Günther Schuh im Interview
„Natürlich war es auch Besserwisserei“
Wer austeilt, muss auch einstecken können. Günther Schuh, Professor und E-Auto-Rebell, kann’s.
• Es war eine Kampfansage an die etablierten Autohersteller. Günther Schuh, umtriebiger Maschinenbauprofessor aus Aachen, wollte den Autobossen zeigen, wie man im Hochlohnland Deutschland ein kleines, wendiges Elektroauto für bis zu vier Insassen baut – alltagstauglich und nicht teurer als ein kleiner Benziner, ideal für Pflege- und Lieferdienste oder einfach als cooles Zweit- oder Drittauto. 2016 präsentierte Schuh den ersten Prototyp seines e.GO Life, der in und um die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen entwickelt worden war. Zwei Jahre später lief – ebenfalls in Aachen, in einer neu errichteten „Autofabrik 4.0“ – die Produktion an.
Doch aus den hochfliegenden Plänen wurde nichts. Von Beginn an lief es nicht rund, mehrfach mussten der Produktions- und der Verkaufsstart verschoben werden. Und als es so weit war, lief der Verkauf der E-Mobile nur schleppend an – und dann kam Corona, die Produktion stand still, der Verkauf wurde gestoppt, die Kapitalgeber drehten den Geldhahn zu. Schuh musste Insolvenz anmelden. Der neue Investor setzte den rastlosen Professor vor die Tür. Zu einer Erfolgsgeschichte wurde der e.GO Life auch danach nicht mehr. Nach erneuter Insolvenz stellte der Hersteller im Mai des vorigen Jahres den Geschäftsbetrieb ein; 200 Beschäftigte wurden entlassen.
Forscher und Unternehmer
Der Maschinenbauingenieur Günther Schuh, 66,
verbindet universitäre Forschung und industrielle Umsetzung. Er ist Experte für innovative Fabrikkonzepte und für nachhaltige Mobilitätslösungen und hat den Lehrstuhl für Produktionssystematik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen. Aus der Hochschule heraus gründete er mehrere Unternehmen. Am bekanntesten sind die Streetscooter GmbH, die elektrisch angetriebene Transporter für die Deutsche Post entwickelte, und das Start-up e.GO Mobile AG, das ab 2015 den Elektro-Kleinstwagen produzierte. Seit der Insolvenz und seinem Ausscheiden aus dem Nachfolgeunternehmen im Jahr 2021 arbeitet er weiter an Mobilitätslösungen – zurzeit an einem Zustellfahrzeug, das in China produziert werden soll. Im nächsten Jahr wird Günther Schuh emeritiert.
brand eins: Vor knapp zehn Jahren präsentierten Sie mit dem e.GO Life ein erschwingliches Elektroauto. In den sechs Jahren, die das Fahrzeug auf dem Markt gewesen ist, wurden gerade mal 1.350 Stück verkauft; nach zwei Pleiten ist die Firma liquidiert. Pizzalieferanten und Pflegedienste fahren immer noch mit Verbrennern herum. Sind Sie nicht nur mit Ihrem Auto gescheitert, sondern auch mit Ihrer Idee?
Günther Schuh: Nein, die Idee war und ist richtig. Ein Kleinwagen für den Kurzstreckeneinsatz in der Stadt ist das logischste Elektroauto – schon wegen der Stickoxidbelastung in den Städten. Auch 130 Stundenkilometer Spitzengeschwindigkeit und 150 Kilometer Reichweite sind völlig ausreichend. Im Übrigen war der e.GO Life nicht sechs Jahre am Markt: Wir konnten ihn nur gut sechs Monate produzieren, bis die Pandemie uns gestoppt hat.
Die meisten Elektroautos, die heute gebaut werden, sind übermotorisiert und benötigen schwere und teure Batterien, um auf eine akzeptable Reichweite zu kommen. Das Basismodell des ID.3 von Volkswagen hat 150 PS – nicht viel weniger als der VW Golf 4 GTI. Die meisten kleinen, einigermaßen bezahlbaren E-Autos wie der E-Up von Volkswagen oder der Smart 2, die es vor ein paar Jahren noch gab, sind mittlerweile vom Markt verschwunden.
Warum eigentlich?
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