Paddy
Was kann KI im Klassenzimmer?
Viele Pädagogen tun sich schwer mit der künstlichen Intelligenz. Ein Bielefelder Unternehmen sieht in ihr dagegen große Chancen – und macht Grundschullehrer mit den neuen Möglichkeiten vertraut.
Jungunternehmer Lukas Portmann
• Die Geschichte der Digitalisierung im deutschen Schulwesen hat zwei Kapitel. Das erste heißt: Verweigerung und Verzweiflung. Es handelt von bürokratischen Hemmnissen und mangelnder Ausstattung. Dieses Kapitel ist halbwegs geschlossen. Denn durch den Digitalpakt Schule des Bundes und Zusatzvereinbarungen während der Pandemie wurde viel Geld in den Ausbau digitaler Infrastruktur an Schulen investiert. Jetzt geht es um das zweite: die Frage nach dem Sinn digitaler Technik für die Schule.
Lukas Portmann, 22, hat an beiden Kapiteln mitgeschrieben. Er sitzt auf der Dachterrasse eines Co-Working-Spaces in Bielefeld. Digital Erleben heißt das Unternehmen, das er 2020 zusammen mit Tobias Schröder gegründet hat, als beide 17 Jahre alt waren und in die elfte Klasse gingen. Corona hatte das Schulleben lahmgelegt. „Wir hatten auf einmal Online-Unterricht“, sagt er, „und obwohl wir an einer relativ fortschrittlichen Schule waren, hat nichts wirklich funktioniert. Und an anderen Bielefelder Schulen, an denen wir uns umgehört haben, auch nicht.“ Also boten die beiden Schüler Lehrern Erklärvideos an: Wie funktioniert das iPad? Wie diese Konferenzsoftware, wie jene? Aus den Videos wurden schließlich Fortbildungen vor Ort. Und noch als Minderjährige verdienten sie damit das erste Honorar.
Fünf Jahre später hat Digital Erleben nach eigenen Angaben mehr als 15.000 Lehrkräfte weitergebildet, eigene digitale Werkzeuge entwickelt, die Schulen gegen Lizenzgebühren nutzen können, und – einen dritten Geschäftsführer inklusive – zehn weitere Vollzeitstellen geschaffen. Nach einer Trainingsphase in der Bielefelder Founders Foundation, einer Gründerschule, hat das Start-up jüngst eine Finanzierungsrunde abgeschlossen. Es läuft. Allerdings nun mit einem anderen Angebot als zu Beginn. Heute geht es vor allem um den sinnvollen Umgang mit KI in Schulen.
An einem Montagmittag stehen Lukas Portmann und seine Kollegin Anna Stricker in einem Klassenzimmer der Stiftsschule, einer Grundschule in Bielefeld. Stricker, 30, war Lehrerin an einem Gymnasium, jetzt will sie Schule von anderer Seite mitgestalten.
17 Lehrerinnen und drei Lehrer sitzen auf kleinen Erstklässlerstühlen vor Stricker und Portmann. Alle haben Tablets vor sich, jemand hat Kuchen mitgebracht. Lukas Portmann hat diese Schule nicht zufällig ausgewählt, um die Arbeit seines Unternehmens zu präsentieren. Schon 2020 haben sie hier ihre erste Fortbildung geübt. Der Schulleiter ist Tobias Schröders Vater.
Es ist 13 Uhr. Die Fortbildung beginnt mit Aufwärmfragen: „Wer hat schon mal privat eine KI benutzt?“, fragt Anna Stricker. Fast alle Hände gehen hoch. Nächste Frage: „Wer hat schon mal KI zur Unterrichtsvorbereitung benutzt?“ Immer noch etwa die Hälfte der Lehrkräfte hebt die Hand. Dritte Frage: „Wer hat KI schon mal im Unterricht selbst eingesetzt?“ Jetzt ist da nur noch eine Hand. Das ist bezeichnend für den Status quo: KI-Tools sind fast überall angekommen, auch im Privatleben von Lehrkräften, die mit KI-Unterstützung ihren Urlaub buchen und Texte übersetzen. Aber im Unterricht noch nicht.
Die eine Hand ist die von Janine Böker. Sie folge anderen Lehrkräften auf Social Media und komme so auf neue Unterrichtsideen. „Ich bin da einfach sehr offen“, sagt sie. Sie habe ihren Unterricht schon digital geplant, als die Schule noch kein Geld für ausreichend Hardware hatte. So kam man an der Bielefelder Stiftsschule wohl auch auf sie, als im Rahmen der Digitalstrategie Schule des Landes Nordrhein-Westfalen die Position der Digitalisierungsbeauftragten an den Schulen eingeführt wurde. 2022 war das, kurz nach der Pandemie, die wie ein Weckruf wirkte.
Janine Böker ist eine der Grundschullehrerinnen, die gespannt zuhören. „Die Pandemie hat die Digitalisierung in eine ganz andere Richtung umgelenkt“, sagt sie. Zuvor habe es an ihrer Grundschule eine PC-AG gegeben. Die Kinder hätten in einem Computerraum an Rechnern mit Tastaturen und einer Maus gearbeitet und zum Beispiel gelernt, wie man in einem Schreibprogramm die Schriftgröße einstellt. Heute, sagt Böker, gebe es schuleigene Hardware für Schüler und Lehrer. Und digitale Programme würden mittlerweile als Lernbegleiter verstanden.
In Nordrhein-Westfalen gibt es seit 2022 spezielle Fortbildungsbudgets, um Schulleitungen und Lehrkräfte bei der digitalen Transformation zu unterstützen. Janine Böker sagt, an ihrer Schule könnten Eltern ihre Kinder digital entschuldigen. Und wenn eine Lehrkraft ausfalle, könnten Vertretungen nun digital auf das passende Unterrichtsmaterial zugreifen. An vielen Schulen ist das mittlerweile so oder so ähnlich. Klingt alles nicht so ungewöhnlich. Vor ein paar Jahren waren solche Schulen aber noch Ausnahmen.
Lehrerin Anna Sophie Stricker bringt Lehrern KI bei
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