Die Wissensarbeit geht uns nicht aus
Wächter, Gestalter, Sinnstifter? Der Berater und IT-Fachmann Frank Wolf erklärt, wie jeder selbst herausfinden kann, ob die eigene Erwerbsarbeit durch KI ersetzt oder aufgewertet werden kann. Ein Gespräch über die Zukunft der Wissensarbeit in einer Welt der Bots und der digitalen Agenten.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 11/2025.
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Lightspeed ist eine Technologieplattform für die Gastronomie. KI-gestützte Funktionen helfen Betrieben, Daten besser zu nutzen und Abläufe zu vereinfachen – für mehr Zeit am Gast.
brand eins: Herr Wolf, was ist Wissensarbeit für Sie?
Frank Wolf: Je weniger ich vorher weiß, was an welchem Punkt im Prozess passiert, desto eher habe ich es mit Wissensarbeit zu tun. Der Unterschied wird deutlich, wenn wir auf die Industrialisierung schauen: Zu jener Zeit hat man Prozessschritte, die Handwerker vorher immer wieder neu und kreativ gemacht haben, in eine maschinelle Abfolge übersetzt. Ähnliches ist später mit vielen Arbeiten in der Verwaltung passiert, seit in Firmen Systeme wie SAP eingesetzt werden. Prozesse sind standardisiert, beschreibbar und lassen sich automatisieren. Wissensarbeit beginnt da, wo das nicht so einfach geht. Wenn ich eine Aufgabe nicht in die immer gleichen Schritte zergliedern kann, sondern nachdenken und kreativ sein muss.
Wenn ein Mensch in einer Bank Kreditanträge prüft, ist das demnach keine Wissensarbeit?
Richtig. Deshalb stehen solche Jobs mit sehr strukturierten Aufgaben wie in Banken oder in der Buchhaltung ja auch seit Jahren unter großem Druck. Dort sind viele Stellen weggefallen.
Wie verändert KI die Arbeitswelt insgesamt?
Schauen Sie sich an, wie eine Fabrik vor der Automatisierung aussah: 100 Arbeiterinnen und Arbeiter saßen an ihren Maschinen, ein Vorarbeiter lief herum und passte auf, dass alle arbeiteten. Noch funktioniert Wissensarbeit vielfach so ähnlich: Viele sitzen an ihren Laptops, ein Teamleiter führt sie. Aber durch den Einsatz von KI wird auch das in wenigen Jahren so aussehen wie die Industrie heute: 100 künstliche Intelligenzen und fünf spezialisierte Fachleute, die sie überwachen.
Wo wird das am schnellsten geschehen?
Dort, wo die Aufgaben besonders strukturiert und kodifiziert sind. Bei Anwältinnen und Anwälten etwa. Alles, womit Juristen arbeiten, steht in Gesetzen, Urteilen oder Kommentaren. Deshalb ist der Druck durch KI dort immens hoch. Ein anderes Beispiel sind Finanzanalysten bei Investmentfirmen oder in Unternehmensberatungen. Wer seine Tage damit zubringt, Excel-Listen auszuwerten, tut etwas, das eine KI auch kann. Wahrscheinlich sogar besser.
Bei kreativen Aufgaben, die über reine Fleißarbeit hinausgehen, tut sich KI allerdings schwer.
Das stimmt. Als ich mein Buch schrieb, gewöhnte ich mir an, zum Mittagessen bei mir in Dresden-Loschwitz 20 Minuten den Berg hochzugehen, zu einer schönen Suppenbar. Die meisten guten Einfälle kamen mir auf diesen Spaziergängen. Kein einziger Durchbruch stammt von der KI – und ich habe viel mit KI gearbeitet. So rasant sie sich entwickelt, müsste eine KI eigentlich schon längst irgendeine neue wissenschaftliche Erkenntnis produziert haben, weil sie Dinge findet, die wir Menschen übersehen. Aber das passiert nicht.
Also übernimmt die KI am besten die Aufgaben, zu denen wir ohnehin keine Lust haben? Das wäre mal eine gute Nachricht.
Sie gehen von dem aus, was Sie kennen. Aber KI ermöglicht auch Dinge, die es bisher noch nicht gibt. Ich bin sicher, dass sich zum Beispiel die Aus- und Weiterbildung in Unternehmen in den kommenden zehn Jahren grundlegend wandeln wird. Heute schicken wir die Leute tagelang zu irgendwelchen Kursen, dann kommen sie zurück in ihren Job und sollen das Gelernte anwenden. Klappt mäßig gut. Viel lieber würde ich den Dozenten im Alltag neben die Menschen setzen wie einen persönlichen Coach, der immer exakt in dem Moment hilft, in dem man ihn braucht. Und genau das kann KI.
Bedeutet das also nicht, dass eine Menge Jobs wegfallen?
Nicht zwingend. Wenn wir schauen, was im frühen Computerzeitalter passiert ist oder als in den Neunzigerjahren das World Wide Web aufkam, dann sind jedes Mal auch neue Jobs entstanden, an anderer Stelle. Das passiert wahrscheinlich auch diesmal, natürlich mit einiger Verzögerung. Wäre ich jetzt an der Uni und müsste mich für einen Beruf entscheiden, wüsste ich auch nicht so recht, was ich tun sollte.
Foto: © Staffbase
Aber offenbar gehen Sie davon aus, dass auch im KI-Zeitalter neue Aufgaben für Wissensarbeiter entstehen. Auf jeden Fall sicher die Aufgabe, die KI zu überwachen, oder?
Klar. Mit der Entwicklung hin zu KI-Agenten geben wir der Technik zwar immer mehr Freiheiten, Dinge selbstständig zu tun, und die KI erledigt dann autonom ihren Job. Aber der Mensch ist in der kontrollierenden Rolle.
Wie sieht das konkret aus?
Wir haben bei Staffbase aktuell einen auf die individuellen Bedürfnisse von Beschäftigten ausgerichteten Podcast entwickelt. Für einen Paketfahrer etwa ersetzt er das Intranet – weil der Fahrer alle wichtigen Informationen einfach unterwegs per Audio bekommt. Da geht es dann zum Beispiel um Weiterbildungsmöglichkeiten oder kurze Einheiten zu sicherheitsrelevanten Themen, neuen Abläufen oder Fahrzeugchecks. So einen Podcast kann gerade in großen Organisationen nur ein KI-Agent erstellen und pflegen. Den muss aber jemand überwachen. Unternehmen werden bald Tausende solcher KI-Agenten im Einsatz haben, aber am Ende sind immer Menschen dafür verantwortlich, was die tun oder nicht tun. Ich nenne diese Rolle die des Wächters.
Schreiben diese Wächter auch die Prompts für die Agenten?
Nein, das ist eine eigene Rolle, ich nenne sie den Übersetzer. Ein KI-Agent ist ein virtuelles System, das auf irgendeiner Festplatte im Server lebt. Ich brauche also eine Person, die zwischen der realen Welt und der KI vermittelt, die die Realität beobachtet und Probleme präzise beschreiben kann.
Wird die KI in Zukunft einen immer größeren Teil dieser Übersetzungsleistung übernehmen?
Ja, das wird sie. Aber ganz ohne Menschen wird es nicht funktionieren. Der Übersetzer ist Profi für verschiedene Fachbereiche, eine Art Führungskraft für ein Team aus Agenten und Wächtern.
Welche Rolle bleibt für die anderen Beschäftigten übrig?
Die gängigen Modelle nennen noch die des Gestalters. Diese Position repräsentiert so etwas wie die Essenz der Wissensarbeit, ähnlich wie ein Künstler oder eine Wissenschaftlerin. Menschen, die kreativ sind, etwas Neues erschaffen. Sie können um die Ecke denken. Ein Mensch hat neben den Daten, mit denen die KI arbeitet, ja immer noch Intuition und Lebenserfahrung sowie Eindrücke aus Gesprächen zur Verfügung. Ein Unternehmensberater, der nur Daten analysiert, wird durch KI ersetzt werden. Eine kreative, eigenständig denkende Unternehmensberaterin hingegen hat weiter ihre Berechtigung. Weil sie auf Ideen kommt, die eine KI nicht haben kann.
Und das war’s? Wächter, Übersetzer und Gestalter?
Die Modelle, die ich kenne, sehen meist nur diese drei Rollen vor, auch wenn die nicht immer so heißen. Was mir fehlt, ist die Sinnstiftung. Unternehmen werden weiter auch Menschen beschäftigen und als Kunden haben. Und wer will, dass jemand ein Produkt kauft, sich beim Unternehmen bewirbt oder auf ein Ziel hinarbeitet, der muss Menschen überzeugen. Führungskräfte sollten sich daher im KI-Zeitalter noch mehr zeigen, sie müssen wahrhaftig sein.
Sagen Sie das, weil Sie eine Plattform für Mitarbeiterkommunikation verkaufen?
Vielleicht. Und manch einer würde womöglich sogar sagen, dass Sinnstiftung Teil des Gestaltens oder des Überwachens ist. Aber ich finde, der Sinnstifter ist eine eigene Rolle. Menschen zu überzeugen hat zwar viel mit der Botschaft zu tun, aber ganz viel auch mit dem Absender. Menschen nehmen Botschaften lieber von anderen Menschen an – am besten, wenn sie sich mit ihnen identifizieren können, weil sie zum Beispiel aus demselben Kulturkreis kommen, denselben Job machen oder in derselben Stadt geboren sind.
Was bringt mir dieses Modell der vier Rollen angesichts der aktuellen Umbrüche?
Orientierung. Schau dir an, welche Anteile dieser Rollen du in deinem Job aktuell hast. Das hilft bei der Einschätzung, wie gefährdet du bist. Hat meine Aufgabe hohe Anteile, dann ist der Job relativ sicher. Sind es keine oder sehr geringe Anteile und arbeitest du dazu noch mit stark strukturierten Informationen, sieht es schlecht aus.
Sind Berufseinsteiger mit wenig Erfahrung stärker gefährdet als Menschen mit hoher Seniorität?
Ja, natürlich. Das gilt vor allem für Einstiegsjobs in Unternehmen, weil man die leichter automatisieren kann.
Um Erfahrungen sammeln können, muss ich sie erst mal selbst machen – dazu gehören auch Fehler. Das klappt aber nicht, wenn mir die KI von Anfang an alles abnimmt.
Das ist das große Fragezeichen bei diesem Thema und auch das größte Risiko für die Wissensarbeit. Ich mache mir keine Sorgen, dass die KI die Menschheit unterjocht. Ich mache mir auch wenig Sorgen um die berufserfahrenen Denkerinnen und Denker. Aber wenn man über Dinge nicht mehr selbst nachdenkt, weil die KI sie erledigt, dann kann man sich gar nicht erst zu einer reflektierten Persönlichkeit entwickeln. Ich weiß nicht, was die langfristigen Auswirkungen sein werden. Werden sich unsere Gehirne verändern? Leben wir symbiotisch mit den KI-Agenten, die dann bestimmte Dinge tun, die wir selbst gar nicht mehr können? Wer weiß das schon. ---
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Frank Wolf, 49,
ist Wirtschaftsingenieur und hat bei der Unternehmensberatung Accenture und dem IT-Dienstleister T-Systems gearbeitet. Ihn beschäftigt immer wieder das Thema Wissensmanagement. Im Jahr 2014 war er einer der Gründer von Staffbase, einer Cloud-Plattform für die interne Unternehmenskommunikation, die es Unternehmen ermöglicht, ihre Mitarbeiter über eine zentrale Plattform zu erreichen und zu vernetzen. Im April 2024 erschien sein Sachbuch „The Narrative Age“. Darin setzt er sich damit auseinander, welche Rolle Erzählungen bei der Führung von Unternehmen spielen. Auf der KI und der Art, wie sie die Wissensarbeit verändert, liegt dabei sein Augenmerk, genau wie in seinen Blog- beiträgen oder Vorträgen. Für das Buch hat er selbst KI eingesetzt – allerdings nur, um seine Gedanken zu sortieren und sein Englisch zu polieren, sagt er.
Marktplatz für Agenten
Die Serviceplan-Tochteragentur Plan.Net bietet Unternehmen eine Plattform, auf der KI-Agenten komplexe Aufgaben übernehmen, die bisher menschliche Expertenteams erledigt haben.
Text: Jeanne Wellnitz
• Vor einem Jahr ahnte Sebastian Küpers, dass sogenannte agentenbasierte Workflows seine Branche umkrempeln würden. Der 45-Jährige ist zuständig für Transformationsprozesse bei der Digitalagentur Plan.Net Group, einer Tochter der Serviceplan Group. Er sah voraus, dass Dienstleistungen, die vor allem auf Fleißarbeit beruhen, künftig von KI-Agenten erledigt werden, die das automatisiert und skalierbar können. „Service as a Software“ nennt der Medieninformatiker das. Seiner Meinung nach ist es das neue Paradigma der Agenturwelt.
Küpers kam auf die Idee, einen offenen Marktplatz zu schaffen, auf dem Kunden die Services der KI-Agenten buchen, bezahlen und sie dann das fertige Produkt wie zum Beispiel eine Studie oder Analyse als PDF bekommen, ohne Abo – also anders als ChatGPT, Perplexity oder der Microsoft Agent Store. Eine Gig Economy der KI-Agenten.
In wenigen Monaten hatte Küpers ein rund 50-köpfiges Team zusammengestellt. In internen Hackathons und Trainingsformaten wurden erste Prototypen getestet. Daraus entstanden 30 Pilotprojekte.
Eines der erfolgreichsten ist die automatisierte Wettbewerbsanalyse, bei der Kunden auswerten lassen, was ihre Konkurrenz so treibt, sagt Küpers. Früher brauchte man dafür mehrere Tage und ein hohes vierstelliges Budget. Heute erledigen spezialisierte Agententeams die Aufgabe in rund 20 Minuten.
„KI-Agenten sind wie eine Matroschka“, sagt Küpers. In ihnen steckten viele Unteragenten. „Das heißt, ein Agentic Service setzt sich in der Regel aus mehreren Crews – also Teams von Agenten – zusammen.“ Jede Crew übernimmt bestimmte Teilaufgaben. Je komplexer der Anwendungsfall, desto mehr Crews und Agenten sind im Einsatz.
Im Juni 2025 hat die Agentur ihren Marktplatz Sōkosumi livegestellt. Unter anderem im Angebot: Social-Media-Monitorings oder Website-Analysen. Unternehmen tragen in einer Eingabemaske ein, was sie brauchen, sie bezahlen einmalig und bekommen das Ergebnis wenige Minuten später zugestellt. Das unterscheidet den Marktplatz von anderen Anbietern, bei denen man chatten und prompten muss, bis man ein Ergebnis bekommt.
Küpers’ Arbeitgeber ist zwar Betreiber der Plattform, es können allerdings alle, die es möchten, ihre KI-Agenten darauf anbieten. Die Agenturgruppe wird dann am Erlös beteiligt. „Wir lassen allerdings nur solche Angebote zu, die innerhalb der EU entwickelt und betrieben werden“, sagt Sebastian Küpers.
Laut Küpers haben sich bereits mehr als 500 Unternehmen angemeldet, darunter die Berliner Verkehrsbetriebe. Auch Medienhäuser hätten schon Interesse gezeigt. Die Agenten können auf das Statistik-Portal Statista zugreifen oder auf die Marktforschungsplattform GWI. Durch weitere Partnerschaften werden in Zukunft auch Daten und Inhalte von Medienhäusern über Sōkosumi nutzbar sein.
Sebastian Küpers hat damit zwei große Wetten abgeschlossen. Einmal, ob Unternehmen für die Arbeit von KI-Agenten pro Einsatz bezahlen statt im Abo-Modell. Und zum anderen, ob die Menschen wirklich bereit sind, komplexe Aufgaben an ein Netzwerk aus Agenten abzugeben.
„Wir bieten bei uns in der Agentur die Wettbewerbsanalyse dreistufig an“, sagt er. Dieses Modell ist auch deshalb so angelegt, um zu testen, inwieweit die Kunden Verantwortung aus der Hand geben wollen. Das funktioniert zum Beispiel so: Man kann ein kleines Paket buchen. Dann wird der Inhalt eines Konkurrenten auf Instagram analysiert. Stufe zwei beinhaltet schon mehrere Social-Media-Kanäle, Stufe drei die Analyse des gesamten Markts. Das alles gibt es dann für etwa 500 bis 1.000 Euro. „Unsere Kunden haben großen Druck, Prozesse zu etablieren, um Geld zu sparen“, sagt Küpers. Die einzelne Wettbewerbsanalyse werde nun zwar für deutlich weniger Geld verkauft, dafür ist aber die Marge höher. Und: „Die Kunden buchen deutlich mehr Analysen, und das für immer mehr Anwendungsfälle.“
Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Agentur können den Marktplatz für ihre Arbeit übrigens auch nutzen. Sie zahlen dafür aus ihren Kundenbudgets genauso wie alle anderen. „Meine Kolleginnen und Kollegen sollen wissen, dass jeder Auftrag Kosten verursacht“, sagt Küpers. Und sie sollen die KI maßvoll einsetzen. Im Prinzip funktioniere das genauso wie bei einer Chefin und ihrem Mitarbeiter, sagt er. Die überlegt sich schließlich auch immer wieder aufs Neue, ob sie eine Aufgabe an den Kollegen abgibt oder sie selbst erledigt. ---
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