Stamm-Kapital
Was ist der Wald wert? Wirtschaftlich, gesellschaftlich, ökologisch, kulturell? Ein Forstwissenschaftler rechnet es vor.
• Im Marteloskop Nummer 13 stehen 309 Bäume, vor allem Tannen, Buchen, Douglasien. Dieses Waldstück ist exakt einen Hektar (100 mal 100 Meter) groß und schmiegt sich auf 400 Metern Höhe an einen Südhang des Schwarzwaldes. Oberhalb des Marteloskops ragt der Roßkopf mit seinem stählernen Aussichtsturm in den blauen Himmel. Unterhalb sieht man Freiburg mit der Universität und dem Institut für Forstwissenschaften im leichten Dunst.
Im Institut liegt das Tablet von Jürgen Bauhus in einer Schublade. Wäre schön, er hätte es dort nicht vergessen, dann könnte er jetzt sofort sagen, wie es um die Douglasie Nummer 121 steht. Ein Klick auf die Zahl in der Karte des Marteloskopes – und alle Daten wären da. Wurzelwerk, Stammdurchmesser, Höhe, Holzmenge in Kubikmetern.
Aber ohne Computer muss Bauhus jetzt die rechte Hand zur Faust ballen, Daumen und kleinen Finger nach vorn gespreizt, auf Brusthöhe an den Baumstamm legen und dann Hand für Hand den Baum umrunden, um jeweils zehn Zentimeter abzumessen. So kriegt Bauhus wenigstens annähernd den Umfang und den Durchmesser raus: 300 Zentimeter geteilt durch Pi. Ist etwa 96. Auch den Rest muss er schätzen. Alter: 100 Jahre plus. Höhe: 50 Meter.
Warum macht der Mann das, und was ist hier los im Freiburger Stadtwald?
Erste Antwort: Bauhus, 61, ist Professor für Waldbau an der Universität Freiburg und Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats für Waldpolitik, eine ziemliche Koryphäe in der europäischen Forstwissenschaft. Zweite Antwort: Ein Marteloskop ist ein definierter Forschungsraum im Wald von meistens einem Hektar, in dem alle Bäume kartografiert, vermessen und untersucht werden. In Europa gibt es 233 Marteloskope. Dritte Antwort: Bauhus will ermitteln, was der Wald wert ist, und zwar nicht nur wirtschaftlich, sondern auch ökologisch, gesellschaftlich, kulturell, psychologisch. Keine leichte Aufgabe.
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Er ist Teil unserer Ausgabe Wert der Natur