CO2-Steuer in Dänemark
Geht doch!
Ausgerechnet der Agrarstaat Dänemark hat die weltweit erste CO2-Steuer auf landwirtschaftliche Emissionen eingeführt. Wie konnte das gelingen?
Hat ihren Betrieb in den vergangenen Jahren auf 420 Kühe ausgebaut: Landwirtin Wilma van den Hengel
• In diesen Tagen blickt Wilma van den Hengel wieder häufig in den Himmel, um zu sehen, was die Zukunft wohl bringt. Anfang März zieht sich der Frost von der jütländischen Küste in Richtung Polarkreis zurück. Aber die 53-jährige Milchbäuerin fürchtet nicht die Kälte, sondern dunkle, regenschwere Wolken, die den lehmigen Boden ihrer 400 Hektar Land in eine Matschlandschaft verwandeln und die Arbeit mit Traktor und anderen schweren Maschinen unmöglich machen. „Wir haben immer mehr Starkregenfälle“, sagt sie, „2024 war ein schreckliches Jahr.“ Das Bauern-Ehepaar konnte wegen der Bodenverhältnisse die Felder im Herbst nicht umpflügen. „Es hat sich wahnsinnig viel Arbeit aufgestaut.“ Nun gilt es, in wenigen Wochen die Böden aufzubereiten, zu düngen und Saatgut für Mais und Rüben auszubringen. Die Zeit drängt.
Und dann muss van den Hengel, die sich auf dem Hof um die Buchhaltung kümmert, neu rechnen: Denn von 2030 an müssen Landwirtschaftsbetriebe in Dänemark Steuern auf Klimagasemissionen zahlen: 40 Euro für ein CO2-Äquivalent. Für jede der 420 Milchkühe sind das 48 Euro pro Jahr. 2035 steigt die Abgabe auf 100 Euro. „Die Leute wollen mehr Natur“, sagt sie, „aber sie wollen auch billige Lebensmittel.“ Was sie meint: Warum sollen nur wir die Widersprüche des modernen Lebensstils auflösen?
Im Herbst 2024 wurde in Dänemark der sogenannte Green Tripartite Deal verabschiedet: Regierung, die dänische Gesellschaft für Umweltschutz und der Bauernverband einigten sich auf die weltweit erste CO2-Steuer auf landwirtschaftliche Emissionen. In Deutschland legten die Bauern die Hauptstadt mit einer Traktordemo lahm, weil klimaschädliche Dieselsubventionen gestrichen werden sollten. In Dänemark beschloss man hingegen nicht nur die Besteuerung von Methan, CO2 und anderen Klimagasen, sondern auch die Renaturierung von 15 Prozent der bewirtschafteten Flächen und einen neuen Umgang mit Stickstoff, Gülle und anderen Düngemitteln. Das soll die Treibhausgasemissionen des dänischen Agrarsektors bis 2035 um 2,6 Millionen Tonnen verringern. Und das ohne Straßenblockaden und Großdemos. Warum haben Landwirte sich darauf eingelassen? Und was kann man daraus lernen?
Es liegt sicher nicht daran, dass alle Bauern in Dänemark klimabewegte Öko-Fans wären. „Ich finde die Steuer ziemlich dumm“, sagt Wilma van den Hengel. „Sie erschwert unser Geschäft. Und müsste uns dann nicht das CO2 gutgeschrieben werden, das unsere Pflanzen beim Wachsen aufnehmen?“ Seit Anfang der Neunzigerjahre hat sie mit ihrem Mann in Westdänemark den Betrieb von 60 auf 420 Kühe und 300 Kälber ausgebaut und die landwirtschaftlich genutzte Fläche mehr als versechsfacht. Heute können sie ihre Tiere bis zu 80 Prozent mit selbst angebautem Futter versorgen. Aber wird das auch noch in Zukunft gehen? Wilma van den Hengel engagiert sich im dänischen Bauernverband und weiß, dass „die meisten Landwirte zwischen 50 und 60 Jahre alt sind. Die Unsicherheit trägt nicht dazu bei, dass sie leichter Nachfolger finden.“
Eine CO2-Steuer auf Agrarproduktion galt lange als No-Go in der internationalen Klimapolitik. Zu gut organisiert die Bauernverbände, zu komplex die Umsetzung, zu groß der Druck des Marktes. Dass der Durchbruch dann in Dänemark gelang, überrascht dennoch nur bedingt: Das skandinavische Land erwirtschaftet stabile Haushaltsüberschüsse und gilt als Pionier in der Umweltpolitik. Bereits 1971 gründete das Land das erste nationale Umweltministerium, 1991 folgte der weltweit erste Offshore-Windpark. Heute stammen 83 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien – und es gibt nur noch ein Kohlekraftwerk. Das kleine Land mit nur 5,9 Millionen Einwohnern meldete mehr Patente für erneuerbare Energie an als jede andere Nation und ist Spitzenreiter in diversen Nachhaltigkeitsrankings.
Von „No-Go“ zu „Let’s go“
Der Erfolg ist noch höher zu bewerten, wenn man die Rolle der Landwirtschafts- und Lebensmittelbranche in Dänemark betrachtet: Fast zwei Drittel der Gesamtfläche des Landes wird landwirtschaftlich genutzt (in Deutschland ist es etwa die Hälfte), der Argarsektor ist für 22 Prozent aller Exporte verantwortlich. Insgesamt arbeiten in Dänemark knapp 120.000 Menschen in dieser Branche – deren Anteil an allen Erwerbstätigen damit doppelt so hoch ist wie hierzulande. Die dänische Landwirtschaft produziert vor allem Getreide, Kartoffeln, Milchprodukte sowie Schweinefleisch. In Dänemark gibt es viele Großbauernhöfe: 78 Prozent der Ackerfläche werden mithilfe von GPS und anderen Sensoren automatisiert bestellt. Zehn Prozent der Vollerwerbshöfe sind Bio-Höfe.
„Die Vereinbarung stellt die Weichen für eine langfristige Transformation der dänischen Lebensmittel- und Agrarproduktion einschließlich der Landnutzung“, sagt Jeppe Bruus, der das Ministerium für die Agrarwende leitet. „Es wird zu der größten Veränderung der dänischen Landschaft seit mehr als hundert Jahren führen.“
Also noch mal, wie haben sie das geschafft?
Der Green Deal ist das Ergebnis eines langen politischen Prozesses. Bereits im Jahr 2020 wurde mit breiter politischer Mehrheit ein nationales Klimagesetz verabschiedet. Das Ziel: eine Reduktion der Klimagase bis 2030 um 70 Prozent gegenüber dem Stand von 1990. Um das zu erreichen, musste die Regierung einen besonderen Fokus auf die grüne Transformation der Landwirtschaft legen und neben den Emissionen auch die Auswaschung von Stickstoff ins Meer vermindern. Denn die Binnengewässer der dänischen Fjorde sind stark verschmutzt. Ohne Maßnahmen wäre die Landwirtschaft 2030 für 46 Prozent der gesamten Klimagasemissionen in Dänemark verantwortlich.
Im Winter 2024 machte eine Expertenkommission die ersten Vorschläge für CO2-Steuern in der Landwirtschaft. Es gab starken Gegenwind. Michael Svarer, Ökonom und Vorsitzender der Kommission, hörte von Landwirten: „Vor hundert Jahren hätten wir dich in der Scheune aufgeknüpft.“ Das war nur halb im Scherz gemeint. Auch Anders Panum Jensen, der politische Direktor des Bauernverbandes, gibt zu, dass es „lichterloh gebrannt hat in unseren Reihen: Wir waren fundamental gegen diese Vorschläge.“
Zu einem Traktorkorso Richtung Kopenhagen kam es aber nicht. Laut Simone Højte, Klimaberaterin beim Thinktank Concito, auch weil „es in Dänemark ein großes Bewusstsein für die schädlichen Auswirkungen der Landwirtschaft gibt“. Viele Däninnen und Dänen haben ein Ferienhaus an der Küste und sehen mit eigenen Augen die Algenpest und das Fischsterben, Folgen der Überdüngung. Und weil fast alles Trinkwasser auf landwirtschaftlich genutzten Flächen gewonnen wird, ist der umwelt- und gesundheitsverträgliche Umgang mit Düngern und Pestiziden seit den 1980ern ein großes Thema. „Der gesellschaftliche Konsens erzeugte einen gewissen Erfolgsdruck“, so Højte.
Kostet bald 40 Euro Klimasteuer: Kalb auf dem Hof von Wilma van den Hengel
Keine Chance für Spaßbremsen
Der offizielle Titel des Vertragswerks heißt „Green Tripartite Agreement“ („grünes Dreierabkommen“). Dreierabkommen stimmt nicht ganz, denn es waren neben Regierung, Agrarverbänden und Naturschutzorganisationen auch Gewerkschaften, Industrievertreter und Gemeinden beteiligt. Vor den Verhandlungen fand eine sogenannte Stakeholder-Phase statt, in der die Perspektiven von Forschungsgruppen, NGOs und Thinktanks integriert wurden. Auch Concito war als sogenannter Wissenspartner dabei: „In diesen Monaten konnte man sich kennenlernen und Beziehungen knüpfen“, sagt Højte. Diese soziale Komponente spielte eine wichtige Rolle, als es an die Details ging. Denn mit wem man auch spricht, ob mit Bauernvertretern, Regierungsmitgliedern oder externen Experten: Fast alle betonen die „typisch dänische Kultur“, die zum Kompromiss beigetragen habe. In dänischen Meetings solle man sich immer den Ja-Hut aufsetzen und den Nein-Hut daheim lassen. Statt Gründe zu finden, warum eine Neuerung nicht möglich ist, soll lieber eine Alternative vorgeschlagen werden. In Dänemark gibt es in Verhandlungen – egal, ob am Familien- oder am Konferenztisch – angeblich keine schlimmere Beleidigung als „Lyseslukker“. Zu Deutsch „Kerzenauspuster“. Frei übersetzt auch „Spaßbremse“.
In der Woche vor der Verabschiedung des Green Deals führten Maria Gjerding, Präsidentin der Danish Society for Nature Conservation, und Søren Søndergaard, Vorsitzender des Danish Agriculture & Food Council, Tagebuch für die dänische Tageszeitung »Politiken«. Die Notizen geben Einblicke hinter die Kulissen des Verhandlungsmarathons. Der Satz, der am häufigsten fällt: „Ich kann nicht schlafen.“ Der Druck war enorm. Und offenbar auch der Hunger.
„Die Leute vom Ministerium sind fantastisch im Catering“, schreibt Gjerding drei Tage vor Vertragsabschluss. „Ich liebe den würzigen Thunfisch, fürchte jedoch, dass es keine Bio-Qualität ist.“ Am selben Tag notiert Søndergaard: „Das Catering ist gut. Es gibt eine große Auswahl. Und übrig bleiben fast immer die veganen Sandwiches.“ Und auch wenn die Statements ernährungsideologisch gefärbt sind, zeigen sie, dass man hart um die Höhe der CO2-Steuer kämpfen und doch am gleichen Tisch miteinander essen kann. „Alle sind müde und ein wenig erschöpft, aber alle sind auch bereit, alles zu geben“, schreibt die Umweltschützerin. Und Søndergaard: „Man muss respektieren, dass jeder einige Siege aus dem Raum mitnehmen muss, weil jeder auch Niederlagen hat. Es muss sich alles fügen.“
Produzieren Milch und Klimagase: Kühe in Jütland
Komplexität ist gut für Kompromisse
Ab 2030 werden klimaschädliche Nutztier-Emissionen von Kühen, Schweinen und Gülle mit 40 Euro pro Tonne CO2-Äquivalent besteuert, ab 2035 mit 100 Euro – allerdings sind Steuererleichterungen von bis zu 60 Prozent für die Landwirte eingeplant, so dass sie effektiv 16 Euro und fünf Jahre später 40 Euro zahlen müssen. Mit den Einnahmen soll die grüne Transformation der Landwirtschaft vorangetrieben werden – etwa Forschung und Entwicklung. „Wir hoffen und erwarten, dass wir in den kommenden zehn Jahren neue klimafreundliche Techniken entwickeln, die uns dann am Ende vor der CO2-Steuer retten“, sagt Anders Panum Jensen vom Bauernverband.
Außerdem wird die Regierung aus dem Staatshaushalt fünf Milliarden Euro investieren, um bis zu 15 Prozent der heute landwirtschaftlich genutzten Fläche zu renaturieren. So sollen 250.000 Hektar Wald entstehen und 140.000 Hektar entwässerte Torfgebiete wiederhergestellt werden. Und weil Stickstoffdünger in vielen dänischen Gewässern zu Sauerstoffarmut führen, befasst sich ein dritter Teil des Vertrags mit Gülle und Kunstdünger. Bis 2027 sollen 13.780 Tonnen weniger Stickstoffverbindungen ins Grundwasser sickern. Vor allem aber sollen Ackerflächen, die am wirksamsten die CO2- und Stickstoffemissionen reduzieren können, stillgelegt werden.
Naturschützer loben, dass der Vertrag den Zusammenhang zwischen industrieller Landwirtschaft, CO2-Emissionen, Biodiversität und Wasserqualität berücksichtigt. „Es war ein Vorteil, dass wir viele verschiedene Themen auf dem Tisch hatten“, sagt Anders Panum Jensen. „So hatten wir mehr Freiraum, um Kompromisse zu schließen.“ Die Bauernverbände sind zufrieden mit dem Ergebnis, weil die Steuer geringer ist als zu Beginn befürchtet und die Agrarproduktion in Zukunft weniger reguliert werden soll.
Unterm Strich wird für den Agrarsektor bis 2035 ein Produktionsrückgang von sechs Prozent und ein Verlust von 1.950 Arbeitsplätzen erwartet. Die Preise für Fleisch- und Milchprodukte werden nur in Maßen steigen: Rindfleisch wird bis 2030 um zwei Prozent und bis 2035 um vier Prozent teurer werden. „Man muss wissen, wer gewinnt und wer verliert, und gegensteuern“, sagt Simone Højte von Concito. Dänemark hat damit Erfahrung. In den Neunzigerjahren verloren viele ihren Job in der Öl- und Gasindustrie, dafür entstanden neue Möglichkeiten in der grünen Industrie. Eins ist sicher, das Dänemark, diese grünen Hügel und endlosen Felder von Sjeland, das man aus Ferienkatalogen kennt, wird sich mit dem Green Deal verändern: mehr wilde Natur- und weniger gepflegte Naturlandschaft.
Noch nicht am Ende ihres Weges angekommen: die Bäuerin Wilma van den Hengel
Ehrgeiz statt Ärger
Damit es nicht bei Absichtserklärungen bleibt, hat die Regierung 2024 eigens das Ministeriet for Grøn Trepart geschaffen – benannt nach dem Vertrag, den es umsetzen soll. Das politische Signal: Der Green Deal ist keine befristete Maßnahme, sondern ein langfristiger Umbau. Eine breite parteiübergreifende Mehrheit im Parlament unterstützt die neue Steuer. „Eines ist sicher: Die Klimakrise wird nicht verschwinden“, sagt Jeppe Bruus. Im dänischen Parlament gebe es eine lange Tradition, dass große politische Veränderungen von einem breiten Spektrum von Parteien getragen werden. „Diese Deals können nur gelingen, wenn alle dahinterstehenden Parteien zustimmen – selbst wenn sich Regierung oder Mehrheitsverhältnisse ändern.“
Wilma van den Hengel führt keinen Biobauernhof, aber die Natur sei ihr wichtig, sagt sie und erzählt von der Solaranlage auf dem Scheunendach, von den Spriteinsparungen durch GPS-gesteuerte Traktoren und vom neuen Futterzusatz, der die Methanemissionen ihrer Kühe um 30 Prozent senken soll. „Für klimafreundliche Innovationen bekommen wir Punkte“, sagt sie. „Und je mehr Punkte, desto bessere Preise können wir erzielen.“
Während sie spricht, rückt der Ärger in den Hintergrund. Stattdessen wächst der Ehrgeiz. „Wir sind erst Anfang 50“, sagt sie, „wir wollen noch etwas aufbauen.“ Das Paar plant eine Biogasanlage, investiert in Melkroboter, um die Mitarbeiter zu entlasten. „Wir werden einige Flächen verlieren, aber auf dem Rest wollen wir effizienter wirtschaften.“
Aber kann es eine grüne Zukunft geben, wenn wir weiterhin so viel Fleisch und Milch zu uns nehmen? Halten Reformen wie der Green Deal letztlich nur die konventionelle Landwirtschaft am Leben, statt sie grundlegend zu überdenken? „Ein bemerkenswerter Mangel des Green Deal ist, dass es nur bedingt Anreize für die Entwicklung pflanzlicher Lebensmittel oder neuer Wertschöpfungsketten gibt“, sagt die Beraterin Simone Højte. Und grundsätzlich infrage stelle das Abkommen das dänische Agrarmodell auch nicht.
Demnächst sollen 23 lokale Gremien aus Verwaltung, Naturschützern und Bauern auf regionaler Ebene entscheiden, welche Flächen renaturiert werden. Die Landwirte kennen die Böden, die Naturschützer die Ökosysteme. „Es ist nicht der schnellste Prozess, aber er erzeugt weniger Widerstand“, sagt Højte. Ab 2027 werden die Effekte alle drei Jahre bewertet. Bisher sind die Maßnahmen zur Stickstoffreduktion freiwillig. Sollte das nicht reichen, blühen der Branche feste Quoten und Vorschriften.
Van den Hengel ist ungeduldig. „Ein Jahr ist rum, und wir stehen noch am Anfang.“ Ihr Betrieb besitzt tiefgelegenes Land nahe der Küste, das wahrscheinlich stillgelegt werden soll. Dafür werden sie und ihr Mann voraussichtlich andere Flächen angeboten bekommen. Doch die Bodenpreise sind um bis zu 30 Prozent gestiegen, Investoren sichern sich Agrarflächen für Solarparks. „Da können wir nicht mithalten.“
Wilma van den Hengel ist keine Klimaskeptikerin – im Gegenteil. Sie glaubt, dass ihr Beruf im Anthropozän wichtiger wird denn je. „In Südeuropa wird es immer trockener, die Landwirtschaft dort wird schwieriger.“ Dann müsse der Norden einspringen.
Aber warum sollen nur dänische Bauern die Kosten des Klimawandels tragen? „Es wäre nur fair, wenn die Regeln in der ganzen EU gelten“, sagt sie. „Und gut fürs Klima wäre es auch.“ ---