Christian Hiß
Der wahre Preis
Christian Hiß ist ein akribischer Rechner – und ein Landwirt aus Leidenschaft. Beides zusammen soll dafür sorgen, dass in der Landwirtschaft künftig auch die Arbeit fürs Gemeinwohl ordentlich bezahlt wird.
• Landwirtinnen und Landwirte beackern in Deutschland etwa die Hälfte der Landfläche, weshalb ihre Arbeit viel Potenzial für den Natur- und Klimaschutz hat. Ein Großteil von ihnen würde laut Umfragen auch gerne mehr tun, etwa Hecken pflanzen, Humus aufbauen oder Moore wieder vernässen. Nur: Bislang fehlt dazu ein finanzieller Anreiz. Die Fördergelder der EU decken lediglich die Kosten für die Umweltanstrengungen.
Der Land- und Betriebswirt Christian Hiß will dieses Problem lösen. Mit seiner sogenannten Regionalwert-Leistungsrechnung sollen Bauern auf den Cent genau ausrechnen können, wie viel ihre Arbeit für das Gemeinwohl wert ist – und diesen Betrag künftig zum Beispiel Abnehmern von Agrarprodukten in Rechnung stellen. Nach dieser Berechnung sollten, so fordert Hiß, auch Agrarsubventionen in Deutschland verteilt werden.
Hiß, 64, lebt schon sein ganzes Leben in Eichstetten am Kaiserstuhl. Das Dorf bei Freiburg mit seinen rund 3.800 Seelen gilt als eine der Keimzellen des ökologischen Landbaus in Deutschland. Hiß’ Vater Karl brachte den Ansatz 1948 mit nach Südbaden, nachdem er in englischer Kriegsgefangenschaft ein Buch des Ökolandbaupioniers Albert Howard aus der Lagerbibliothek gelesen hatte. Sein Sohn Christian will die Agrarwende nun weiter vorantreiben – allerdings weniger mit den Händen als mit Bilanzbüchern.
brand eins: Herr Hiß, Sie setzen sich seit mehr als 40 Jahren dafür ein, dass Landwirtinnen und Landwirte für ihren Beitrag zum Gemeinwohl angemessen bezahlt werden. Es wirkt, als habe sich seitdem nicht viel getan. Warum machen Sie weiter?
Christian Hiß: Ich habe sehr viel Sokrates gelesen. Eines seiner Fragmente ist mir besonders im Kopf geblieben: Wie soll es sein, wenn nicht so, wie es ist? Diese Frage treibt mich an.
Dabei gilt Ihre Branche nicht gerade als veränderungsfreudig.
Es stimmt schon: Das bevorzugte rhetorische Mittel des Landwirts ist die Klage. Ich kenne das seit meiner Jugend hier am Kaiserstuhl, wo viel Weinbau und Ackerbau betrieben wird. Ein Stück weit kann ich das nachvollziehen. Vieles an der Arbeit ist mühsam, und die Sorgen sind oft existenziell. Aber beim Klagen wollte ich nie stehen bleiben. Da haben mich meine Eltern geprägt, die mitten im Boom des Wirtschaftswunders und der Industrialisierung der Landwirtschaft mit all ihren Schattenseiten für die Natur eine echte ökologische Vision entwickelt haben. Daraus ist meine ethische Grundhaltung erwachsen.
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Er ist Teil unserer Ausgabe Wert der Natur