Muttermilchbanken
Die Milch macht’s
Um die Kindersterblichkeit zu senken, begann Brasilien in den Achtzigerjahren, ein System an Muttermilchbanken aufzubauen. Heute dient es weltweit als Vorbild.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 12/2025.
Danielle Aparecida da Silva hält einen Schatz in Händen: gespendete Muttermilch
• Ein kalter Nebel steigt auf, als Danielle Aparecida da Silva die Tür des Gefrierschranks öffnet. Sie greift nach einem Schraubglas, darin: eine gelblich-weiße Flüssigkeit, gefroren. Es ist Muttermilch. „Sie kam gestern von einer Spenderin“, murmelt da Silva hinter ihrer Schutzmaske. Sie prüft die Nummer auf dem Deckel. Behutsam stellt sie das Glas zurück, wie einen kostbaren Schatz. Und das ist es ja auch.
Die 52-Jährige leitet Brasiliens älteste Muttermilchbank im Instituto Fernandes Figueira in Rio de Janeiro, einem öffentlichen Krankenhaus für Frauen und Kinder. 1943 gründeten hier zwei Ärzte die erste Muttermilchbank des Landes. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, glitzert der Botafogo-Strand. Schwitzende Jogger, Kokosnussverkäufer, Sicht auf den Zuckerhut. Drinnen geht es um Milliliter, Fettgehalt und die Gesundheit eines Landes.
Brasilien verfügt über ein einzigartiges Muttermilchnetzwerk. 240.000 Babys werden jährlich mit Milch versorgt, die von Müttern mit Milchüberschuss gespendet werden. Es gibt 238 Muttermilchbanken – in keinem Land sind es mehr im Verhältnis zur Bevölkerungszahl. Die Weltgesundheitsorganisation WHO nimmt es als Referenzmodell, viele Länder kopieren den „brasilianischen Weg“.
Die Weitergabe von Muttermilch ist beinahe so alt wie die Menschheit selbst. Schon in den Schriften der alten Ägypter finden sich Beschreibungen von Frauen, die ihre Milch abgeben. In Teilen der europäischen Oberschicht war es über Jahrhunderte üblich, Babys Ammen anzuvertrauen, die oft zum festen Teil des Hausgesindes wurden. Ende des 19. Jahrhunderts stand Europa dann vor zwei drängenden Problemen: einer hohen Säuglingssterblichkeit und einer sinkenden Geburtenrate. Erste Studien zeigten bald, dass gestillte Kinder seltener starben. 1908 gründeten ein Gynäkologe und ein Kinderarzt in Wien die „Zentrale für Frauenmilchversorgung“, die Mutter aller Muttermilchbanken.
Damit sind meist Räume in Krankenhäusern gemeint, in denen Spenderinnenmilch verarbeitet und gelagert wird. Sie wird auf den Stationen an Neugeborene verteilt, deren Mütter keine oder zu wenig Milch haben. Aber auch an Frühgeborene, kranke Säuglinge und ausgesetzte Kinder.
Muttermilch enthält antimikrobielle und entzündungshemmende Wirkstoffe. Studien aus den USA belegen, dass sie Darmerkrankungen oder Neugeborenensepsis reduziert. Die WHO empfiehlt, Spenderinnenmilch industriell hergestellter Säuglingsnahrung vorzuziehen. „Ein Kind, das gestillt wurde, erkrankt seltener an Diabetes, Ohren- und Lungeninfektionen“, sagt da Silva. „Es zeigt eine bessere neuronale Entwicklung.“
Sie öffnet die Tür zu einem Raum, der wie ein Chemielabor aussieht, „das Herz unserer Milchbank“. Die gespendete Muttermilch wird hier keimfrei aufgetaut, klassifiziert nach Alter der Muttermilch wie Erst- oder Übergangsmilch, dann wird der Säuregehalt analysiert und zuletzt der Fett- und Nährstoffgehalt bestimmt. Danach wird sie bei 62,5 Grad Celsius für 30 Minuten pasteurisiert, um Bakterien zu vernichten. Mikrobiologisch getestet wird die Milch schockgefrostet. Die Mitarbeiter erfassen alle Daten, so kann für Frühgeborene die passende Spende wie Erstmilch ausgewählt werden.
Die Geschichte von Brasiliens Milchbanken ist auch die eines Staates, der gezielt in Gesundheit investiert. Das Programm ist fest im öffentlichen Gesundheitssystem SUS verankert und wird wissenschaftlich begleitet. Brasilien wirbt heute offensiv dafür, Spenderinnen gelten als Heldinnen des Alltags. Doch das war nicht immer so.
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