Kulturland Genossenschaft
Land gewinnen
Eine Genossenschaft sammelt bei Privatleuten Millionen ein, um Äcker für Biobauern zu sichern. Ohne Verzinsung, ohne Rendite, ohne Wertsteigerung. Was bewegt Menschen, ihr Geld in den Boden zu stecken?
• Aldi, Merkle, Viessmann – wer heute übers Land fährt, begegnet allerorten Großgrundbesitz, hinter dem klangvolle Namen stehen. Auf der Suche nach solider Geldanlage, befeuert von niedrigem Zins und viel verfügbarem Kapital, haben sich in den vergangenen Jahren Family-Offices, Stiftungen und Holdings landauf, landab Zehntausende Hektar Äcker und Weiden gesichert. Gleichzeitig gehen in Deutschland jeden Tag durchschnittlich 60 Hektar landwirtschaftliche oder naturnahe Flächen verloren, für Bauland, Gewerbe oder Infrastruktur. Die Folge: Die Preise für Agrarland schießen mancherorts schneller in die Höhe als eine gut gedüngte Mais-Monokultur.
In den vergangenen zehn Jahren stiegen die Kaufpreise im früheren Bundesgebiet im Schnitt um 200, in Ostdeutschland um fast 350 Prozent.
Erschwerend kommt für die Landwirte hinzu, dass fast zwei Drittel der bewirtschafteten Flächen in Deutschland lediglich für zwei bis zehn Jahre verpachtet sind. Dann wird neu verhandelt – und nicht selten ein fast doppelt so hoher Pachtzins für dasselbe Ackerland verlangt. Die Pacht steigt mit den Bodenpreisen: 97.727 Euro pro Hektar Land, wie sie in Nordrhein-Westfalen verlangt werden, kann ein Bauer mit seiner Arbeit unmöglich refinanzieren.
So kaufen Investoren vielen Bauern den Boden unter ihren Füßen weg. Hierzulande schließen jedes Jahr rund 3.000 Agrarbetriebe für immer. Junge Landwirte finden nach ihrer Ausbildung kein bezahlbares Land mehr, mit dem sie einen Hof begründen könnten.
Es gibt aber Menschen, die dieser Misere nicht tatenlos zusehen. Die Kommunikationsdesignerin Danie Ehrchen und der Zimmerer Markus Hasel etwa sichern mit ihren Ersparnissen Land für Biobauern. Dahinter steht Kulturland, eine 2014 gegründete Genossenschaft mit Sitz im wendländischen Hitzacker. Ihre fast 3.000 Mitglieder haben bislang rund 16 Millionen Euro aufgebracht. Mit diesem Geld hat die Genossenschaft 757 Hektar – das entspricht rund 1.000 Fußballfeldern – gekauft und an Öko-Landwirte verpachtet.
Doch es ist ein ungleicher Kampf. Kulturland konkurriert mit großen Agrarholdings, die mittlerweile elf Prozent der Äcker und Wiesen Deutschlands besitzen. Diese Konzerne betreiben neben der Landwirtschaft oft noch weitere Geschäfte wie Lebensmittelhandel oder Energieerzeugung. Sie kassieren für ihre riesigen Flächen EU-Subventionen, betreiben im großen Stil Solarparks oder Biogasanlagen und spekulieren auf weiter steigende Bodenpreise.
In Mecklenburg-Vorpommern besitzen solche Großunternehmen bereits 19 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Flächen, in Thüringen sind es sogar 37 Prozent. Verblüfft konstatiert das Landwirtschaftsmagazin »Agrar heute«: „Die reichsten Bauern in Deutschland sind überhaupt keine Bauern.“
Dabei dürften laut Grundstückverkehrsgesetz eigentlich nur landwirtschaftliche Betriebe Agrarflächen erwerben. Ein beliebtes Schlupfloch, mit dem sich diese Regel umgehen lässt, sind sogenannte Share-Deals. Dank ihnen können kapitalkräftige Stiftungen, Versicherungen oder Unternehmer Anteile an landwirtschaftlichen Betrieben erwerben – ohne dass sich deren Rechtsform ändert.
Jüngst kam es zu einem großen Deal dieser Art: Die Gustav-Zech-Stiftung in Liechtenstein verkaufte ihre Tochter Deutsche Agrar Holding mit rund 20.000 Hektar an bewirtschafteter Fläche in Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern für angeblich 300 Millionen Euro an die australische Firma Igneo Infrastructure Partners, die wiederum der Mitsubishi UFJ Trust and Banking Corporation in Japan gehört.
Die Kulturland-Genossenschaft stemmt sich dieser Entwicklung entgegen und sichert den 50 Höfen, für die sie bisher Ländereien erworben hat, die Existenz. „Bei Pachtverträgen von wenigen Jahren lohnt es sich für keinen Bauern, Hecken zu pflanzen, Humus aufzubauen und ins Land zu investieren“, sagt der Kulturland-Vorstand Stephan Illi, ein Agraringenieur, der zuvor sieben Jahre lang den Demeter-Ökoverband geleitet hat. Die Genossenschaft verpachtet den Biobauern ihr Land grundsätzlich für 30 Jahre und zu moderaten Preisen.
Für die Genossinnen und Genossen sind ihre im Schnitt 4.500 Euro Genossenschaftskapital ein Verlustgeschäft. Auf ihr Kapital, das mindestens fünf Jahre gebunden ist, erhalten sie weder Zinsen noch Ausschüttungen. Wer seine Anteile nach fünf Jahren verkaufen will, erhält lediglich den Nominalwert zurückerstattet.
Warum macht man das? Und was bringt es? Hier fünf Antworten:
Stephan Illi, Vorstand der Kulturland-Genossenschaft
1. Stolze Kühe
Die Regionalentwicklerin Babette Scurrell, 66, ist mit 4.000 Euro am Hof Stolze Kuh in Brandenburg beteiligt. Auf insgesamt 70 Hektar werden 40 Kühe alter Rassen auf artgerechte Weise gehalten. Den Hof konnten die Betreibenden vor vier Jahren erwerben, weil Genossinnen wie Scurrell bislang 274.000 Euro von den 564.500 Euro Projektkosten aufgebracht haben.
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