwas ändern musste. Auch für meinen Körper: weniger sitzen, mehr Autonomie.

Ich kehrte in die Wissenschaft zurück, an die Universität Koblenz-Landau, und erforschte im Rahmen einer Juniorprofessur für organische und ökologische Chemie Lösungen zur Entfernung von Mikroplastik aus dem Wasser. Die Stelle war auf sechs Jahre angesetzt. Und ich wusste, dass ich danach nicht länger bleiben würde. Denn meine Arbeit an einer Universität hört dort auf, wo die Anwendung anfängt.

Und wenn ich schon eine Lösung für ein drängendes Problem wie Mikroplastik entwickle, soll diese nicht im Elfenbeinturm bleiben. Was im Jahr 2012 als universitäres Forschungsprojekt begann, wurde 2020 zu der gemeinnützigen GmbH namens Wasser 3.0 – gegründet mit meinem Ersparten aus der Zeit in der Industrie. Das war für mich die schnellste Form, um meine Forschungsergebnisse auf die Straße zu bringen, rein in die Praxis.

Mikroplastik schadet Mensch und Umwelt. Es gelangt über das Abwasser in Flüsse und Meere, reichert sich in der Nahrungskette an und wird auch im menschlichen Körper nachgewiesen. Unsere Technik findet es im Abwasser, bindet es zu schwimmenden Klumpen und schöpft es filterfrei ab. Die Klumpen werden wiederverwertet, zum Beispiel als Baumaterial. Auf diese Weise wird das Wasser sauber. Das Verfahren benötigt nur wenig Energie und kann kostengünstig in kommunale Kläranlagen integriert werden.

Als ich das Unternehmen gegründet habe, dachten manche, ich hätte den Verstand verloren. Erst die Managementlaufbahn aufgegeben, dann die Wissenschaft. Aber ich bin überzeugt, dass man ein Problem wie Mikroplastik nicht mit Profitlogik lösen kann.

Die Finanzierung ist eine Herausforderung, denn ich bin ja nicht allein. Auch meine sechs Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter brauchen ein sicheres Gehalt, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Im Schnitt kommen wir pro Jahr auf rund 200.000 Euro Forschungsförderung und 40.000 Euro für Bildungsprojekte, etwa aus Stiftungs-, EU- und Landesmitteln, dazu Spenden und Sponsorengelder. Zu viel, um zu sterben, und zu wenig, um richtig Gas zu geben. Investoren haben wir bislang nicht. Ich habe mehr als 60 Pitches hinter mir – oft online, vor Gruppen von Impact- und VC-Investoren, die im Schnelldurchlauf mehrere Start-ups sichten. Sobald ich das kleine „g“ für Gemeinnützigkeit zeige, loggen sich viele aus. Wir versprechen nicht das schnelle Geld. Und die Gemeinnützigkeit dafür aufzugeben kommt nicht infrage.

Wir gehen mit unserem Ansatz auf industrielle Produktionsstätten und kommunale Kläranlagen zu. Leider ist die Wasserwirtschaft eine innovationsarme Branche. Das Paradoxe: Obwohl unsere Lösung funktioniert und sich rechnet, sagt das Management häufig: ‚Wir warten erst mal auf die politische Regulierung.‘ Die neue EU-Abwasserrichtlinie schreibt zwar strengere Reinigungsstufen an Klärwerken vor, aber für Arzneimittel und Pestizide, nicht für Mikroplastik. Das soll erst 2033 evaluiert werden. So lange landet weiter unkontrolliert Mikroplastik in der Umwelt, das wir mit unseren Anlagen hätten abfangen können.

Deshalb ist Bildung für mich zentral. An Schulen untersuchen wir mit Kindern die Gewässer vor ihrer Tür. Neulich hatten wir einen Kreativwettbewerb – und ich bekam eine Gänsehaut, als ich die Beiträge sah. Die Kinder haben nicht einfach Schildkröten mit Plastiktüten gemalt. Sie haben Kosmetik unter die Lupe genommen und ihren Eltern gesagt: „Das wollen wir nicht mehr im Haus haben.“ Das gibt mir bei allem Frust die Zuversicht zurück.

Ich will beweisen, dass man als gemeinnütziges Unternehmen in der Greentech-Branche unabhängig überleben kann. Dafür muss ich den Spagat zwischen Expertenwissen und Unternehmertum meistern. Ich muss der Nerd sein, der tief in die chemische Analyse eintaucht, und gleichzeitig für jeden Stakeholder die richtige Sprache finden. Das wird zukünftig für viele gelten: Wer etwas bewegen will, muss mehrere Rollen gleichzeitig ausfüllen.“

Gemeinwohl statt Profit? Das sagen Studien:

82 Prozent der Arbeitnehmer weltweit wollen, dass ihr Unternehmen der Gesellschaft nützt. 75 Prozent der Führungskräfte in Deutschland sind der Meinung, dass Unternehmen eine Verantwortung haben, die über das Erwirtschaften von Gewinnen und das Schaffen von Arbeitsplätzen hinausgeht. 53 Prozent der Führungskräfte würden lieber in einem gemeinwohlorientierten Unternehmen arbeiten, auch wenn sie dann weniger Geld verdienen würden.

Das Bild zeigt eine stilisierte Illustration einer Person in einer Yoga-Pose, mit nach hinten geneigtem Kopf und auf einem Laptop ruhenden Händen. Die Person befindet sich auf einer ebenen Fläche, möglicherweise einer Yogamatte, und der Laptop ist geöffnet und auf ihrem Schoß platziert. Das Bild ist in Schwarz-Weiß gehalten, was ihm einen minimalistischen und künstlerischen Charakter verleiht. Die Pose der Person und der Laptop deuten auf eine Verbindung zwischen der körperlichen Praxis des Yoga und der modernen Nutzung von Technologie hin und symbolisieren möglicherweise die Verschmelzung von traditionellem und zeitgenössischem Lebensstil.

Unser neues New Work-Abo 🔥

Sie erhalten ein brand eins Jahresabo (Print + Digital) und zwei Online-Sessions pro Jahr zu New Work-Themen.

Mehr erfahren

Illustration: Joni Marriott

Das Bild zeigt ein Schwarz-Weiß-Porträt einer Frau mit blonden Haaren, die mit nachdenklichem Gesichtsausdruck zur Seite blickt. Sie trägt ein dunkles Shirt, im Hintergrund ist eine Backsteinmauer zu sehen.

Eine Ausbildung, ein Rechtsstreit, ein insolventer Arbeitgeber – mit 19 Jahren hat Michelle Herrmann in ihrem Berufsleben schon mehr erlebt als andere bis zur Rente.

Fotografie: Julia Sellmann

Seit gut einem Jahr hat sie nun endlich das, was sie sich gewünscht hat: eine unbefristete Stelle, bezahlt nach Tarif. Michelle Herrmann arbeitet als Zerspanungsmechanikerin im brandenburgischen Kirchmöser bei Voestalpine: ein österreichischer Stahlkonzern mit rund 50.000 Beschäftigten weltweit, einem Jahresumsatz von 16 Milliarden Euro und der Marktführerschaft in der Bahninfrastruktur. Herrmann fräst Bauteile für Weichensysteme, „an einer Maschine, die ist über dreißig Meter lang“, sagt sie stolz.

Der Weg dorthin war ein Kampf. Sie erzählt davon in einem Café in Brandenburg an der Havel, trinkt erst Milchkaffee, dann Cola. „Ich kriege einen trockenen Hals vom Reden.“ Sie spielt mit ihrem Haargummi am Handgelenk, sie sei nervös, sagt sie. Aber sie hat in den fünf Jahren seit der Mittleren Reife auch einiges mitgemacht.

In der neunten Klasse ist Michelle Herrmann bei einem Schulausflug ins Werk des Automobilzulieferers ZF dabei. Sie baut einen Stifthalter aus Metall und ist begeistert. An diesem Tag verwirft sie ihren Plan, Lehrerin zu werden: „Mama, ich möchte was mit Metall machen.“ Sie hätte Abitur machen können, will jetzt aber lieber Geld verdienen und bald ausziehen. Sie beginnt ihre Ausbildung in einem Betrieb, der Implantate aus Metall herstellt. Da ist sie erst fünfzehn Jahre alt, doch immer das Küken zu sein, das ist sie gewohnt: In der Schule hat sie eine Klasse übersprungen, in der Berufsschule ist sie das einzige Mädchen unter dreißig Jungs. „Die hatten alle mehr handwerkliche Erfahrungen als ich“, sagt sie. Doch sie lernt schnell. Ein Lehrer sagt, Frauen gehörten an den Herd, nicht an die Werkbank. Heute würde sie sich dagegen wehren.

Im zweiten Lehrjahr sitzt sie viel herum, der Ausbilder hat kaum Zeit für sie. „Warum stehe ich jeden Tag um sechs Uhr auf, wenn ich nichts lerne?“ Sie will sich als Jugend- und Auszubildendenvertreterin (JAV) aufstellen. Kollegen warnen sie: „Lass das besser, sonst hat der Chef dich auf dem Kieker.“ Sie kandidiert trotzdem – als erste und einzige Bewerberin im Betrieb. Schreibt dann, nachdem sie gewählt wurde, einen Brief an die Geschäftsführung, listet Missstände auf, lässt andere Azubis unterschreiben. Als sie auf Senden klickt, rast ihr Herz.

Die Reaktion kommt wenig später. Der Chef zitiert sie zum Gespräch ins Büro. Sie ist nervös. Aber besteht darauf, dass ein Betriebsratsmitglied hinzugeholt wird. Der Chef lehnt ab. Ein Gespräch zu dritt findet nicht statt. Nichts verbessert sich, im Gegenteil.

Michelle Herrmann wird an eine Maschine versetzt, an der sie vier Monate lang nur zwei Knöpfe drückt: Start und Stopp. Sie lernt nichts, weint viel und beginnt, sich in der IG Metall zu engagieren. Sie knüpft Kontakte, lernt Arbeitsrecht. Und sie erfährt: Als JAV-Vertreterin steht ihr die Übernahme gesetzlich zu. Den Antrag an den Betrieb schickt sie per Einschreiben. „Ich hatte gelernt: Man muss alles belegen können.“

Eine Woche vor ihrer Abschlussprüfung drückt ihr der Ausbilder ein Schreiben in die Hand: keine Übernahme, wegen wirtschaftlicher Lage. Auf dem Heimweg parkt Michelle Herrmann am Waldrand. „Ich habe erst mal geweint“, sagt sie, „und noch unter Tränen die Gewerkschaft angerufen.“ Die sichert ihr Rechtsschutz zu.

Einige Wochen später folgt der Gütetermin vor Gericht. Michelle Herrmann zieht sich einen Blazer an. Am Ende einigen sie sich auf drei Monate bezahlte Freistellung plus Abfindung. Der Chef stimmt so schnell zu, erzählt Herrmann, dass sie danach denkt: „Ich hätte eine höhere Summe fordern können.“ Ein Sieg. Aber noch immer kein Berufseinstieg. Der viel beklagte Fachkräftemangel auf der einen Seite, auf der anderen eine junge Facharbeiterin, die etwas erreichen will.

Sie muss zur Arbeitsagentur. Eine Sachbearbeiterin habe sie herablassend behandelt, sagt Herrmann, und ihr mangelnde Motivation unterstellt. Jetzt bleibt sie nicht mehr stumm: „Ich habe mir die Situation nicht ausgesucht. Können Sie bitte freundlicher mit mir reden?“

Über eine Zeitarbeitsfirma bekommt sie einen Job bei einem Getriebezulieferer, mit Kunden wie Volkswagen. In ihrer ersten Woche klagen Kollegen über ausbleibendes Gehalt – dann: Betriebsversammlung, Insolvenz. Herrmann wird nach Hause geschickt. Diesmal weint sie nicht. „Da konnte ich nur noch lachen“, sagt sie. „Der reine Wahnsinn.“ Sie weiß nun, dass sie das übersteht. „Ich fühlte mich stärker, hatte Rückhalt – und kannte meine Rechte.“

Dann geht es schnell. Ein Kontakt weist sie auf freie Stellen bei Voestalpine hin – nach sechs Wochen Probezeit hat sie den unbefristeten Vertrag. Wenig später den Kranführerschein, bezahlt vom Betrieb.

Unter ihrem T-Shirt blitzt am Schlüsselbein ein Tattoo durch, eine Zeile aus einem Song, den sie selbst geschrieben hat. Während des Rechtsstreits hatte sie eine Schreibblockade. Die ist vorbei. Letztens hat sie einen Poetry-Slam gewonnen.

Michelle Herrmann wird bald zwanzig. Sie freut sich auf die Badesaison in Brandenburg, will bald mit ihrem Freund zusammenziehen, abends öfter in Bars gehen. Erst einmal durchatmen, Spaß haben. Außerdem sitzt sie in Jugendausschüssen der Gewerkschaft, organisiert Demos, diskutiert über Tarifverträge – damit andere es leichter haben als sie.

Schwieriger Berufseinstieg

Mismatch: Im September 2025 gab es 39.870 Bewerberinnen und Bewerber, die sich erfolglos um einen Ausbildungsplatz bewarben. Insgesamt 54.390 Ausbildungsstellen blieben unbesetzt.

Jugendarbeitslosigkeit: Die Arbeitslosenquote bei den 15- bis 25-Jährigen in Deutschland betrug im Februar 2026 laut Bundesagentur für Arbeit sechs Prozent.

Schwache Konjunktur: In der Industrie werden vermehrt Stellen gestrichen.

Weniger Ausbildungsplätze: Im Jahr 2025 haben 26 Prozent der Betriebe deren Anzahl im Vergleich zum Vorjahr reduziert, 15 Prozent boten mehr an, 59 Prozent gleichbleibend viele Stellen.

Mentale Belastung: 67 Prozent der Studierenden und 66 Prozent der Auszubildenden in Deutschland bewerten ihr Stresslevel als hoch. Bei Arbeitnehmerinnen und -nehmern sind es 51 Prozent.

Das Bild zeigt ein Magazincover mit rosa Hintergrund und schwarzem Text. Das Magazin scheint eine deutsche Publikation zu sein, wie der deutsche Text auf dem Cover vermuten lässt. Auf dem Cover ist außerdem ein rundes Schwarz-Weiß-Logo mit dem Text „Jetzt bestellen!“ zu sehen. Das Magazin ist vor einem rosa Hintergrund platziert, und in der oberen linken Ecke des Covers ist ein Barcode zu erkennen.
Das Bild zeigt ein Nahaufnahmeporträt eines Mannes mit Bart  der mit nachdenklichem Gesichtsausdruck blickt. Er trägt ein blaues Hemd, und der Hintergrund ist unscharf, wodurch die Aufmerksamkeit auf sein Gesicht und seinen Gesichtsausdruck gelenkt wird.

Sein Weg führte Max Senges, 47, von der Wirtschaftsinformatik in die Philosophie und von den Vereinten Nationen über Google an die Universität der Künste Berlin. Für ihn passt das alles zusammen.

Fotografie: Julia Sellmann

Es war kein einfaches Ende. Max Senges hatte als Gründungsrektor die deutschen Ableger der Softwareentwicklerhochschule „42“ in Wolfsburg und Berlin aufgebaut. Das Konzept aus Frankreich setzt auf Peer-Learning, die IT-Schule hat in mehr als 25 Ländern Standorte. Für Senges endete seine Zeit nach zwei Jahren. „Recht abrupt“, wie er sagt. Über die Hintergründe spricht er ungern. Er sagt nur so viel: Die Geldgeber hätten eine effiziente Schmiede für Softwareentwickler schaffen wollen, während es ihm darum gegangen sei, Peer-Learning mit unternehmerischem Denken zu verknüpfen. Es habe nicht mehr zusammengepasst. „Eine einfache Zeit war das nicht.“

Das klingt nach Scheitern. Senges widerspricht nicht. „Rückschläge passieren am laufenden Band“, sagt er, Hinfallen gehöre dazu. Was als Nächstes kam, nennt er eine „Neuerfindung aus voller Fahrt“, mit 44 Jahren. Senges ist jemand, der schon öfter die Spur gewechselt hat – der neugierig durch die Arbeitswelt navigiert.

Aufgewachsen ist er als Sohn eines Arztes und einer Psychotherapeutin in Heidelberg. Er war bei den Vereinten Nationen in New York, promovierte in Philosophie in Barcelona, gründete Start-ups in Stanford und Heidelberg, verbrachte elf Jahre bei Google. Heute ist er Gastprofessor an der Universität der Künste Berlin und leitet dort das Institute of Electronic Business.

Wenn er seinen Lebenslauf Revue passieren lässt, nimmt er die Brille ab, setzt sie wieder auf, zitiert Philosophen, Ökonomen, Freunde. „Ich habe professoral viel geredet“, sagt er am Ende, fast entschuldigend. Über sich selbst spreche er ungern, lieber über Ideen, Konzepte und Projekte. Seine Geschichte ist voller Brüche – aber verbunden durch rote Fäden.

1995 kommt Senges mit 16 für ein Auslandsjahr nach Kanada. Er sieht zum ersten Mal den Netscape-Browser. „Da wusste ich, dass das Internet alles verändern wird.“ Vor allem der neue, leichte Zugang zu Wissen fasziniert ihn. Er studiert Wirtschaftsinformatik und geht im Anschluss nach Kopenhagen zu den Vereinten Nationen, wo er seine Diplomarbeit über internetbasiertes Wissensmanagement schreibt. Anschließend kommt er mit einem Stipendium des Auswärtigen Amts in die UN-Zentrale nach New York.

Er wechselt die Spur: In Barcelona promoviert er transdisziplinär, an der Schnittstelle von Philosophie, Bildung und Entrepreneurship – und entwickelt in seiner Doktorarbeit das ‚Entrepreneurial Mindset‘: die These, dass Unternehmertum eine Lebenshaltung ist.

Keines seiner frühen Start-ups wird ein richtiger Erfolg. In Stanford gründet er „Super Cool School“ mit, eine App, mit der man gemeinsam mit anderen lernen kann – von Kochen bis Spanisch. In seiner Heimatstadt Heidelberg will er mit einer neuen Firma älteren Menschen die Angst vor digitaler Technik nehmen.

Dann meldet sich Google. Seinen Jobtitel sucht er sich selbst aus: „Inhouse Philosopher“. Senges baut das Berliner Büro mit auf, knüpft Forschungs- und Start-up-Partnerschaften, ist am Aufbau des Alexander von Humboldt Instituts für Internet und Gesellschaft beteiligt. Später arbeitet er im Silicon Valley mit Vint Cerf, einem Miterfinder des Internets, an Standards für das Internet of Things – damit „nicht jede Glühlampe eine eigene App braucht“, sondern Geräte verschiedener Hersteller miteinander kommunizieren. Insgesamt bleibt Senges elf Jahre bei dem Konzern.

„Google bot mir anfangs sehr viel Freiheit“, sagt er. Das Unternehmen folgte dem Motto: „Hire good people and get out of their way.“ Aber Google verwandelt sich immer mehr in einen normalen Konzern, in dem es vor allem um messbare Ziele geht. Als sich dann auch noch das politische Klima in den USA ändert, kehrt Senges mit seiner Familie nach Deutschland zurück.

Heute kritisiert er den Kennzahlendruck bei Google – empfiehlt aber, das ganze Leben als Unternehmung zu begreifen. Ist das nicht auch Optimierungsdruck? Für ihn nicht: Denn es gehe nicht darum, schneller zu rennen – sondern darum, bewusster zu entscheiden, in welche Richtung.

Er erprobt sein Ideal ständig im Alltag, manchmal sei die Umsetzung bei einer vierköpfigen Familie allerdings eine Herausforderung, räumt Senges ein. Auch wenn eine berufliche Station endet, tut er das, was sein Konzept verlangt: alle Möglichkeiten betrachten. „Wenn ich noch etwa vierzig Jahre zu leben habe – womit möchte ich die verbringen?“ Das Ergebnis: weg von der Fixierung auf das Messbare – und nicht wieder in einen Konzern.

So gelangt er zurück in die Wissenschaft: An der Universität der Künste Berlin lehrt er Entrepreneurship vor angehenden Opernsängerinnen, Bühnenbildnern, Schauspielern. „Es geht um Mündigkeit“, sagt er. In seinen Seminaren sieht er sich als Trainer in einer „Muckibude der Selbstwirksamkeit“. Auch das Peer-Learning greift er dort wieder auf – er hat gemeinsam mit einer Stiftung eine offene Lernplattform für Entrepreneurship als Lebenskunst aufgebaut.

Vielleicht ist eine Kunsthochschule genau der Ort, den ein Freigeist wie Senges braucht. Zumindest erst einmal. Die Gastprofessur ist befristet, wurde aber gerade um ein weiteres Jahr verlängert. ---