Zum Inhalt springen

Verzerrte Wahrheit

Jedes neue Medikament wird in klinischen Studien geprüft und nur zugelassen, wenn die Ergebnisse positiv sind. Und wenn sie negativ sind? Verschwinden sie oder bleiben unbeachtet. Das ist lebensgefährlich.



• Montag, 13. März 2006, ein Krankenhaus in London. Schon nach wenigen Minuten ist klar, dass bei diesem Medikamententest etwas schrecklich schiefläuft: Der erste von acht Probanden bekommt heftiges Kopfweh, Schweißausbrüche, Rückenkrämpfe. Dann geht es Schlag auf Schlag. Fünf weitere Testpersonen winden sich vor Schmerzen. Die Patienten werden hastig auf die Intensivstation verlegt, es kommt zu Organversagen, sie fallen ins Delirium. Gesichter, Hände, Bäuche schwellen an, Gliedmaßen werden schwarz, Augen sind nur noch verquollene Schlitze. „Elephant Men“ werden die Patienten später in den Medien reißerisch genannt.

Dieser Vorfall mit einem Testmedikament, das gegen Leukämie, Rheuma und Multiple Sklerose helfen sollte, sorgte in aller Welt für Schlagzeilen. Er sorgte dafür, dass bei der Entwicklung von Medikamenten seitdem sorgfältiger und transparenter vorgegangen wird – nach einer Ära des Leichtsinns. So schrecklich sie waren – die Nebenwirkungen wie die des Londoner Medikamententests führten zu der Erkenntnis, wie wertvoll widerlegte Hypothesen sein können, wenn man aus ihnen lernt. Gescheiterte klinische Studien sind Gold wert, sofern sie veröffentlicht werden.

Doch eins nach dem anderen. Eigentlich hatte es damals eine ganz normale klinische Studie werden sollen. TGN1412 hieß der neuartige Wirkstoff, der im Tierversuch vielversprechende Ergebnisse gezeigt hatte in der Behandlung unter anderem von Blutkrebs. Während herkömmliche Krebstherapien auf Operationen, Bestrahlung oder Zellgifte setzen, sollte der neue Wirkstoff das Immunsystem aktivieren, um Tumore zu bekämpfen. So hoffte man. Bei Ratten hatte das funktioniert.

Der nächste Schritt bei der Entwicklung neuer Medikamente ist nach Tierversuchen der erste Test an Menschen, First-in-Human genannt. Das Präparat wurde von der Würzburger Firma Tegenero Immuno Therapeutics AG entwickelt und vom beauftragten Forschungsinstitut Parexel International am Northwick Park Hospital in London getestet. Ab morgens acht Uhr bekamen sechs Probanden in kurzen Abständen jeweils die neuartige Substanz gespritzt. Zwei weitere bekamen ein Placebo.

Es stellte sich heraus: Tatsächlich regte TGN1412 das Immunsystem an. Aber viel zu stark, als kaum kontrollierbare Entzündungs-Kaskade, ausgelöst durch eine Flut von Zytokinen. Das sind Eiweiße, die Angriffssignale für das Immunsystem übertragen. Die künstlich hervorgerufene Entzündungsreaktion geriet an jenem Morgen in London außer Kontrolle. Sie breitete sich im Körper der Probanden aus wie ein Waldbrand. Lebenswichtige Organe wurden angegriffen. Zytokinsturm wird dieser Effekt genannt.

Einer der Patienten lag wochenlang im Koma, bis es den Ärzten gelang, sein Immunsystem zu stabilisieren. Alle überlebten. Doch das Krebsrisiko der Probanden hat sich erhöht, einer verlor Finger und Zehen. Für die Teilnahme am Test hatte jeder 2.000 Pfund bekommen, damals rund 3.000 Euro. „Es war wie Russisch Roulette“, sagte einer der Studienteilnehmer später. „Ich hatte einfach Glück, dass ich nur eine Platzpatrone abbekommen habe.“ Ein Placebo.

Der Zytokinsturm sandte Schockwellen durch die Fachwelt. Waren die Proben verunreinigt oder vertauscht worden? Eine Expertenkommission stellte fest, dass der Test halbwegs branchenüblich verlaufen war. Allerdings sah man als es als leichtsinnig an, mehrere Probanden nahezu zeitgleich mit dem neuartigen Wirkstoff zu behandeln. Eine Lehre, die man in der Pharmaindustrie aus dem Unfall gezogen hat, lautet daher, neue Substanzen Menschen beim ersten Test nur langsam und gestaffelt über einen Tag hinweg zu verabreichen.

Doch es stellte sich heraus, dass das Unglück der sechs Tester nur die Spitze des Eisbergs war. Unter der Oberfläche lauerten weitere, fundamentale Risiken.

Sie haben bereits ein brand eins Konto? Melden Sie sich hier an.

Wir freuen uns, dass Ihnen dieser Artikel gefällt.
Er ist Teil unserer Ausgabe Irrwege

Die Routine wird neu berechnet.
Zum Weiterlesen wählen Sie eine dieser Optionen
Meistgewählt

Unser Probe-Abo

8,33 € / Ausgabe

Drei Ausgaben testen und anschließend entscheiden wie es weitergeht.

📖 Print- und Digital-Ausgabe für drei Monate testen 
📚 Zugriff auf das gesamte brand eins Archiv inkl. Kollektionen

brand eins 11/2025

12,00 € / Einmalig

brand eins 11/2025 (Digital)

7,60 € / einmalig
Sicher bezahlen mit
Weitere Abos, Schüler- & Studentenrabatte