Gletscher
Ganz dünnes Eis
Die Alpen sind das größte Süßwasserreservoir Europas. Noch. Denn bis Ende des Jahrhunderts werden ihre Gletscher weitgehend verschwunden sein. Und mit ihnen einer der wichtigsten Wasserpuffer des Kontinents. Mit als Erste davon betroffen ist die Schweiz. Was tut man dort?
Gornergletscher
Aletschgletscher
Wasser bei Zermatt
• Wer das schwierige Verhältnis der Menschen zum Eis verstehen will, der reise zum Ignatiusfest nach Fiesch. Dort, im Kanton Wallis im Südwesten der Schweiz, rückte im 17. Jahrhundert der mächtige Aletschgletscher bedrohlich nah ans Dorf heran. Mit mehreren Metern pro Tag wälzte sich der Koloss über die Äcker. Die Einwohner erkannten darin Gottes Zorn und legten 1678 vor dem Papst ein Gelübde ab, fortan tugendhaft zu leben und jeden 31. Juli zu Ehren des Heiligen Ignatius, dem jesuitischen Schutzpatron gegen Fieber und Gewissensbisse, im Morgengrauen zur Kapelle im Ernerwald zu prozessieren, um dort gegen den gefräßigen Aletsch zu beten.
Das machten sie 331 Jahre lang – bis der Aletsch so schnell wich, dass sich die Einwohner 2009 abermals an den Papst wandten, um für die Umkehr des Gletscherbanns zu bitten. Und so wird seit 2012 bei der jährlichen Prozession zum Ernerwald nun für statt gegen den Gletscher gebetet. Auch weil man im Gegensatz zum 17. Jahrhundert in Fiesch heute nicht mehr vom Acker, sondern vom Tourismus lebt.
Leider ist nicht nur der Walliser Aletschgletscher auf dem Rückzug, sondern mit ihm auch alle übrigen 1.400 Gletscher der Schweiz. Und zwar im Rekordtempo und mit weitreichenden Folgen. Denn wenn die Alpen das Wasser nicht mehr halten können, betrifft das auch die Länder ringsum. Sechs Prozent der europäischen Trinkwasserreserven liegen in der Schweiz. Knapp die Hälfte des Wassers, das durch den Rhein in die Nordsee fließt, entspringt in den Schweizer Bergen. In trockenen Sommern fällt der Rheinpegel bereits heute unter die schiffbare Höhe, ohne die Schweizer Eisreserve dürfte er im Sommer immer häufiger zum Rinnsal werden. Das gleiche Schicksal ereilt die Rhone, die auf ihrem Weg ins Mittelmeer französische Atomkraftwerke kühlt. Von Italien ganz zu schweigen, das beim Bewässern der Felder der Po-Ebene auch am Tropf der Schweiz hängt, die den Zulauf reguliert.
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Er ist Teil unserer Ausgabe Wert der Natur