… Mutter, wir danken dir!
Geschenke ohne Hintersinn gibt es nicht. Doch auch wenn ein Präsent nie selbstlos ist – die Gründe dafür unterscheiden sich immens. Eine kleine Kulturgeschichte des Schenkens.
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Reziprozität
die Mauss’sche Pflicht des Erwiderns
Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft
(Deutsches Sprichwort)
Schon unsere steinzeitlichen Vorfahren sollen ihre Nachbarinnen umworben haben, indem sie ihnen polierte Zähne toter Tiere überreichten. Kam bestimmt bombig an. Es dauerte dann noch ein paar Hunderttausend Jahre, bis sich der französische Soziologe, Ethnologe und Religionswissenschaftler Marcel Mauss des Themas erstmals mit wissenschaftlichem Ernst annahm. Sein 1925 veröffentlichter Essay über die Gabe fußt auf Studien archaischer Gesellschaften und brachte die ernüchternde Erkenntnis: Schenken ist nie selbstlos. Vielmehr besteht es aus drei Elementen, die allesamt verpflichtend sind. Geben, Empfangen, Erwidern.
Mauss sagt: Wer denkt, dass mit dem Überreichen eines Wurstkorbs die Transaktion vollendet ist, der irrt. Das gibt dem Geber große Macht. Schließlich ist er es, der einen Dreiklang anstimmt, den der Nehmer mitsingen muss. Der Beschenkte kann zwar den Wurstkorb ablehnen oder auf die Revanche verzichten, doch auch damit erfüllt er die kommunikative Funktion von Empfang und Erwiderung – eben indem er sein Gegenüber gleich zweimal düpiert. Die Regeln des Schenkens, die sich Mauss zwar nicht ausgedacht, aber treffend formuliert hat, sind zwingend. Wer sie verletzt, riskiert seinen sozialen Status. Mindestens. An den Mauss’schen Erkenntnissen haben sich seitdem viele abgearbeitet, am zugrunde liegenden Prinzip hat sich jedoch nichts geändert.
In seinem Essay stützt sich Mauss unter anderem auf seine Interpretation der polynesischen Vorstellung, dass jedes Geschenk die Seele (Hau) seines Gebers in sich trägt und letztlich zu ihm zurückstrebt. Wer eine Gabe weiterschenkt und dafür eine Gegenleistung erhält, muss diese an den Urschenker zurückreichen. Sonst droht Ungemach. Denn das Hau will stets nach Hause. Wenn Sie von Ihrer Chefin eine goldene Uhr zur 25-jährigen Betriebszugehörigkeit bekommen, das schöne Stück einige Jahre später dem tüchtigen Schwiegersohn unter den Weihnachtsbaum legen und dieser sie wiederum mit dem Volkshochschulkurs „iPhone-Führerschein für Silversurfer, Teil II“ beehrt, dann müssten Sie nun also – dem Gesetz des Hau folgend – Ihre einstige Chefin besuchen, um ihr den Lehrgang als Seelenrückgabe zu überreichen.
Der Kula-Ring der Trobriand-Inseln, die zu Papua-Neuguinea gehören, weist ein ähnliches Muster auf. Bei dem rituellen Gabentausch zirkulieren zweierlei Kostbarkeiten zwischen den Oberhäuptern der kreisförmig angeordneten Südseeinseln. Halsketten aus roten Muschelplättchen wandern im Uhrzeigersinn, Armreifen aus weißen Muschelringen wandern gegen den Uhrzeigersinn. Niemand darf die Dinge zu lange für sich behalten, bevor er sie in der vorgeschriebenen Richtung weitergibt. Dabei wirft er die Gabe dem Beschenkten in übertriebener Bescheidenheit vor die Füße, während ein anderer die Schneckentrompete bläst. Heute verzichten wir beim Schenken meist aufs Schneckenhorn, empfinden aber das Gleiche: eine Kraft, die den Empfänger zum Erwidern drängt.
Das kann auch überfordern. Und erklären, warum Schweden 2019 von Unicef zum familienfreundlichsten Land gekürt wurde, obwohl dort Kinder, die sich zur Essenszeit im Hause eines Schulfreunds aufhalten, oft nicht mit der Familie am Tisch Platz nehmen dürfen. Das mag herzlos klingen, lässt sich jedoch herleiten aus jener Zeit, da die Menschen ihre Kinder nur mit Not über den Winter brachten. Wurde es knapp, schickte man die Blagen zu Verwandten. Damit wurde der Nachwuchs ernährt, die Eltern aber fielen tief in die Schuld der Wohltäter.
Wer nun im Schweden unserer Tage fremden Kindern das Essen verwehrt, tut das auch, um deren Familie nicht zu beleidigen. Denn wer dem kleinen Michel von nebenan eine Portion Köttbullar zum Mittag gibt, der sagt, dass Michels Eltern ihren Spross nicht aus eigenen Kräften ernähren können. Und wer in protestantischen Kulturen arm ist, der wird wohl das Missfallen des Herrn erregt haben – ein schwerer Vorwurf für einen kleinen Snack. Das Vermeiden von Verpflichtungen wird so zur höflichen Geste und zum modernen Widerstand gegen die uralte Last der Reziprozität.
Große Geste mit großer Wirkung: Angehöriger der Nuu-chah-nulth mit Wolfsmaske
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Er ist Teil unserer Ausgabe Geschenke