Miss Pompadour
Lebenshilfe inklusive
Die Firma Miss Pompadour ist erfolgreich, weil sie ihren Kundinnen neben Farben und Tapeten etwas sehr Wertvolles anbietet: ein offenes Ohr.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 02/2025.
Die erste Gründerin: Astrid Reintjes
• Von Nicole Hohmanns Küche gibt es ein Vorher und ein Nachher. Vorher wirkte sie rustikal und ein wenig altmodisch. Jetzt, nach der Renovierung, ist sie kaum wiederzuerkennen. Olivgrüne Fronten, schwarze Griffe an den Schränken und ein heller Fliesenspiegel lassen den Raum deutlich eleganter wirken.
„Ich bin sehr zufrieden“, schrieb sie am 2. Dezember 2024 in der Facebook-Gruppe der Firma Miss Pompadour, in der sie die Vorher-Nachher-Bilder hochgeladen hat. „Mal sehen, wie die Farbe im Alltag standhält.“ Binnen weniger Stunden erhielt sie auf ihren Beitrag rund hundert Likes und ein Dutzend Kommentare. „Wahnsinnig schön!“, kommentierte jemand. „Hast du abgeklebt? Oder mit einer ruhigen Hand gestrichen?“, wollte eine andere Teilnehmerin wissen.
Solche Dialoge sind typisch für die Facebook-Gruppe. Darin treffen sich Hobby-Handwerkerinnen, tauschen Erfahrungen aus, machen sich gegenseitig Mut. Mehr als 94.000 sind es mittlerweile. Fast nur Frauen. Neben Facebook lädt das Unternehmen auch bei Pinterest, Instagram, Youtube und in der eigenen App zum Austausch ein.
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Der zweite Gründer: Erik Reintjes
Der Topseller: feiner Streichpinsel in Pink
Das Videostudio: Dort entstehen Filme für die sozialen Medien
Die Firma mit Sitz in Sinzing bei Regensburg verkauft online Möbellacke, Wandfarben und Tapeten. Die drei Gründer betonen, dass ihre Produkte besonders und nicht in jedem Baumarkt erhältlich sind. Doch von der Konkurrenz hebt sich Miss Pompadour vor allem durch die Kommunikation mit den Kundinnen ab. Die tauschen sich nicht nur untereinander aus, sondern werden von Angestellten der Firma per Telefon, Chat oder E-Mail einfühlsam beraten.
Die Firma hat früh erkannt, dass die Kundinnen weit mehr als nur fachlichen Gesprächsbedarf haben. Und das zu ihrem Trumpf gemacht. „Wir sind weniger Farbenhändler als vielmehr Zuhörer und Berater“, sagt die Co-Gründerin Astrid Reintjes.
Das Konzept geht auf, die Firma wächst seit der Gründung im Jahr 2019 stark. Anfangs bestand sie nur aus Mitgliedern der Familie Reintjes und dem befreundeten Programmierer Niklas Lütteken. Heute beschäftigt Miss Pompadour rund 110 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. 2023 betrug der Umsatz 14 Millionen Euro, für 2024 rechnet Astrid Reintjes mit rund 20 Millionen Euro. Finanziell unterstützt wird die Firma von zwei Investorengruppen, die von sich aus auf das Gründerteam zukamen. Zuerst, im Jahr 2022, eine auf den Onlinehandel spezialisierte Gruppe, dann, 2024, eine aus der Farbenindustrie. Beide investierten einen siebenstelligen Betrag. Nachhaltig wachsen bei positivem Geschäftsergebnis sei derzeit das Ziel, sagt Reintjes.
Die Zentrale in Sinzing liegt in einem Gewerbegebiet, nur wenige Minuten von der Autobahnabfahrt entfernt. Es gibt keinen klassischen Empfang. Die Tür steht einen Spalt offen. Sie führt in einen großen Raum mit langem Holztisch, einer Werkbank, Farbmustern, Pinseln und Aufstellern. An einer Wand hängt ein Regal mit Auszeichnungen – erst jüngst wurde das Unternehmen als eines der wachstumsstärksten Deutschlands prämiert.
Außer Astrid Reintjes ist auch ihr Bruder Erik da, er ist für das Gespräch aus seinem Wohnort Wien angereist. Er arbeitet fast ausschließlich remote, wie der Großteil der Belegschaft. Nur die Leute aus der Logistik und Produktion arbeiten nicht von zu Hause aus, sondern in einer 600 Quadratmeter großen Halle rund 20 Kilometer von der Zentrale entfernt. Miss Pompadour vertreibt mehrere eigene Farbenmarken, die im mittleren Preissegment liegen. Die Basis dafür bezieht die Firma von einem niederländischen Hersteller. In der eigenen Halle werden täglich Pigmente hinzugefügt und bis zu 1.500 Pakete für den Versand vorbereitet.
Die Logistik: In dieser Halle werden täglich bis zu 1.500 Pakete für den Versand fertig gemacht
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Vom kleinen Laden zum Onlinehandel
Angefangen hat alles mit einem Ladengeschäft in Regensburg. Astrid Reintjes hatte es 2010 gemeinsam mit ihrer Mutter Heike gegründet. Ein Concept-Store, der auch schon Pompadour hieß. Den Namen haben die Gründerinnen der berühmten Mätresse des französischen Königs Ludwig XV. entliehen. Neben Kaffee verkauften die Reintjes in ihrem Laden Dekorationsaccessoires und Möbel, die sie aus Frankreich, Belgien und den Niederlanden mitbrachten und mit Möbellack restaurierten – weiß und grau, zerkratzt im Shabby Chic. Irgendwann erkundigten sich immer mehr Kundinnen nach dem Lack. „Daraufhin haben wir den auch im Laden verkauft“, sagt Astrid Reintjes. Und fügt hinzu: „Unsere Mutter hat ihr Leben lang einfach alles gestrichen. Wenn ihr eine Glühbirne zu hell war, hat sie das Glas orangefarben lackiert, damit ein getöntes Licht entstand. Oder wenn ihr ein Heizkörper nicht gefiel, hat sie ihn einfach übermalt.“
Als Ergänzung zum Ladengeschäft vertrieben die beiden Frauen ein paar Jahre später Wandfarben in ihrem Onlineshop, der während der Coronapandemie einen unerwarteten Aufschwung erlebte. Den Concept-Store schloss die Familie 2018, weil Mutter Reintjes gesundheitliche Probleme hatte, doch die Nachfrage nach den Farben riss nicht ab und verstärkte sich während der Pandemie. „Die Leute saßen zu Hause im Lockdown und suchten nach kreativen Projekten. Streichen war da die perfekte Ablenkung“, sagt Erik Reintjes.
In der bereits bestehenden Facebook-Gruppe intensivierte man damals den Austausch mit der Onlinekundschaft. Astrid Reintjes fing an, Möbel, Gegenstände und Räume zu streichen und davon Vorher-Nachher-Bilder in der Gruppe zu posten. Das kam gut an. Die Facebook-Gruppe wuchs schnell und auch der Youtube-Kanal, den Reintjes ebenfalls mit ihren Werken bespielte. Immer mehr Frauen, die ihr auf den Kanälen folgten, wollten ihre Vorlagen selbst umsetzen – mit den gleichen Farben.
Erik Reintjes kümmerte sich fortan um Marketing und Vertrieb, der befreundete Programmierer Niklas Lütteken um die Technik. Und Astrid Reintjes konzentrierte sich entsprechend der Nachfrage ganz auf Lacke, Wandfarben und Tapeten von hochwertigen Fremdmarken. Weil die Hersteller während des Lockdowns nicht genug Farbe in den gewünschten Tönen liefern konnten, entwickelten die Reintjes 2020 ihre erste eigene Marke und begannen, selbst zu mischen. Um einen Produzenten zu finden, nutzte das Team ein altes Messeverzeichnis der Branche. „Wir haben alle angeschrieben und gefragt, ob sie für uns produzieren wollen. Nur einer hat sich bei uns zurückgemeldet. Bis heute sind wir sein größter Einzelkunde“, sagt Erik Reintjes.
Noch wichtiger als das war die Weiterentwicklung der Onlinecommunity. Mit Katrin Odvody wurde 2019 eine gelernte Restauratorin eingestellt, die zuvor zwölf Jahre in der Kundenberatung eines großen Onlinehändlers gearbeitet hatte. Heute leitet sie bei Miss Pompadour ein 19-köpfiges Team, das nur dazu da ist, mit den Kundinnen zu kommunizieren. Effizienzvorgaben gibt es dafür nicht. Die Beraterinnen und Berater sollen sich die Zeit nehmen, um alle Fragen zu klären. Keine Kundin soll danach noch googlen und dadurch möglicherweise bei der Konkurrenz landen.
Die Leiterin der Kundenberatung: Katrin Odvody
Ein beliebter Farbton: Rot mit Kirsche
Der dritte Gründer: Niklas Lütteken
Häufig wird’s persönlich
Die meisten Frauen, die sich melden, suchen fachlichen Rat für ihr Renovierungsprojekt. Doch oft gehen die Gespräche darüber hinaus, auch weil es nicht selten eine Lebenskrise ist, die den Wunsch auslöst, der Wohnung einen neuen Anstrich zu verpassen. „Wir hören von Trennungen, Krankheiten und Wendepunkten“, sagt Katrin Odvody. Einmal habe sich eine Kundin gemeldet, die Farbe für das Zimmer ihres Babys bestellt hatte und nun sagte, dass sie die Farbe nicht mehr brauche, weil es kein Baby gebe. Das sei ein besonders drastisches Beispiel, das aber zeige, warum die Beraterinnen und Berater bei Miss Pompadour auf emotionale Gespräche gut vorbereitet sein müssten und dafür von einem externen Coach geschult würden.
Der enge Draht zur Kundschaft hat auch einen praktischen Nutzen. „Gerade in den ersten beiden Jahren war das Feedback der Kundinnen unser größter Schatz“, sagt Astrid Reintjes. So habe man erfahren, dass sich ein bestimmter Pinsel nicht in den Farbwannen ablegen ließ und ein anderer schlecht in der Hand lag. „Wir haben dann das Sortiment verändert.“
Die Firma nutzte die immer größer werdende Community zudem für die Rekrutierung neuer Mitarbeiterinnen. Mehr als die Hälfte der Belegschaft wurde durch Stellenanzeigen in der Facebook-Gruppe gefunden. Frauen, die dort häufig posten oder kommentieren, werden mitunter direkt von der Personalabteilung angesprochen.
Nadine Metten kauft seit 2019 bei Miss Pompadour ein. Sie sagt: „Man hat das Gefühl, dass die Beraterinnen sich wirklich für das Gelingen des Renovierungsprojekts interessieren.“ Metten war dabei, als sich Teile der Community 2024 zum ersten Mal persönlich trafen. Die Mitglieder der Facebook-Gruppe konnten sich für die Teilnahme an der sogenannten MissPompaTour bewerben. Bei insgesamt drei Veranstaltungen malten und fachsimpelten Seite an Seite Kundinnen und Angestellte. „Es war“, so Nadine Metten, „wie ein Treffen unter Freundinnen.“ ---
Ein wichtiges Marketinginstrument: die Vorher-Nachher-Bilder der Kunden
Fotos: © MissPompadour GmbH
Zahl der Menschen, die den Onlineshop oder die App pro Tag besuchen: 25.000
App-Downloads pro Tag: 250 bis 300
App-Downloads gesamt: rund 200.000
Follower auf Instagram: 280.000
Follower auf Facebook: 190.000
Follower auf Tiktok: 31.000
Abonnenten auf Youtube: 24.000
Mitglieder in der Facebook-Gruppe: 94.000
Verkauf: Direktvertrieb im Onlineshop, auf Onlinemarktplätzen und in Social-Media-Kanälen Stationärer Verkauf durch Kooperationen mit familiengeführten Möbelhäusern und in Gartencentern
Märkte: Deutschland, Österreich, Schweiz, Frankreich und die Niederlande
Team: Gründer: Astrid Reintjes, Erik Reintjes, Niklas Lütteken Belegschaft: rund 110 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, davon 70 Prozent in Teilzeit
Umsatz:
im Geschäftsjahr 2023: 14 Millionen Euro netto
im Geschäftsjahr 2024: rund 20 Millionen Euro netto
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