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So verlaufen Sie sich richtig

Verirren ist menschlich. Woran das liegt und wie man wieder zurückfindet, weiß der Such- und Rettungsexperte Robert Koester.



Das Bild zeigt einen weißen Hintergrund mit einer Reihe von roten Linien, die scheinbar zufällig miteinander verbunden oder verschlungen sind. Die Linien sind nicht gerade, sondern eher gebogen, was ein Gefühl von Bewegung und Dynamik vermittelt. Das Bild enthält keinen erkennbaren Text oder bestimmte Objekte, und die Gesamtkomposition ist einfach und minimalistisch.

Robert Koester,

62, ist Experte für Rettungsaktionen. Der US-Amerikaner ist Autor des Standardwerks „Lost Person Behavior“ und Entwickler sowie Leiter der Datenbank ISRID (International Search and Rescue Incident Database). Dort hat er Informationen über eine halbe Million Fälle von Vermissten, Verschollenen und Verunglückten zusammengetragen. Aus diesen Daten leitet er statistische Wahrscheinlichkeiten ab, wo in der Wildnis eine Person gefunden werden könnte – je nach Alter, Aktivitäten oder Gesundheitszustand. Foto: © University of Virginia

brand eins: Herr Koester, die meisten Menschen leben heute in Städten. Wie viele verlaufen sich überhaupt noch in der Wildnis?

Robert Koester: Mehr, als Sie wahrscheinlich denken. Leider gibt es keine verbindliche zentrale Stelle, derlei Fälle anzuzeigen und zu zählen. Wir gehen von 10.000 bis 100.000 pro Jahr aus, allein in den USA. Seit mehr als 20 Jahren sammle ich mühsam Informationen über alle Fälle, von denen ich höre.

Wie machen Sie das?

Ich telefoniere, schreibe E-Mails, treffe auf Konferenzen andere Spezialisten. In der von mir entwickelten Datenbank habe ich bislang rund eine halbe Million Fälle weltweit gesammelt. An etwa 300 Suchmissionen war ich selbst beteiligt.

Was sind das für Leute, die sich in Wäldern oder Wüsten verlaufen?

Sie sind zu 40 Prozent männlich und zwischen 20 und 50 Jahren. Zunehmend haben wir es auch mit Dementen zu tun. Auffällig ist, dass viele Wanderinnen und Wanderer allein unterwegs sind. Sie machen 58 Prozent der Fälle aus. Wer allein losgeht, erhöht das Risiko des Verlaufens erheblich. Die meisten Solisten sind zudem schlecht vorbereitet und haben versäumt, Dinge einzupacken, die jeder dabeihaben sollte – von Regenschutz bis Trinkwasser.

Wie kann man sich heute überhaupt verlaufen, da doch jedes Smartphone über GPS verfügt?

Häufig gibt es Technikpannen. Aber eigentlich geht es weniger um Kompass oder Karten als um Psychologie: Unachtsamkeit, Stress, Übermüdung, Selbstüberschätzung, Ablenkung oder Panik. Außerdem kommen oft noch mentale Aspekte wie Depressionen oder eben Demenz dazu.

Wieso ist die Psychologie so wichtig?

Wer sich verlaufen hat, handelt oft nicht mehr rational. Viele sind schockiert und verfallen in einen Überlebensmodus: Fight, Flight, Freeze. Also Kämpfen, Flüchten oder Erstarren. Woods Shock wird das auch genannt.

Woods Shock?

Ja, Orientierungslosigkeit ist extrem unangenehm, vergleichbar mit Jetlag oder Seekrankheit. Durch dieses Gefühl der Hilflosigkeit geht der Puls hoch, Stresshormone fluten den Körper, eine Art Tunnelblick setzt ein. Wer sich verlaufen hat, will so schnell wie möglich raus aus dieser Situation. Aber die Neuorientierung ist gar nicht so einfach, wenn man gegen Panik kämpft. Manche werden apathisch, andere halluzinieren.

Kann Angst nicht auch die Leistungsfähigkeit steigern?

Körperlich mag das stimmen, aber Entscheidungen sind dann oft nicht mehr rational. Manche Wanderer legen zum Beispiel ihren Rucksack ab, wenn sie sich verlaufen haben. Sie lassen Essen, warme Kleidung und Regenzeug zurück. Teils werfen sie sogar Wasservorräte weg, damit sie weniger schleppen müssen. Das ist das Schlimmste, was man tun kann: Ohne Essen, Trinken oder Kälteschutz sinken die Überlebenschancen drastisch.

Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

Angefangen hat für mich alles bei den Pfadfindern. Da bekamen wir die Aufgabe, einen hypothetischen Holzfäller im Wald zu finden, der sich verlaufen hatte. Wo sollte man suchen, ohne zu viel Zeit zu vergeuden? Wie verhält man sich draußen, was sind die Risiken, wie fühlt es sich an, Wind und Wetter ausgesetzt zu sein? Das habe ich bei den Pfadfindern gelernt.

Wie ging es weiter?

Menschen zu finden, die sich verlaufen haben, ließ mich nie mehr los. Als Student machte ich in den Achtzigern bei der Bergrettung in den Blue Ridge Mountains an der Ostküste mit. Dort ging es um echte Menschenleben, oft suchten wir nach Demenzkranken. Um zu verstehen, was in deren Kopf vorgeht, studierte ich an der University of Virginia Neurobiologie.

Wohin führte das?

Damals verwendete ich eine weitverbreitete Datenbank. Darin gab es Unterkategorien wie Wanderer, Kinder oder Jäger. Alle Menschen über 65 Jahren wurden in einen Topf geworfen, aber das ergab für mich keinen Sinn. Denn eine gesunde 70-Jährige verhält sich vollkommen anders als ein Mensch mit Alzheimer. Daher machte ich neue Kategorien auf. Aktuell komme ich auf mehr als 75 Kategorien des Verlaufens.

Wie verlaufen sich Menschen mit der Alzheimerkrankheit?

Meist kommen sie nicht besonders weit. Oft laufen sie geradeaus, bis sie an ein Hindernis geraten, da bleiben sie stehen. Ich habe eine Faustregel: Verwirrte kommen auf einer normalen Wanderkarte eine Daumenlänge weit. Eines Nachts bekam ich einmal einen verzweifelten Anruf von einem Suchteam: Wie lang ist Ihr Daumen genau?

Und wie verläuft sich ein Jäger?

Jäger laufen oft weit und querfeldein. Vielleicht haben sie ein Reh angeschossen und verfolgen die Blutspur durchs Unterholz. Sie sind so fokussiert auf die Spurensuche, dass sie nicht mehr aufschauen und die Umgebung nicht mehr wahrnehmen. Dazu sind sie oft nachts unterwegs. Viele andere Menschen folgen eher Pfaden oder Flussläufen, das grenzt die Suche ein. Jäger dagegen bewegen sich oft weit und durch schwierigstes Gelände, das macht sie schwer auffindbar.

Ausgerechnet Jäger sind Problemfälle?

Sie sind schwer zu finden, zumal sie oft Tarnfarben tragen. Aber dafür sind ihre Überlebenschancen meist gut, weil sie mit der Wildnis vertraut sind und ihre Ausrüstung dabeihaben. Es kommt immer wieder mal vor, dass jemand nach drei Wochen gefunden wird, gesund und munter.

Drei Wochen in der Wildnis – das klingt fast nach Robinson Crusoe.

Wer jagen und Feuer machen kann und Regenschutz hat, überlebt noch viel länger. Aber leider wird die Hälfte aller Suchen schon nach acht Stunden abgebrochen. Das ist tragisch, denn auch nach fünf Tagen wird jeder zweite verschollene Wanderer lebend gefunden. Nach zehn Tagen ist es immerhin noch jeder vierte.

Wie sieht es bei Kindern aus?

Das hängt sehr vom Alter ab. Kleinkinder bis zu drei Jahren werden zu 83 Prozent auch nach 24 Stunden noch lebendig gefunden. Das liegt daran, dass sie noch kein Raumgefühl haben. Wenn Kleinkinder allein sind, neigen sie dazu, nicht herumzulaufen, sondern sich in der Nähe zum Beispiel in einer warmen Mulde zu verkriechen. Das kann kurzfristig und bei kaltem Wetter ein Vorteil sein.

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Und ältere Kinder?

Besonders gefährdet sind Kinder zwischen vier und sechs. Nach 24 Stunden werden nur noch 38 Prozent von ihnen lebend gefunden. Das liegt daran, dass sie bereits ein Raumgefühl haben und herumirren, oft bis zur Erschöpfung. Aber wenn es um Kinder geht, ist es relativ leicht, über Medien große Suchtrupps zu organisieren. Die meisten werden daher nach wenigen Stunden gefunden.

Wie viel bringt es, eine Karte dabeizuhaben?

Es hilft. Aber wer in Panik gerät, neigt zum Zurechtbiegen der Fakten. Selbst erfahrene Segler können in extremen Situationen, wenn der Kompass nicht in die erwartete Richtung zeigt, denken: „Oh, mein Kompass zeigt ja nach Süden statt Norden.“ Und taucht eine Insel an Back- statt an Steuerbord auf: „Anscheinend gibt es noch eine zweite Insel, die exakt gleich aussieht, aber nicht auf der Karte verzeichnet ist.“

Reicht es nicht, irgendeinem Pfad zu folgen, weil jeder irgendwann in eine Siedlung führt?

Theoretisch ja, die Frage ist nur: wann? Ich erinnere mich an einen Achtjährigen, der sich bei einer Wanderung mit seinen Eltern im Bundesstaat Virginia verirrt hatte. Im November, mit Nachttemperaturen um den Gefrierpunkt. Er folgte den Markierungen eines Wegs, und nach einer Nacht im Wald erreichte er ein Haus. Er bat aber nicht um Hilfe, sondern um ein Sandwich zum Weiterwandern – obwohl er bereits gerettet war! Der Junge wollte dem Appalachian Trail, einem Fernwanderweg an der Ostküste, weiter folgen. Irgendwann wäre er daheim in Georgia angekommen, aber erst nach knapp 1.000 Kilometern.

Wie verlaufe ich mich richtig?

Das Wichtigste ist, ruhig zu bleiben. Militärpiloten lernen: Falls sie mit dem Notfallschirm abspringen, müssen sie nach der Landung zunächst zu sich kommen. Hinsetzen, Wasser trinken, warten, bis der Puls sich beruhigt. Nichts kostet mehr Zeit als panischer Aktionismus. Und nichts ist tödlicher.

Und wie finde ich dann zurück?

Die meisten hassen das Umkehren. Aber es ist die beste Methode: einfach so lange denselben Weg zurückgehen, bis man an eine Stelle kommt, an der man sich wieder zurechtfindet. Selbst wenn das der Startpunkt sein sollte. Das ist besser, als in der Wildnis verloren zu gehen.

Aber kann man sich nicht auch beim Zurücklaufen noch weiter verlaufen?

Klar. Manche Leute lassen deshalb ständig einen GPS-Tracker am Handy mitlaufen. Ich habe da meine eigene Methode: Beim Wandern habe ich praktisch die ganze Zeit die Karte in der Hand und vergleiche die Landschaft mit der Karte – jeden Bach, jede Kreuzung, jeden See. So bemerke ich sehr schnell, wenn etwas nicht zusammenpasst, und kann sofort umdrehen. Ich schaue immer wieder zurück und präge mir wichtige Wegkreuzungen bewusst ein, damit ich sie auch beim Zurücklaufen wiedererkenne. Das kostet Zeit, ist allerdings wie eine Versicherung.

Sie verlaufen sich also nie?

Doch, ich war mal in einem Nationalpark unterwegs, ohne Karte oder GPS. Aber ich wusste, dass oben am Hang eine Straße verläuft. Dorthin orientierte ich mich. Statt 10 musste ich dann allerdings 22 Meilen laufen. ---

Das Bild zeigt eine rote, wellenförmige Form, die wie ein grafisches Design oder ein abstraktes Muster aussieht. Die wellenförmige Form steht vor einem weißen Hintergrund, was einen auffälligen Kontrast erzeugt. Das Design ist einfach und sauber, ohne zusätzliche Elemente oder Text. Die Gesamtkomposition ist minimalistisch und visuell ansprechend, so dass sie sich für eine barrierefreie Website eignet.

Was tun Menschen, die sich verlaufen haben? – eine Auswahl

Nichts tun
Kleinkinder verkriechen sich oft in der Nähe in schützenden Höhlen, wenn sie sich verirrt haben. Dieses passive Verhalten schützt sie vor Hitze, Kälte und Nässe.

Abkürzungen suchen
Schulkinder nehmen, wenn sie sich verlaufen, gern Abkürzungen und laufen beispielsweise querfeldein. Ihr größeres Selbstvertrauen ist riskant, da sich dadurch der Suchradius vergrößert.

Dem erstbesten Pfad folgen
Viele Wanderer gehen einfach den nächstbesten Weg oder Zaun oder Bach entlang, in der Hoffnung, dass diese in die Zivilisation führen. Was in der Regel der Fall ist. Die Frage ist nur: wann?

Eigene Navigation
Vor allem Jäger folgen gern ihrem eigenen Kopf: querfeldein, teils über riesige Distanzen und viele Tage. Manche überschätzen ihre Fähigkeiten und verirren sich somit immer weiter.

Umkehren
Der Königsweg. Man dreht um und läuft so lange zurück, bis man wieder weiß, wo es weitergeht. Diese simple Lösung ist erstaunlich unpopulär.

Zahlen

Zahl der Personen, die zwischen 2004 und 2014 in einem US-Nationalpark vermisst wurden und eine Such- oder Rettungsaktion auslösten: 46.609

Kosten für diese Such- und Rettungsaktionen insgesamt, in Millionen Dollar: 51,4

Und Wie Verirren sich Firmen?

Nichts tun
Der Kopiererhersteller Xerox brachte in den Achtzigerjahren innovative Produkte wie den Laserdrucker oder die Computermaus zur Marktreife. Doch danach ruhte sich die Firma auf ihren Lorbeeren aus und erkannte das Potenzial weiterer Innovationen nicht, die im eigenen Forschungszentrum entwickelt wurden. So verließen Erfinder die Firma mitsamt ihren Ideen und feierten andernorts Erfolge – etwa bei Apple.

Abkürzungen
Volkswagen wollte unbedingt am Diesel festhalten, obwohl der die Abgasnormen nicht erfüllte. Um das zu verschleiern, setzte man Betrugssoftware ein. 2015 flog die Trickserei auf, der Skandal hat den Konzern bislang mehr als 33 Milliarden Euro gekostet.

Pfaden folgen
Microsoft rannte jahrelang erfolglos Trends hinterher: Browser, Suchmaschine, Tablet, Fitnessarmband, Mobiltelefon. Seit 2014 schlägt der neue CEO Satya Nadella vielversprechende Pfade ein: Cloud-Angebote und KI.

Eigensinnige Navigation
Nachdem bei Apple Anfang der Achtziger der erste für den Massenmarkt entwickelte Computer mit Grafikoberfläche (Lisa) gefloppt war, komplimentierte der Aufsichtsrat den Mitgründer Steve Jobs 1985 hinaus. 1996 kam er zurück, entwickelte die Markenkampagne Think Different und brachte 2007 das iPhone auf den Markt. Eigensinn kann sich also auch auszahlen.

Umkehren
Der japanische Autokonzern Toyota musste zwischen 2009 und 2012 knapp zwölf Millionen Fahrzeuge wegen Mängeln zurückrufen. Anschließend stoppte der Konzern den Verkauf einiger Modelle und besann sich wieder auf sein weltweit lange führendes Qualitätsmanagement. So überwand man zwar die Krise, aber die Umkehr kostete Zeit: Die Firma steht bei E-Autos noch nicht gut da.

Das Bild zeigt eine schwarze Silhouette des Buchstabens "A" mit einem blauen Kreis, der in der oberen rechten Ecke den Text "brand eins im Abo" enthält. Der Buchstabe "A" ist mittig positioniert, und der Text befindet sich in der rechten oberen Ecke des blauen Kreises. Das Bild scheint ein grafischer Entwurf oder eine Illustration zu sein, möglicherweise für eine Website oder digitale Medien.

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Illustration: Joni Marriott