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Giftd

Ein Start-up verschenkt, was keiner kauft, und will damit Rendite machen. Das ist gar nicht so einfach. Aber Investoren fliegen darauf.



• Hannah Kromminga, 38, sitzt in ihrem Berliner Wohnzimmer. Es ist ihr Büro. Rechts von ihr auf den Kissen liegt ein Stapel Bücher, die ihr Leben beeinflusst haben. „Postcapitalism“, „Making Globalization Work“, „The Price of Civilization“. Links von ihr sitzt Michael Gegg, 37. Er programmiert Krommingas App.

Die App heißt Giftd. Klingt cooler als gschnkt.

Kromminga findet, dass Giftd ziemlich genau sagt, um was es geht: Sachen verschenken, speziell Klamotten, die niemand kaufen will oder die nicht mehr benötigt werden. Normalerweise werden solche Textilien geschreddert, verbrannt oder sonst wie entsorgt. Nicht gerade umweltfreundlich. 230 Millionen ungetragene Kleidungsstücke landen allein in Deutschland jedes Jahr auf dem Müll, sagt Kromminga, bis zu 45 Milliarden sind es weltweit. Gegg nickt. Eine gigantische Verschwendung. Dagegen muss man doch was tun, sagt Kromminga.

Sie trägt an diesem Tag eine schwarze Jeans und ein schwarzes Oberteil, Gegg hat rote Socken an und ein T-Shirt mit blauen Querstreifen. Könnte im Prinzip alles geschenkt sein. Man sieht den Klamotten, die Giftd gratis weitergibt, nicht an, was sie zuvor waren: Schrankleichen, gerettet vor der Schreddermaschine.

Mit Ungetragenem aus dem Kleiderschrank hat es im Jahr 2022 angefangen. Damals gründeten die beiden in Berlin mit Giftd eine App, die Leute mit zu vielen Klamotten und Leute mit zu wenigen Klamotten im Umkreis von zehn Kilometern miteinander verbindet. Letztere können sich die Kleidung kostenlos bei dem Spender abholen. „Schenk-Ökonomie plus soziale Kontakte“, sagt Kromminga, „gute Idee.“ Funktionierte nur leider nicht.

Das Hauptproblem war, dass kaum jemand verstand, warum er seine Pullis, Blusen und Blazer verschenken sollte, wenn er dafür zum Beispiel auf der Secondhandplattform Vinted mit dem gleichen Aufwand (das Produkt einfach in der App hochladen) gutes Geld kassieren konnte. Daraus folgte Problem Nummer zwei: Es meldeten sich nicht genug Leute an, um „die Idee zum Fliegen zu kriegen“, sagt Kromminga. „Dafür braucht man mindestens 50.000, besser 100.000 Teilnehmende.“ Giftd hat 15.000. Vinted hat mehr als 50 Millionen.

Nett, aber nicht zu Ende gedacht war auch die Idee mit dem persönlichen Abholen zwecks sozialer Kontakte. Eine Frau verschenkte binnen weniger Monate 200 Teile. Man kann sich vorstellen, wie der Klingelterror der Abholer nervte. Als Giftd auf Postversand umstellte, war es schon zu spät.

Ziemlich blöd war außerdem, dass man mit diesem Geschäftsprinzip kaum Geld verdienen konnte. Zwar verlangte Kromminga von den Beschenkten eine Monatsgebühr von 9,99 Euro, wenn sie innerhalb von vier Wochen mehr als sechs Kleidungsstücke abholten, aber das vermieden die meisten. Wer will schon für Geschenke bezahlen?

Irgendwann im Jahr 2023 saßen die beiden Gründer mit ihrer guten Idee in Berlin auf dem Sofa und grämten sich. Kromminga zumindest wollte nicht nur Gutes tun, sondern außerdem gut Geld damit verdienen. Das liege in ihrer Natur, sagt sie. Es sei die von Eroberern. Sie stamme wohl aus einem uralten Wikingergeschlecht. Der Familienstammbaum reiche zurück bis ins frühe Mittelalter, als die Nordmänner ihre ostfriesische Heimat überfielen. Dieses Erbe mache sie zu einer Unternehmerin.

Damit begann sie schon mit vier Jahren im Hotel Deutsches Haus ihrer Großmutter Renate („mein Vorbild“) auf der Ostfrieseninsel Langeoog. Schürzchen an, lächeln, Frühstück servieren. Nach dem Abitur studierte sie an der Cass Business School in London – „um die Welt besser zu verstehen“ und um zu denen zu gehören, „die das Zepter in der Hand haben“. Besonders faszinierte sie das Thema Schenk-Ökonomie. „Schenken ist die einfachste und effektivste Transaktion der Welt“, sagt sie. Einer gibt, einer nimmt.

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