Hyrox
Der Hyrox-Hype
Vor acht Jahren erfand der Hamburger Sportmanager Christian Toetzke eine neue Sportart. Heute schwitzen Hunderttausende nach seinen Regeln. Ein Gespräch darüber, wie man aus Zirkeltraining eine Massenbewegung macht.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 02/2025.
• Christian Toetzke hat einen Lauf: Hyrox ist binnen weniger Jahre zur weltweit am schnellsten wachsenden Fitness-Sportart aufgestiegen. Hunderttausende mühen sich dabei an acht Workout-Stationen, unterbrochen jeweils durch einen 1.000-Meter-Lauf.
Das Besondere aber sind die sogenannten Races, die das Unternehmen in New York, London, München und 80 weiteren Metropolen rund um den Globus veranstaltet. Bei diesen Wettbewerben treten Tausende in Messehallen oder Stadien gegeneinander an. Für Fitnessfans bekommt damit das zumeist einsame Training plötzlich Sinn und Ziel: seine Hyrox-Zeit zu verbessern und beim nächsten Wettbewerb besser abzuschneiden. Fitnessstudios eröffnet es ein neues Geschäftsfeld.
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Mehr als 4.000 Studios haben bereits eine Hyrox-Lizenz erworben. Das »Time Magazine« zählt das Hamburger Start-up heute zu den „100 einflussreichsten Unternehmen der Welt“.
brand eins: Menschen halten sich fit, seit sie laufen können. Wieso glaubten Sie, daraus eine kommerzielle Disziplin formen zu können?
Christian Toetzke: Weil Fitness der größte organisierte Sport der Welt ist. Weltweit sind 230 Millionen Menschen Mitglieder in einem Fitnessstudio – mehr als im Fußball, Tennis, Golf oder in jeder anderen Sportart. Fitness ist eine globale Sprache, die Studios sehen in Mumbai und Schanghai ähnlich aus wie in New York oder Kapstadt. Für diese weltweite Bewegung gab es bislang keine universellen Regeln und keinen Wettbewerb. Aus meiner Sicht also: eine riesige Marktlücke. Mit Hyrox haben wir sie geschlossen.
Jörg Christian Toetzkes Karriere als Sportmanager begann mit einer Niederlage: Als Zehnkämpfer war der heute 56-Jährige nicht gut genug, um von seinem Sport leben zu können. Also stellte er während seines Volkswirtschaftsstudiums die Hamburger Cyclassics und damit ein bis heute erfolgreiches Radrennen auf die Räder.
Mit seiner Upsolut Sports GmbH managte Toetzke später neben den Cyclassics auch den Hamburger Triathlon und die Merchandisingrechte des FC St. Pauli. 2008 verkaufte er seine Firma an den Lagardère-Konzern, für den er einige Jahre als Manager arbeitete.
2017 entwickelte er Hyrox; auf den Fotos untensieht man Trainingsequipment. Der weltweit erste Hyrox Race fand im November desselben Jahres in den Hamburger Messehallen statt. Damals nahmen 750 Menschen teil. Der Name Hyrox hat laut Toetzke übrigens keine tiefere Bedeutung, sondern ist ein reines Fantasieprodukt.
Manche sagen: Hyrox ist wie das gute alte Zirkeltraining. Nur mit Mitgliedsbeitrag.
Wahr ist: Wir haben Dinge zusammengebracht, die es schon immer gab – acht Übungen, die seit Jahrhunderten bekannt sind und natürlichen Bewegungsabläufen folgen. Dazwischen ein moderater Lauf. Dass ein solches Wechseltraining aus Cardio-Übungen, Laufen und Workouts die gesündeste Trainingsform ist, ist auch nichts Neues.
Neu ist: Vor uns hatte aus dieser Erkenntnis noch niemand eine Sportart mit einheitlichen Regeln und standardisierten Wettbewerben geformt.
Wozu braucht es globale Fitnessstandards?
Denken Sie an Erfolgsformate wie den Ironman: Gelaufen, geradelt und geschwommen ist die Menschheit schon vorher. Aber erst als 1978 jemand Wettkampfregeln definierte und auf Hawaii den ersten Ironman veranstaltete, gab es plötzlich einen Standard, an dem sich jede und jeder orientieren kann. Allerdings setzte dieser hohe Einstiegshürden, denn wer kann nach 3,9 Kilometern Schwimmen und 180 Kilometern Radfahren noch einen Marathon über 42 Kilometer laufen? Weltweit gibt es heute daher nur etwa 200.000 aktive Ironman-Sportlerinnen und -Sportler.
Einen Hyrox-Parcours hingegen schaffen Sie auch, wenn Sie sportlich bislang eher durch Fußballschauen aufgefallen sind.
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Hyrox ist also das nüchterne Ergebnis einer Marktanalyse.
Absolut. Ich hatte viele Jahre Radrennen, Triathlons und andere Wettbewerbe organisiert und immer gedacht, im Sport wäre alles erfunden. Dann setzte 2010 der Boom der Extrem-Hindernisrennen wie Tough Mudder oder Tough Guy ein, die eine Zeit lang sehr populär waren. Das zeigte mir, dass es für neue Disziplinen durchaus einen Markt geben kann. Was mir damals auffiel: Für geschätzt 100 Millionen Menschen, die an einem beliebigen Tag irgendwo auf der Welt ins Gym gehen, gab es keinen einzigen Wettbewerb. Das war der Zündfunke für Hyrox.
Wieso sind wir so scharf darauf, uns an anderen zu messen?
Weil wir soziale Wesen sind. Wir wollen uns innerhalb einer Gruppe mit anderen vergleichen, und das nicht virtuell, sondern ganz in echt. Abgesehen von unserer virtuellen Akademie, mit der man sich zum Hyrox-Trainer qualifizieren kann, arbeiten wir deshalb analog. Was auch der Grund war, dass man uns in den ersten Jahren belächelt hat, denn wir hatten kein digitales Geschäftsmodell und keine App, in die man unsinnige Werte eintragen konnte.
Moment, mithilfe von Fitness-Apps wie Strava lassen sich sportliche Leistungen durchaus digital vergleichen.
Aber bei Strava gibt es keine Kampfrichter, keine allgemein akzeptierten Standards und viele Möglichkeiten zum Schummeln. Die Magie unserer Hyrox-Races besteht darin, dass alle am selben Tag auf derselben Strecke dasselbe Pensum absolvieren – ähnlich wie beim Marathon. Wie lautet Ihre erste Frage, wenn Ihnen jemand erzählt, dass er Marathon läuft?
Natürlich: Was ist deine Zeit?
Genau. Und darum haben wir Hyrox so angelegt: mit klaren Regeln, festen Standards und einer Finishing-Zeit als universellem Maßstab. Der Weltrekord in der Amateurklasse bei Männern liegt aktuell bei 53:22 Minuten, bei Frauen bei 58:03 Minuten. Daran kann sich jeder orientieren: Amateure und Profis, Frauen und Männer, Amerikanerinnen und Chinesen, Junge und Alte.
Anders als andere Massensportevents finden Ihre Wettbewerbe nicht unter freiem Himmel statt, sondern in Messehallen oder überdachten Stadien. Warum?
Wegen eines Problems, das sich für uns als enormer Glücksfall entpuppte. Weil sich 2017 unser erster Race in den Hamburger Herbst verschob, mussten wir auf die Hamburger Messehallen ausweichen. Dort haben wir begriffen, welche enormen Vorteile das hat: All die Genehmigungen, Stromanschlüsse, Toiletten und Zugangskontrollen, die man für einen Wettbewerb unter freiem Himmel mühsam beantragen und organisieren muss, sind drinnen schon vorhanden. Und jede Großstadt dieser Welt verfügt über Messehallen, die den größten Teil des Jahres ungenutzt herumstehen.
Damit sind Sie unabhängig von Wetter und Klima.
Wir können in Dubai unter den gleichen Bedingungen trainieren wie in Dublin, und das Tag und Nacht und auch im Herbst und Winter – im Massensport sonst eher eine tote Zeit. Im Herbst 2024 haben wir in Kapstadt den ersten Race auf afrikanischem Boden veranstaltet. Dieses Jahr werden erstmals Wettbewerbe in Japan, Indien und Brasilien hinzukommen. Das nötige Equipment transportieren sechs sogenannte Roadshows zu den Austragungsorten: jeweils acht Sattelzüge voller Sportgerät, Markenausstattung und Merchandise, die wir rund um den Globus an strategischen Orten postiert haben.
Sie und Ihr Partner, der ehemalige Hockey-Nationalspieler Moritz Fürste, absolvieren parallel Ihren ganz persönlichen Wettbewerb, nämlich: aus Hyrox eine Weltmarke zu machen. Wie macht man das?
Zuallererst, indem man das Produkt massentauglich anlegt. Anders als etwa die Extremsportart Crossfit, die natürlich eine Inspiration für uns war. Aber bei Crossfit muss man schwere Gewichte stemmen und virtuos turnen, da winken die allermeisten potenziellen Teilnehmer ab. Laufen hingegen kann jeder, und unsere acht Übungen basieren auf natürlichen Bewegungen, die wirklich jeder hinkriegt.
Damit hatten Sie zwar eine Sportart, die jeder kann, aber niemand kennt. Wie vermarktet man die?
In unserem Fall: indem man nicht auf gemächliches organisches Wachstum setzt, sondern gleich aufs Ganze geht und schnell maximale Aufmerksamkeit zu erzielen versucht. Wir sind 2018 in einem halben Dutzend Länder gleichzeitig gestartet. Mein Mitgründer Moritz Fürste und ich haben in dieser Anfangszeit vier Millionen Euro privates Geld in Hyrox gesteckt.
Warum dieses Risiko?
Weil wir schnell Märkte besetzen mussten, bevor uns jemand die Idee klaute. Dabei hatten wir das Glück, Leute bei Puma und Red Bull zu kennen, die Hyrox von Anfang an als Sponsoren begleitet haben. Red Bull stand bis dahin als Marke vor allem für Extremsport, Lastwagenfahrer und Partygänger, die wach bleiben müssen, und suchte händeringend nach einer Eintrittskarte in die Fitnesswelt – das waren wir. Und unser Sponsor Puma ist so überzeugt, dass er eine Trainingslinie für Hyrox entwickelt hat.
Auf Instagram posten heute etwa der Ex-Radprofi Lance Armstrong und der Schauspieler Chris Hemsworth mit seinen 59 Millionen Followern über Ihre Sportart. Wie haben Sie solche Leute auf sich aufmerksam gemacht?
Zu Anfang war es das übliche mühselige Spiel aus Anfragen, zu Events einladen und Absagen einfangen. Wir haben auch viel Geld für Influencer verpulvert, die anderthalb Millionen Follower, aber uns kaum etwas eingebracht haben. Als viel wertvoller entpuppten sich Sportler, Trainer und andere Micro-Influencer mit 20.000 bis 30.000 Followern, die ausschließlich zu Fitnessthemen posten und exakt unsere Zielgruppe erreichten.
Ihre Firma setzt jährlich 40 Millionen Euro um. Womit?
90 Prozent unserer Einnahmen stammen aus unseren Wettbewerben, also von Teilnehmer- und Besuchertickets, Merchandise und Sponsorengeldern. Etwa zehn Prozent steuern die 4.000 Fitnessstudios bei, die pro Monat 130 Euro Lizenzgebühren an uns zahlen. Über unser Sponsor-Center verdienen wir auch an den Geräten, die Fitnessstudios erwerben müssen, wenn sie Hyrox-Trainings anbieten wollen. Unterm Strich haben wir aber bisher nichts verdient, sondern seit acht Jahren rund 15 Millionen Euro investiert.
Womit haben Sie die ersten Fitnessstudios überzeugt, auf eine damals völlig unbekannte Sportart zu setzen?
Indem wir ihnen kostenlose Events angeboten haben. Gratis für die Studios und die Sportler. Unsere einzige Bedingung: Die Studios mussten ihre Mitglieder einladen. Dann sind wir mit Lieferwagen voller Trainingsgerät und Markenmaterial vorgefahren und haben in den Studios kostenlose Events ausgerichtet. Weil die gut ankamen, haben viele Gym-Trainer begonnen, auf ihren eigenen Geräten Hyrox-Trainings anzubieten. Das wiederum hat den Gyms gezeigt, welches Potenzial in Hyrox für sie schlummert.
Je mehr Studios Hyrox-Trainings anbieten und je mehr Sportler nach Ihrem System trainieren, umso mehr Startplätze verkaufen Sie für die Wettbewerbe. Diese sorgen wiederum für eine höhere Nachfrage nach Hyrox-Trainingsmöglichkeiten in der jeweiligen Stadt und damit mehr Umsatz für die Fitnessstudios.
Genau. Jedes Mitglied, das für ein Hyrox-Event trainiert, bedeutet für ein Gym ein zusätzliches und vor allem dauerhafteres Geschäft. Für Studios ist das hochattraktiv. Erst als sich diese Erkenntnis bei ihnen durchgesetzt und wir die ersten 100 deutschen Studios unter Vertrag hatten, haben wir begonnen, Lizenzgebühren zu kassieren.
Hyrox ist Ihre Idee und Ihre Firma. Vor vier Jahren aber haben Sie mit dem Schweizer Sportvermarkter Infront Sports & Media einen Mehrheitsgesellschafter hinzugenommen, der hierzulande vor allem durch seinen Ex-Manager Günter Netzer bekannt ist. Warum?
Weil wir für schnelles Wachstum kurzfristig viel Geld brauchten. Mit anderen Worten: einen Investor.
Infront Sports & Media gehört seit 2015 zum chinesischen Mischkonzern Dalian Wanda, der im Zuge der Immobilienkrise ins Straucheln geriet. Danach hieß es, Dalian Wanda wolle Infront Sports & Media und damit auch Sie wieder loswerden. Was ist daraus geworden?
Soweit ich weiß, wollen die Chinesen Infront weiterhin verkaufen. Sie haben nur bislang keinen Käufer gefunden, der ihren Preis zu zahlen bereit wäre.
Welchen Fehler beim Markenaufbau würden Sie so nie wiederholen?
Wir haben die Vereinigten Staaten unterschätzt. Wir glaubten, diese Nation mit einem kleinen Team von New York aus erschließen zu können – so wie wir Deutschland von Hamburg aus entwickelt hatten. Aber Texas ist nun einmal nicht New England und New York etwas ganz anderes als Kalifornien. Außerdem ist das Grundrauschen auf diesem Riesenmarkt so laut, dass wir mit unserem Budget und Personal total untergegangen sind. Jetzt versuchen wir uns mit unseren 14 Leuten vor Ort erst einmal in fünf US-amerikanischen Metropolregionen, danach sehen wir weiter. Und in China werden wir unseren Riesenfehler aus den USA nicht wiederholen, sondern gehen erst einmal nur nach Beijing und Schanghai.
Den globalen Fitnesstrend erklären Psychologen mit einer Welt, die immer mehr aus den Fugen zu geraten scheint. Deshalb versuchten wir, zumindest das zu gestalten, was wir selbst in der Hand haben: unseren Körper. Ist an dieser These etwas dran?
Sicherlich. Auch wenn Corona das Wachstum zunächst einmal stoppte, hat uns die Pandemie geholfen, weil die Menschen merkten, dass sie resistenter sind, wenn sie fit sind. Mindestens genauso wichtig ist für unseren Erfolg aber der Körperkult auf Social Media. Früher hat man sich – wenn überhaupt – einer Handvoll Leute mit nacktem Oberkörper präsentiert. Heute zeigt man sich der ganzen Welt. Und natürlich will man dabei ordentlich aussehen.
Wieso zeigen Sie Ihren Hyrox-Body nicht auf Instagram?
Was Social Media betrifft, bin ich eine Katastrophe. Ich brauche und kann das nicht, im Gegensatz zu meinem Partner, dem Medienmanager und Wirtschaftspsychologen Moritz Fürste. Der hat es als einer der ganz wenigen deutschen Hockeyspieler zu nationaler Bekanntheit gebracht. Was einer der Gründe dafür war, dass ich ihn fragte, ob er Partner bei Hyrox werden wolle.
Ihre Karriere begannen Sie vor 30 Jahren als ambitionierter Zehnkämpfer. Wie viel Sport treiben Sie heute?
Ich trainiere fünfmal pro Woche, und zwar meist Hyrox. Meine Bestzeit liegt bei 1:23:03 Stunde in der Pro-Men-Klasse, da sind die Anforderungen ein bisschen höher als bei den Amateuren. Im Winter spiele ich auch noch ein- bis zweimal pro Woche Eishockey.
Sehen Sie den Menschen in der Pflicht, sich fit zu halten?
Definitiv. Man ist agiler, fühlt sich besser, lebt länger und glücklicher. Wer nicht trainiert, wird früher oder später zum Pflegefall und fällt anderen zur Last. Es liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen, das zu vermeiden. Training ist die oberste Pflicht für jeden. --
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