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Der Landwirt Oleksandr Chubuk steht auf einem Feld mit einem Traktor, der gerade den Boden pflügt. Der Traktor ist mit einer Pflanzmaschine ausgestattet, was darauf hindeutet, dass er dabei ist, Saatgut auszubringen.

Getreidemarkt

Im Chor mit Rechtspopulisten wettern Bauern in Deutschland gegen den Welthandel und die Ukraine. Worin liegt die Ursache ihres Zorns? Eine Spurensuche zwischen Kiew und Sachsen.


Das Bild zeigt eine Sammlung von Gläsern, die mit verschiedenen Arten von Getreide und Hülsenfrüchten gefüllt sind.  Die Gläser sind in einer Reihe angeordnet und mit Etiketten versehen, die den Inhalt und möglicherweise die Marke oder Herkunft angeben.
Das Bild zeigt ein Labor mit unterscheidlichen Geräten. Zwei Frauen, sitzen an einem langen Tisch und prüfen Getreide.
Das Bild zeigt ein Paar Hände, die sorgfältig eine Sammlung von kleinen, gelben Samen auf einer weißen Fläche sortieren und untersuchen. Im Hintergrund ist ein Metallsieb zu sehen.

• Um beim Welthandel dabei zu sein, braucht Olaf Kranen kein großes Getreidelager. Seinen Weizen hat er auf der Rückseite seiner Fahrzeughalle aufgeschüttet, gleich neben dem Mähdrescher und dem Traktor. Das Tor steht offen, die Halle ist lichtdurchflutet, hier bekomme das Getreide gut Luft, sagt der Landwirt.

Im Frühjahr 2025 ist nicht mehr viel übrig von der Ernte des vergangenen Sommers, „vielleicht noch eine Tonne“. Er beugt sich hinunter, greift ein paar Körner. „Die sind hell, das wollen wir nicht, die haben wenig Eiweiß“, sagt er kritisch, dazwischen sind Schalen und Bruchstücke von Halmen erkennbar. „Das sind die Reste von der Getreidereinigung, das sieht aus wie Vogelfutter.“ An die Mühle könne er das nicht mehr geben, sagt Kranen, „das geht in die Ethanolproduktion“. Biodiesel statt Brot.

Olaf Kranen ist einer von rund 150.000 Getreidebauern in Deutschland. 1.500 Hektar bewirtschaftet er mit seinem Betrieb im sächsischen Gaunitz bei Oschatz, rund 70 Kilometer östlich von Leipzig. Er baut Mais an, Rüben und Weizen. In guten Jahren erntet er von dem Getreide bis zu zehn Tonnen pro Hektar, „in schlechten eher sechs Tonnen“.

Die vergangene Saison zählt eher zu den schlechten. Rund 19 Millionen Tonnen Weizen haben die deutschen Landwirte im Jahr 2024 geerntet – drei Millionen weniger als im Vorjahreszeitraum. „Schlechteste Getreideernte seit Jahren“, meldete der Deutsche Raiffeisenverband. Zwar läuft es 2025 besser, doch die Weizenpreise sind im Keller, seit 2022 sinken sie nun schon – so tief, dass ein wirtschaftlicher Anbau kaum noch möglich sei, sagt Kranen. Die Preise bestimmt der Weltmarkt. Man habe da keinen Einfluss, sagt Kranen. „Die Frage ist, wann will man verkaufen – oder wann muss man.“ Er klingt verbittert.

Er konnte mit dem Verkauf nicht warten, bis die Preise klettern, er musste Umsatz machen. Nicht zum ersten Mal ist er, wie so viele Landwirte, frustriert wegen der schwierigen wirtschaftlichen Situation. Und überzeugt davon, dass die Regularien der Europäischen Union Bauern wie ihn im Wettbewerb benachteiligen.

Im persönlichen Gespräch argumentiert er sachlich. Aber er kann auch anders. Seit einigen Jahren macht er seinem Frust öffentlich Luft, er gehört zu den Gründungsmitgliedern von Land schafft Verbindung Sachsen e.V. Seit 2019 spricht er für den Verein mit Presse und Politikern, zieht mit Traktoren zu Demonstrationen vor den Landtag oder nimmt an Mahnfeuern teil.

Die Landwirte in Deutschland sind sehr laut geworden in den vergangenen Jahren. Neue Interessenvertretungen wie Land schafft Verbindung oder Freie Bauern wollen sich durch radikaleren Protest von den etablierten Bauernvereinigungen abheben. Bei ihren Kundgebungen geht es immer wieder um zwei Themen: den Welthandel und die Ukraine. Das um seine Existenz kämpfende Land hat man ausgemacht als Ursache für die eigene Misere. Und zwar nicht nur in Deutschland. Auch in Frankreich, Spanien oder Tschechien zogen Landwirte bereits mit Anti-Import-Plakaten auf die Straßen, in Polen blockierten sie im vergangenen Jahr wochenlang die Grenzen zur Ukraine. Weizenimporte von dort, lautet ihr Vorwurf, verdürben ihnen das Geschäft.

Schaut man sich die Sache genauer an, zeigt sich jedoch: So verständlich der Frust der Bauern in den EU-Ländern auch ist – der agrarwirtschaftliche Isolationismus, den sie propagieren, ist keine Lösung. Und ebenso wenig sind die Kollegen aus der Ukraine wirklich das Problem.

Die Kornkammer Europas

Etwa 1.500 Kilometer von Olaf Kranens Hof entfernt öffnet Oleksandr Chubuk das Tor zu seinem Lager. Der ukrainische Landwirt muss sein ganzes Körpergewicht einsetzen, um die schwere Scheunentür zu bewegen. Langsam fällt Licht auf das meterhoch aufgehäufte Getreide. Es riecht nach Staub und Erde, Vögel flattern unterm Dach. Weiter rechts in der Halle lagern noch Sonnenblumenkerne. Auf seinen Feldern, etwa eine Stunde Autofahrt von Kiew entfernt, baut er außerdem Mais und Soja an.

Auch Chubuk greift in die Körner. Schön dunkel seien sie und etwas glasig, sagt er, das spreche für einen hohen Proteingehalt. „Für das gute ukrainische Brot.“

Im Gegensatz zu Kranen hat Chubuk im Frühjahr noch einen Großteil seiner Ernte auf Lager, getrocknet und bereit zum Verkauf. 650 Tonnen habe er im vergangenen Jahr geerntet, etwa 400 seien noch übrig. Er wartet mit dem Verkauf, bis die Preise steigen. Draußen vor der Scheune steht ein voll beladener Laster. „Morgen soll der zur Mühle“, sagt Chubuk. Brotweizen für die Ukrainer. Nur den Weizen, den er nicht selbst trocknen könne oder der nicht die nötige Qualität habe, schicke er zum Großhändler. Und damit auf den Weltmarkt.

Das große Land wird zu Recht die Kornkammer Europas genannt, sagt Mariia Bogonos, die Leiterin des Zentrums für Lebensmittel- und Landnutzungsforschung an der Kyiv School of Economics. „Die Ukraine hat sehr gute klimatische und geologische Bedingungen für den Getreideanbau.“ Die tiefgründigen, humusreichen Böden gehören zu den fruchtbarsten der Welt. Zudem verfügt das Land über riesige Anbauflächen. Mehr als 100 Millionen Tonnen Weizen, Mais und andere Getreidesorten wurden 2021, im Jahr vor der russischen Invasion, geerntet. Etwa 70 Millionen Tonnen wurden exportiert, 90 Prozent davon in ärmere asiatische und afrikanische Länder, wo der ukrainische Weizen entscheidend zur Lebensmittelversorgung beitrug.

Als der Krieg begann, war es damit vorbei. Russland hatte es schnell darauf abgesehen, die Kornkammer zu isolieren. Putins Armee blockierte, verminte und zerstörte die ukrainischen Schwarzmeerhäfen, in denen zuvor der größte Teil des Getreides für den Export verschifft worden war. Nun waren die Ausfuhren drastisch eingeschränkt, die Weizenpreise auf dem Weltmarkt schnellten in die Höhe, in vielen afrikanischen Ländern drohten Hungersnöte.

Auch Oleksandr Chubuk hat die Auswirkungen der Invasion zu spüren bekommen. Als die russischen Truppen Richtung Kiew marschierten, kamen sie seinem Hof bedrohlich nahe. „Nur zwölf Kilometer waren sie entfernt“, sagt er. Im Ort sei es gespenstisch gewesen, fast alle Einwohner seien geflohen, nur die Bauern nicht. Sie blieben auch, als die Geschosse direkt neben ihnen einschlugen.

Chubuk hatte Glück, sein Hof blieb verschont. Aber wirtschaftlich traf ihn die Invasion hart. Er habe wenig geerntet im Jahr 2022. Und so gut wie nichts verkauft. Nicht einmal 100 Euro habe er für seinen Weizen bekommen. Wie kann man in Deutschland gegen einen wie ihn demonstrieren?

Das Bild zeigt einen blauen Traktor mit einer roten und gelben Legemaschine, die über ein Feld fährt. Der Traktor befindet sich im Vordergrund, während die Pflanzmaschine im Hintergrund zu sehen ist. Die Szene scheint in einer ländlichen oder landwirtschaftlichen Umgebung zu spielen, mit einem klaren Himmel darüber.
Das Bild zeigt einen Mann in blauer Jacke und Hose, der in einem mit großen Säcken und Eimern gefüllten Lagerraum arbeitet. Er füllt das Getreide aus den weißen Säcken in die Eimer ab.
Das Bild zeigt eine Person, die an einer großen Industriemaschine vorbeigeht und daneben wird aus einem Lastwagen Getreide auf ein Förderband abgekippt.

Der Krieg und der Weltmarkt

Um zu verstehen, warum der Weizen aus der Ukraine überhaupt ins Visier europäischer Bauern geraten konnte, muss man auf die kriegsbedingte Verschiebung der Handelsrouten schauen. Im Mai 2022 setzte sich die EU-Kommission dafür ein, dass ukrainische Agrargüter auf dem Landweg durch die EU transportiert werden und so Zugang zum Weltmarkt bekommen. Im Juni wurden darüber hinaus die Zölle auf Agrarprodukte aus der Ukraine abgeschafft.

Zwischen August 2022 und Juli 2023 stand dann der Seeweg wieder offen, Russland hatte unter Vermittlung der Vereinten Nationen und der Türkei einem Getreideabkommen zugestimmt, es dann aber immer wieder unterlaufen und schließlich gekündigt. Dem ukrainischen Militär gelang es jedoch, die russische Flotte aus dem westlichen Schwarzmeer zu vertreiben und einen eigenen Seekorridor zu sichern.

Das Hin und Her bei den Handelsrouten führte nicht nur zu höheren Transportkosten, sondern auch dazu, dass die ukrainischen Weizenexporte ihre Richtung änderten. Verfolgen lässt sich das bei Myroslav Karabut, der bei Nibulon angestellt ist, einem der größten Getreideexporteure der Ukraine. Karabut sitzt an seinem Schreibtisch in einem Büroturm im Zentrum von Kiew. Auf den beiden Bildschirmen vor ihm aktualisieren sich Zahlentabellen, Kurven zeigen Markttrends und das Auf und Ab der Preise. Karabut beobachtet vor allem die Pariser MATIF, die wichtigste Weizenbörse Europas. Wo der Preis gut ist und die Lieferkosten okay, dorthin verkauft er.

Vor dem Krieg waren das meist Nordafrika und Südasien. Als der Seeweg durch das Schwarze Meer blockiert war und die EU der Ukraine freien Zugang für Agrarprodukte gewährt hatte, habe er mehr nach Spanien und Italien verkauft. „Dort gibt es große Viehzüchter, die Futterweizen brauchen.“

Trotz des Krieges wird die Ukraine im Jahr 2025 rund 16 Millionen Tonnen Weizen ausführen, prognostiziert das dortige Landwirtschaftsministerium. Das ist zwar deutlich weniger als vor dem Krieg, aber immer noch fast so viel wie der Ertrag auf allen deutschen Äckern. Daten der EU zeigen, dass der importierte Weizen aus der Ukraine zuletzt vor allem in Italien und Polen landete. In Deutschland waren es 2024 rund 100.000 Tonnen. Das ist nicht mal ein Prozent der deutschen Weizenernte. Für die Aktivisten von Land schafft Verbindung oder der Freie-Bauern-Vereinigung trotzdem Grund genug, um gegen Agrarimporte aus der Ukraine aufzubegehren.

Das Bild zeigt die Hände einer Person, die Körner, wahrscheinlich Weizen, aus einem weißen Stoffbeutel in Metalleimer schüttet. Die Eimer sind mit den Körnern gefüllt, und die Person ist dabei, den Inhalt aus dem Sack in die Eimer umzufüllen.

Gute Qualität: Die vergleichsweise dunkle Farbe der Körner weist auf den hohen Proteingehalt hin

Rechtsruck unter Bauern

„Billiger Weizen kommt aus der Ukraine, deutscher Qualitätsweizen landet in der Biogasanlage.“ Solche Kommentare gibt es in den sozialen Medien zuhauf. Es wird Stimmung gegen das Land gemacht, das sich nun schon seit fast vier Jahren gegen russische Angriffe wehrt. Die Freien Bauern legten im vergangenen Jahr ein Manifest für einen agrarpolitischen Neustart vor und forderten „die Aufhebung der Zollfreiheit für Agrarprodukte aus der Ukraine“ und „wirksamen Außenschutz für die heimische Erzeugung von Lebensmitteln“.

Die Story der Wutbauern geht so: Billiger Weizen aus der Ukraine überflutet die EU, drückt die Preise und macht das Geschäft kaputt. Von einer Flut kann aber keine Rede sein. Und die Ukraine ist auch nicht der größte Weizenexporteur der Welt. Russland, Kanada, die EU und USA besetzen im Ranking die vorderen Plätze, ihr Einfluss auf die Weltmarktpreise ist also mindestens genauso groß.

Außerdem war die EU schon vor dem Krieg Hauptabnehmer ukrainischer Agrarprodukte. Es besteht also kein Zusammenhang zwischen dem aktuellen niedrigen Weltmarktpreis und den Ausfuhren des Landes in die Europäische Union.

Richtig ist dagegen: Die russische Blockade des ukrainischen Getreideexports trieb im Jahr 2022 die Preise auf Rekordhöhe – wovon die Landwirte aus Deutschland und anderen EU-Ländern profitierten. Vielleicht ist ihnen auch aus diesem Grund die Unterstützung der ukrainischen Landwirtschaft durch die EU ein Dorn im Auge gewesen.

Und was ist von der von ihnen geforderten Abschottung gegen Lebensmittel aus dem Ausland zu halten? „Handel ist keine Einbahnstraße“, sagt Stephan von Cramon-Taubadel, Professor für Agrarökonomie an der Georg-August-Universität Göttingen. Eine Einschränkung der Importe würde Gegenmaßnahmen nach sich ziehen, den Export bestimmter Waren aus der EU erschweren und der Wirtschaft schaden. Interessant in diesem Zusammenhang: Deutschland ist selbst der zweitgrößte Weizenexporteur in der EU.

Ohne den Weltmarkt gäbe es zudem Engpässe bei der Versorgung mit vielen Lebensmitteln. Bei Mais oder Sonnenblumenöl zum Beispiel ist Deutschland auf die Ukraine angewiesen. Und im Dürrejahr 2018 reichte die heimische Weizenernte nicht aus, um den Bedarf der Viehhalter, Mühlen und Fabriken in Deutschland zu decken. Der internationale Handel ist auch eine Versicherung gegen solche Krisen.

Die Polemik gegen den Weltmarkt und die Ukraine hat auch mit dem Rechtsruck der deutschen Bauernschaft zu tun. Einer Auswertung der Forschungsgruppe Wahlen zufolge stimmten 2024 in Thüringen 40 Prozent der Landwirte für die AfD, in Sachsen sogar 49 Prozent. Der Verein Land schafft Verbindung bezeichnet sich zwar als politisch neutral, grenzt sich aber nicht klar von der AfD ab. Die Freien Bauern dürfen laut richterlichem Beschluss als rechtspopulistische Vereinigung bezeichnet werden. Auch Deutschlands Sicherheitsbehörden warnten bereits vor einer Unterwanderung der Bauernproteste durch rechte Gruppierungen. Man kann also davon ausgehen, dass die Landwirte angestachelt wurden – aber was macht sie so anfällig für rechte Propaganda?

Das Bild zeigt Myroslav Karabut, der in einem modernen Büro steht und durch ein großes Fenster auf die Skyline einer Stadt blickt. Das Büro verfügt über einen Schreibtisch mit einem Computer, einen Stuhl und eine Topfpflanze.
Das Bild zeigt einen Mann, der aufmerksam einen Computerbildschirm studiert, auf dem ein Börsendiagramm und Finanzdaten angezeigt werden.

Ähnlich wie beim Aktienhandel: Myroslav Karabut verkauft Weizen auf dem Weltmarkt – die Preise an der Börse immer im Blick

Erschüttertes Selbstverständnis

In Sachsen läuft Olaf Kranen über seinen Hof auf sein Auto zu. Er will zeigen, was seiner Meinung nach das größte Problem der Landwirte in Deutschland ist. Er lenkt sein Fahrzeug über Feldwege hinauf zu einer Hügelkuppe. Wenn das Wetter gut ist, kann er von hier weit in die Ferne gucken, über seine Felder, den benachbarten Schweinemastbetrieb, die nächste Dorfkirche. „Hinter den Gebäuden fängt das rote Gebiet an“, sagt er. Die Felder wirken blasser, auch von hier oben aus. „Das ist das Problem.“

Rote Gebiete – das bedeutet, dass dort das Grundwasser durch Düngemittel belastet ist. Behörden haben dort eine zu hohe Nitratbelastung festgestellt, Kranen darf deshalb nur 80 Prozent der Menge an Dünger verwenden, die er eigentlich bräuchte. Das schmälert den Proteingehalt des Weizens und die Ernte. Beinahe die Hälfte seiner Flächen lägen nun im roten Gebiet, sagt Kranen. „Damit kriege ich die Qualität und die Erträge nicht mehr hin.“

Und dann seien da noch die Einschränkungen bei Herbiziden. Vom kommenden Jahr an ist das Pflanzenschutzmittel Flufenacet verboten, das Bauern wie Kranen bisher gegen Unkraut auf ihren Weizenfeldern eingesetzt haben. „Das ist, als hätte man einen Werkzeugkasten, und nach und nach werden einem die Werkzeuge weggenommen“, sagt er. In anderen Ländern sei der Werkzeugkasten gut gefüllt. Etwa in der Ukraine. „Wo bleibt da der faire Wettbewerb?“

Man könnte ihm entgegenhalten, dass die EU-Bauern von hohen Subventionen profitieren. Bei Kranen machen die Direktzahlungen, die Landwirte pro bewirtschafteten Hektar von der EU erhalten, wenn sie gewisse Auflagen zu Umweltschutz, Lebensmittelsicherheit und Tierwohl erfüllen, bis zu 20 Euro pro Tonne Weizen aus. Lange waren die deutschen Getreidebauern durch diesen Vorteil auf dem Weltmarkt erfolgreich.

Jetzt aber müssen sie erkennen, dass sie trotz Subventionen im Wettbewerb zurückfallen – auch weil die Anbauflächen in Deutschland aufgrund von Bau- und Klimaschutzmaßnahmen schrumpfen und die Qualität des Weizens durch die reduzierte Stickstoffdüngung sinkt. Gegen einen Großbetrieb in der Ukraine etwa, der durch bessere Böden und größere Mengen Dünger mit hoher Weizenqualität punktet, zudem auf seiner riesigen Anbaufläche seine Maschinen auslasten kann und vergleichsweise geringe Lohnkosten hat, könne ein deutscher Landwirt nicht gewinnen, sagt der Agrarwissenschaftler Cramon-Taubadel.Das ist aber nicht der einzige Grund für den Frust. Hinzu kommen fehlende Handlungsmöglichkeiten. Vom Selbstverständnis her sind die Landwirte Unternehmer – umso härter trifft es sie, dass sie auf Subventionen angewiesen sind und sich an Regeln halten müssen, die sie ablehnen.

Die EU-Agrarpolitik der vergangenen Jahrzehnte hat auf die Wettbewerbsfähigkeit der für den Massenmarkt produzierenden Großbetriebe abgezielt. Je größer die Anbaufläche, desto höher die Subventionen. Zahlreiche kleinere Landwirte mussten aufgeben. Das Verschwinden landwirtschaftlicher Betriebe hat sich in den vergangenen 15 Jahren zwar etwas verlangsamt, aber seit 2020 sinkt ihre Zahl in Deutschland immer noch um 2.000 bis 3.000 pro Jahr.

Es gewinnt, wer für den Massenmarkt produziert, und dort kommt es auf möglichst niedrige Preise an. Natur- und Tierschutz werden da als Hindernisse wahrgenommen. Janna Luisa Pieper, Agrarsoziologin der Georg-August-Universität Göttingen, sieht darin einen entscheidenden Faktor für die Frustration der Landwirte: „Die deutschen Verbraucherinnen und Verbraucher haben den Weltmarkt nicht im Blick, sie haben ganz andere Erwartungen. Sie wollen günstige Preise und oft eine bäuerliche, ökologische Landwirtschaft“, sagt sie. Die Landwirte haben demnach nicht nur mit dem Transformationsdruck und einer schlechteren wirtschaftlichen Lage zu kämpfen – sie verlieren auch an Wertschätzung in der Bevölkerung. „Das kann zu einem Gefühl der Deklassierung und zu Wut führen“, sagt Pieper. Und das mache anfällig für populistische und rechte Erzählungen.

Das Bild zeigt ein weites, offenes Feld mit einer großen Silostruktur in der Ferne. Das Feld ist  leicht mit Schnee bedeckt, und der Himmel ist mit Wolken gefüllt.

Oben: schneebedeckte Ackerfläche im Februar 2025. Trotz des Krieges wird die Ukraine in diesem Jahr rund 16 Millionen Tonnen Weizen ausführen; unten: der Schuh eines Landwirts

Das Bild zeigt eine Nahaufnahme des Fußes einer Person, die ein Paar schwarze Gummistiefel mit einer kleinen, bunten Nadel an der Seite trägt. Die Antsecknadel hat zeigt die Flagge der Ukraine in blau und gelb.

Scheinlösungen

Die EU hat dem Druck der Landwirte nachgegeben und und die generelle Zollfreiheit auf ukrainische Agrarprodukte am 6. Juni 2025 auslaufen lassen. Darüber hinaus hat sie sich Ende Juni mit der Ukraine auf ein Handelsabkommen geeinigt, das 2026 in Kraft treten wird. Wie vor dem Krieg dürfen nun wieder nur begrenzte Kontingente an landwirtschaftlichen Erzeugnissen zollfrei oder zu besonders günstigen Konditionen ein- und ausgeführt werden (siehe Weizen in Zahlen auf Seite 40). Zudem verpflichtete sich die Ukraine, ab sofort schrittweise EU-Standards beim Tierschutz und beim Pestizideinsatz zu übernehmen. Damit wird die von Kranen und anderen Bauern beklagte Ungleichheit bei den Umweltauflagen beseitigt. Aber verbessert sich dadurch deren Lage?

Mit dem Handelsabkommen soll die Ukraine schrittweise in den EU-Binnenmarkt integriert werden. Ist der Beitritt vollzogen, müssen die Agrarsubventionen neu verteilt werden. Und gerade die ukrainischen Betriebe mit ihren riesigen Anbauflächen würden nach dem heutigen Modell eine Menge davon abbekommen. Den deutschen Wutbauern wäre damit nicht geholfen.

Ihr Kampf gegen den Weizen aus der Ukraine geht ohnehin am Problem vorbei. Was würde stattdessen der Landwirtschaft in Deutschland helfen? Die rechtspopulistischen Freien Bauern halten den Öko-Trend für das größte Übel und fordern, „alle seit 2017 in Kraft getretenen Auflagen zu Düngung, Pflanzenschutz und Nutztierhaltung auszusetzen“. Dass Überdüngung der Fruchtbarkeit des Bodens schadet und den Landwirten langfristig die Grundlage ihres Wirtschaftens entzieht, ignorieren sie.

Anders die Bauern von Land schafft Verbindung. In ihrem Programm heißt es, dass sie die politisch gesetzten Ziele zum Umwelt- und Tierschutz grundsätzlich für sinnvoll halten. Sie fordern aber, dass diese nicht nur von den Landwirten, sondern von der Gesellschaft getragen werden. Außerdem verlangen sie faire Preise für ihre Erzeugnisse.

Das klingt vernünftig und könnte die Leitlinie für eine andere, sinnvolle Agrarpolitik sein, eine, die jenseits der Massenproduktion Qualität und Umweltschutz fördert. Doch das geht unter, weil sich auch die Bauern von Land schafft Verbindung auf die Ukraine und den Weltmarkt eingeschossen haben – auf die falschen Feinde. ---

Das Bild zeigt einen großen Haufen Maiskörner im Vordergrund, während im Hintergrund mehrere große Silos mit Maiskörnern zu sehen sind.

Silos in der Umgebung von Kiew: Die Firma Nibulon, bei der Myroslav Karabut arbeitet, gehört zu den größten Getreideexporteuren des Landes

Aktuelle Produktion weltweit pro Jahr: rund 800 Millionen Tonnen
Aktueller Export weltweit pro Jahr: rund 200 Millionen Tonnen

Die größten Exporteure im Jahr 2025, nach Millionen Tonnen:
Russland: 32,5
Kanada: 27
EU: 26,5
USA: 22,5
Australien: 21,5
Ukraine: 16

Direktzahlungen der EU an Landwirte in Deutschland im Jahr 2024, in Milliarden Euro: 4,3 *

Subventionen der EU für den ländlichen Raum in Deutschland im Jahr 2024, in Milliarden Euro: 1,8

*Die Direktzahlungen richten sich vor allem nach der Größe der bewirtschafteten Fläche. Wer viel Land besitzt, bekommt viel Geld. Setzt man die Direktzahlungen ins Verhältnis zur Produktionsmenge, macht das im Fall des sächsischen Landwirts Olaf Kranen bis zu 20 Euro Subvention pro Tonne Weizen aus.

Zahl der zollfreien Tonnen von ukrainischem Weizen, in Millionen: 1
Zollsatz für jede weitere Tonne, in Euro: 95 **

**Diese Regelungen gelten bis Ende 2025. Ab 2026 erhöht sich das zollfreie Weizenkontingent auf 1,3 Millionen Tonnen.

Der Weizenpreis pro Tonne auf dem Weltmarkt, in Dollar ***:
Juni 2020: 169,7
Juni 2021: 238,8
Mai 2022: 444,2
Juni 2023: 282,3
Juni 2024: 205,2
Juni 2025: 173,2

***Der Weizenpreis entsteht an verschiedenen Handelsplätzen. Die Märkte sind miteinander vernetzt. Nur rund ein Viertel des Weizens wird am Weltmarkt gehandelt.