Zum Inhalt springen

Erben

Die größten Geschenke in unserer Gesellschaft bekommen erstaunlich wenig Aufmerksamkeit, weil sie nur innerhalb der reichsten 0,1 Prozent zirkulieren. Mit Erbschaften und Schenkungen erhalten Unternehmerfamilien ihr Vermögen – allerdings nicht unbedingt den Familienfrieden.



• In einem lichtdurchfluteten Raum mit schönster Aussicht auf den Stuttgarter Süden steht eine lange hölzerne Tafel. An diesem Tisch, mit Platz für mehrere Generationen einer Familie, werden uralte Händel, lebenslange Konkurrenz und mehrgenerationale Zerwürfnisse verhandelt. Und es geht um viel Geld: Kirsten Baus’ Arbeit ist es, vermögenden Familien dabei zu helfen, ihren Reichtum über Generationen hinweg zu sichern – ohne sich dabei zu zerfleischen.

Was Boulevardmagazine füllt und Baus beschäftigt, ist ein volkswirtschaftlich relevantes Phänomen: Während man sich in der Mittelschicht über das gute Geschirr oder das Reihenendhaus entzweit, streiten die Superreichen um Macht und Geschenke mit neun Nullen. Ein Erbe gilt in diesen Kreisen vermeintlich als Anspruch, dessen als ungerecht empfundene Verteilung oder gar Schmälerung durch eine Steuer einem Diebstahl gleichkommt.

Das Unglück von Kirsten Baus’ Klienten folgt dabei oft ähnlichen Mustern. Geschwister bekämpfen sich über Jahrzehnte, wie in der Familie Herz, wo im Jahr 2003 schließlich zwei von ihnen mit insgesamt vier Milliarden Euro aus dem Unternehmen herausgekauft wurden – obwohl deren Tchibo Holding damals insgesamt nur rund zehn Milliarden Euro wert war. Es wird über Generationen über die Nachfolge gestritten, wie beim Kekshersteller Bahlsen, wo die Brüder im Zwist das Unternehmen aufteilten und ein Bruder für Süßes, der andere für Salziges zuständig ist. Oder Armeen von Anwälten ringen jahrzehntelang darum, den millionenschweren Nachlass zu regeln – und das ausgerechnet in der Familie Faßbender, der Deutschlands größter Rechtsschutzversicherer Arag gehört.

Immer geht es um viel Geld, um Macht – und um Wege, das Vermögen der Familie vor Zugriffen des Staates zu bewahren. Tatsächlich zahlen Menschen mit Erbschaften und Schenkungen von mehr als 20 Millionen Euro häufig geringere Abgaben als der Durchschnittsbürger. Viele Unternehmenserbinnen und -erben bleiben sogar völlig steuerfrei, wie Marcel Fratzscher, Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung darlegt. „Es gibt kaum ein Land auf der Welt, das Arbeit stärker und Vermögen – inklusive Erbschaften und Schenkungen – geringer besteuert als Deutschland“, so der Ökonom. Und obwohl über eine Reform der Erbschaftsteuer regelmäßig leidenschaftlich gestritten wird, wird sie bisher politisch nicht forciert.

Zu verstehen, wie vermögende Familien ihren Reichtum über Generationen hinweg zusammenhalten, beschäftigte lange Zeit nur die Gazetten (aus Empörungslust) und die Berater-Branche (aus Geschäftssinn). Doch seit Kurzem interessiert sich auch die Forschung für den Zusammenhang zwischen Vermögen und Familien: Welchen Einfluss haben die familiären Beziehungen? Wie verstärken sie die Vermögensungleichheit? Und warum lassen sich reiche Familien immer öfter nicht nur beim Vermögen, sondern auch zwischenmenschlich beraten?

In den USA sind sogenannte Familienstrategien Anfang der 2000er-Jahre schon verbreitet. Kirsten Baus, die selbst aus einer Unternehmerfamilie stammt, aber vom Vater aus der Führung der Firma komplimentiert wurde, greift die Idee auf, passt sie an die hiesigen Verhältnisse an, gründet 2002 das Institut für Familienstrategie und wird zu einer der ersten Adressen für diese Art der Beratung in Deutschland. Das Konzept, sagt Baus, sei es, mit allen Beteiligten Regeln zu erarbeiten, um Konflikte zu minimieren und die Zusammenarbeit über Generationen hinaus stabil und so die Familie als berechenbaren Partner für das Unternehmen zu erhalten.

Diese Unterstützung ist gefragt, weil es immer schwieriger wird, Familie und Vermögen unter einen Hut zu bringen. Unternehmensverkäufe werden üblicher, identitätsstiftende Unternehmen seltener, Vermögens-Portfolios komplizierter. Außerdem wächst mit jeder Generation die Zahl der Anspruchsberechtigten, und das Ideal vom männlichen Alleinherrscher beginnt auch in den konservativsten Unternehmerfamilien zu bröckeln.


„Menschen sind sterblich, ihr Geld ist es nicht.“

Die Erbschaftswelle

Weil Beziehungsprobleme der Reichen über viele Milliarden Euro entscheiden können, ist ihr Einfluss auf Wirtschaft, Politik und Gesellschaft enorm. Das ist auch der Grund, warum sich Forscherinnen wie Franziska Wiest dafür interessieren. Die Soziologin vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung hat in den vergangenen Jahren mehr als 30 der reichsten Familien interviewt, die mit ihrem jeweiligen Vermögen von mindestens 100 Millionen Euro rund 0,01 Prozent der deutschen Bevölkerung ausmachen. „In kaum einer westlichen Industrienation ist die Vermögensungleichheit größer als in Deutschland“, sagt Wiest, und wie die vermögenden Familien hierzulande organisiert seien, wie sie streiten und sich versöhnen, habe direkt damit zu tun.

Rund 90 Prozent der Firmen sind familiengeführt, sie erzielen laut der Stiftung Familienunternehmen 46 Prozent der Umsätze und stellen 58 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland. Unter ihnen sind internationale Konzerne wie BMW, Miele, Continental, Volkswagen, Bosch, Heraeus, Aldi, Bertelsmann, Merck, oder Schwarz. Hinter dem Erhalt und der Vermehrung von Vermögen in Deutschland steckt also oft ein Netz aus Partnerschaften, Ehen und familiärer Verbundenheit.

Wiests Interviews sind ein Datenschatz, der Einblicke in dieses Netz gibt, in die soziale Ordnung der öffentlichkeitsscheuen Superreichen in Deutschland. Wiest arbeitet in der Forschungsgruppe „Vermögen und soziale Ungleichheit“ und darf wie schon die Familienstrategin Kirsten Baus aus den Gesprächen nicht zitieren, die Erkenntnisse nur anonymisiert veröffentlichen. Sonst hätte sie keinen Zugang zur Vermögenselite bekommen.

Deren Bedeutung sei dabei lange Zeit unterschätzt worden, sagt die Soziologin: „Familien spielen eine zentrale Rolle dabei, Kapital zu akkumulieren, denn Menschen sind sterblich, aber ihr Geld ist es nicht.“ Wenn man das Vermögen in der Familie klug weiterreicht, entsteht eine Kontinuität, die das Leben des Einzelnen überdauert und eine bestimmte Größe von Vermögen überhaupt erst möglich macht.

Die ökonomische Bedeutung dieses Kapitals wächst rasant: Bis zu 400 Milliarden Euro pro Jahr sollen in Deutschland künftig vererbt und verschenkt werden, schätzt das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung. Und auch wenn die Mehrheit der Deutschen nichts oder nur wenig erbt, ist auch die Mittelschicht der Ansicht: „Alles bleibt in der Familie.“ Das eigene Geschenk an die Kinder und Enkel gilt als natürlich und wird nicht mit der wachsenden Ungleichheit in der Gesellschaft in Verbindung gebracht. Das sei in der Mittelschicht nicht anders als bei den reichsten 0,1 Prozent der deutschen Bevölkerung, sagt Wiest.

Als Geschenk, stellt die Soziologin klar, gelte das Vermögen in der Wahrnehmung der Erben nicht. Es gehe bei der Weitergabe des Reichtums im Kern nicht darum, Kinder und Enkel glücklich zu machen, sondern um den Erhalt von Familienvermögen. Die Beschenkten seien nur das Vehikel, um diese Werte von Generation zu Generation weiterzureichen. „Unser Zuhause war ein abgeschottetes Aufzuchtzentrum für hochintelligente Nachfolger“, erzählte ein Gesprächspartner der Forscherin. Die Beziehung zwischen den zwei Brüdern und potenziellen Nachfolgern, heute um die 70, sei von Anfang an von einem heftigen Wettbewerb und einem „absoluten Mangel an gegenseitiger Zuneigung“ geprägt gewesen. Für die Brüder, so erklärten sie es Wiest, sei die Vermehrung des Vermögens (rund 200 Millionen Euro), verbunden mit der Verpflichtung, das Unternehmen weiterzuführen, der Grund für das Scheitern ihrer Beziehung gewesen.

Ein Extremfall, aber vermutlich keine Ausnahme: Der öffentlich ausgetragene Streit der Familie Murdoch (geschätztes Vermögen: 24 Milliarden Dollar), bei dem es um die Kontrolle über das internationale Medienimperium des Clans ging, wurde mit „Succession“ sogar verfilmt: 39 Episoden in vier Staffeln darüber, wie ein Patriarch seine Kinder gegeneinander ausspielt – um sie von der Macht fernzuhalten. Fiktion, aber so nah an der Wirklichkeit, dass der im wirklichen Familienzwist unterlegene Sohn James Murdoch öffentlich äußerte, er habe schon die erste Episode abbrechen müssen, zu schmerzhaft real sei sie gewesen (Er konnte seine Tränen später mit 1,1 Milliarden Dollar Abfindung vom Vater Rupert Murdoch trocknen).


„Wer sich vom Vermögen abwendet, wendet sich auch von der Familie ab.“

Eine Verfassung für die Familie

Die meisten ihrer Gesprächspartner hätten das Erbe als belastend erlebt, sagt Wiest. Reich zu werden sei für die Erben schließlich kein Ziel – sie wüchsen bereits auf mit der Vorstellung, „das Geld auf Bäumen wachse“, wie es eine ihrer Gesprächspartnerinnen beschreibt. Der Reichtum komme nicht als Präsent in ihr Leben, sondern sei immer schon da. Das Vermögen ist Teil ihrer Identität – aber eben eine, die mit viel Konkurrenz, Druck und Erwartung einhergeht. „Wer sich vom Vermögen abwendet, der wendet sich auch von der Familie ab – beides ist in diesen Familien untrennbar miteinander verbunden“, sagt Wiest.

Menschen, die auf ihren Anteil vom Kuchen verzichteten, wie die BASF-Erbin Marlene Engelhorn, werden in diesen Kreisen nicht unbedingt als Vorbild gesehen. Engelhorn hat 25 ihrer gut 27 geerbten Millionen Euro gespendet und ließ sich bei der Verteilung von 50 repräsentativ ausgewählten Bürgerinnen und Bürger beraten.

Die Konflikte der vermögenden Familien seien oft schon in der ersten Generation angelegt, sagt die Beraterin Kirsten Baus. Gründer erziehen ihre Kinder zu solitären Tennisspielern, obwohl sie Volleyballspieler bräuchten, also Teamplayer. Häufig ringe die zweite Generation dann mit Geschwisterrivalitäten, statt an einem Strang zu ziehen. Und ab der dritten Generation droht der Familie die Entfremdung und dem Vermögen die Zersplitterung, „im schlimmsten Fall der Krieg aller gegen alle“.

Solche Konflikte aufzulösen könne mitunter Jahre dauern. Der Soziologin Franziska Wiest schilderte eine Familie einen zehnjährigen Strategie-Prozess, mit bis zu vier Workshops pro Jahr, an dem der ganze Clan teilnahm. „Wir erzählten uns gegenseitig Geschichten aus unterschiedlichen Perspektiven. Wir sahen, hörten, begriffen, lernten und ließen viele Dinge zum ersten Mal los“, so beschreibt eine Teilnehmerin eine Zeremonie zum Gedenken an den Verlust des Unternehmens: Die Mitglieder dieser Familie hielten nachts auf einem Landgut, umgeben von Kerzen und mit weißen Luftballons in den Händen, eine Trauerfeier für das vor Jahrzehnten verkaufte Unternehmen ab (Ihr Vermögen hatte sich seit dem Verkauf verdreifacht).

Kirsten Baus lächelt bei dieser Schilderung. Ihre Beratung, sagt sie, sei etwas nüchterner: keine Luftballons, keine Kerzen. Manchmal seien Klienten enttäuscht, dass Baus nicht mal einen Methodenkoffer dabeihabe. „Einfach an einem Tisch sitzen und sprechen“, sagt sie, das genüge. Und sei oft schon schwer genug.

Dabei entstehen in den meisten Fällen Familienverfassungen mit Grundsätzen zur gemeinsamen Vermögensverwaltung. Dokumente, die die komplexen Beziehungen und die Zukunftsvision festschreiben – und dabei reichlich kompliziert werden können. Die Mitglieder des Haniel-Clans etwa sollen einen 80-seitigen Kodex haben, der vorsieht, dass kein Familienmitglied für das Unternehmen arbeiten darf, nicht mal als Praktikant. Die Leibingers, denen die Firma Trumpf gehört, sollen eine Verfassung haben, die neben Nachfolge und dem Verkauf von Anteilen auch das kirchliche und soziale Engagement, den Umgang mit Mitmenschen sowie das Leistungsprofil für alle, die im Familienbetrieb mitarbeiten wollen, regelt.

Für Franziska Wiest, die ihre Arbeit über die soziale Ordnung in vermögenden Familien bald veröffentlicht, haben solche mühevoll erstellten Regelwerke eine interessante Nebenwirkung: „Das dabei entstehende Gemeinschaftsgefühl verdrängt das Hadern und mögliche Zweifel, ob es eigentlich legitim ist, so viel zu bekommen.“ ---