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Editorial

Gratisökonomie

• Ich schenke gern, aber ich bekomme nicht so gern etwas geschenkt. Früher dachte ich, das sei ein Zeichen von Großzügigkeit. Nach der Arbeit an dieser Ausgabe fürchte ich, dass ich einfach lieber im Plus bin – denn jedes Geschenk macht eine Rechnung auf.



Das Bild zeigt eine Frau mit dunklem Haar, die ein weißes Hemd mit Kragen trägt und mit neutralem Blick direkt in die Kamera schaut.
Foto: Andrè Hemstedt & Tine Reimer

Das ist zumindest die These des französischen Soziologen Marcel Mauss, der sich Anfang des 20. Jahrhunderts in das Thema versenkt und mit seinem Essay über die Gabe ein bis heute gültiges Grundlagenwerk geliefert hat. Wichtigste Erkenntnis: Selbstlos sind Geschenke nie.

Bei den Gratisangeboten der Techriesen wäre uns das vermutlich auch ohne Theorie aufgefallen. Aber was könnte der Hintergedanke bei Geschenken für Mutter und Kind zur Geburt sein? Und warum sind schwedische Eltern zufrieden, wenn ihre Sprösslinge beim Nachbarn nichts zu essen kriegen?

Sie werden sehen: Geschenke sagen eine Menge über Kultur, Wirtschaft – und Politik. So kann der Hamburger Kultursenator Carsten Brosda begründen, warum es keine Wahlgeschenke gibt und was die Präsente an Donald Trump über den Zustand der amerikanischen Demokratie aussagen.

Aber es gibt auch Geschenke, bei denen eine Bilanz nicht so leicht aufzumachen ist. Die Muttermilchbanken in Brasilien können existieren, weil Mütter bereit sind, überschüssige Milch abzugeben. Warum funktioniert dort, was anderswo scheitert? Und bei der Genossenschaft Kulturland ist die Tauschlogik noch komplizierter: Die einen geben Geld, die anderen bekommen dafür Land und geben Arbeitskraft. Was beide Seiten davon haben? Bessere Produkte. Und Hoffnung.

In der Wirtschaft ist der Trick, die Kunden mit Gratisangeboten zu locken, meist schlicht. Etwas komplexer waren die Pläne von Hannah Kromminga, die auf einem Portal nicht genutzte Kleidung verschenken wollte – doch das war falsch gedacht, wie sich bald zeigte. Erstaunlich sind die Erfahrungen des Dönerbudenbetreibers Tarik Kara, der von der Werbeagentur Dojo ein ungewöhnliches Geschenk bekam. Selbstlos war es sicher nicht. Aber ist das, wenn am Ende beide Seiten profitieren, nicht egal?

Kommt auf die Summe an. Wenn es um Millionen oder gar Milliarden geht, scheint es nicht so wichtig zu sein, wer was gewinnt, sondern dass der andere weniger bekommt. Erbstreitigkeiten taugen nicht nur als Vorlage für Spielfilme und Fernsehserien, sie beschäftigen auch alle Arten von Beratern und immer wieder auch die Wissenschaft. Eine der Erkenntnisse: Als Geschenk empfinden Erben den Nachlass der Familie eher nicht.

Am Ende der intensiven Beschäftigung mit dem Thema habe ich auch etwas über mich gelernt: Ich rechne nicht. Ich freue mich einfach, wenn sich andere freuen. Damit bin ich immer im Plus. ---

– Gabriele Fischer, Chefredakteurin