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Deguma

Viktoria Schütz wollte nie in das kleine Unternehmen ihrer Eltern. Dann hat sie es geerbt – und so umgebaut, dass sie damit leben kann. Nebeneffekt: Das Team bei Deguma hat nun auch mehr Freiheiten.



Das Bild ist ein Schwarz-Weiß-Porträt einer Frau mit langen Haaren, aufgenommen in einer seitlichen Profilaufnahme. Sie lächelt und blickt zur Seite, wobei sie den Kopf leicht neigt. Der Hintergrund ist dunkel, was die Frau und ihren Ausdruck hervorhebt.
Viktoria Schütz

• In Geisa, einem adretten Städtchen in Thüringen, macht eine kleine Maschinenbaufirma von sich reden. Bei Deguma-Schütz proben sie hier, am Rande der Rhön, die New Work. Mit Teamevents, agilen Methoden, Viertagewoche. Vor sechs Jahren fängt es an. Damals hat Viktoria Schütz vom Vater die Firma übernommen. Dabei wollte sie die nicht mal geschenkt haben.

Die mittlerweile 46 Beschäftigten der kleinen GmbH überholen große Maschinen aus der Kautschuk und Gummi verarbeitenden Industrie, automatisieren sie, verkaufen gebrauchte Anlagen und bauen auch neue.

Bis ihre Mutter Barbara 2017 starb, unerwartet schnell, dachte die heute 41-Jährige kein bisschen daran, den Familienbetrieb zu übernehmen und ins ehemalige DDR-Sperrgebiet zu ziehen, das ans ehemalige hessische Zonenrandgebiet angrenzt. Malerisch, aber strukturschwach. Deguma-Schütz, 1990 in Hessen gegründet, war 1995 nach Geisa umgezogen. Schütz’ Eltern hatten hier die neue Werkhalle gebaut. Dafür gab es Fördermittel im neuen Bundesland Thüringen, für den erhofften Aufschwung Ost.

Die Mutter war bis zu ihrem Tod Chefin über Bücher und Finanzen, ihre 26 Prozent Firmenanteile vererbte sie an die damals 32-jährige Tochter, eine studierte Ökonomin und Marketing-Fachfrau. Viktoria Schütz sagt, sie habe damals „überall sein und alles Mögliche machen wollen“, ein echter Digital Nomad werden oder eine E-Commerce-Firma gründen. „Aber ich wollte eines ganz sicher nicht: zu Hause die Nachfolge antreten.“

Warum sie es dennoch tat, hat viel damit zu tun, wie sie es tat. Schütz hat das Erbe nicht einfach angenommen. Sie hat es so umgebaut, dass es in ihr Leben und zu ihren Vorstellungen von Unternehmertum passt. Dazu gehört zum Beispiel, dass ihr Team in Entscheidungen eingebunden ist und nicht mehr davon überrascht wird. Wie jetzt, als es darum ging, die vor einiger Zeit eingeführte Viertagewoche eine Zeit lang auszusetzen: „Dass wir bis zu zwölf Wochen im Jahr wieder auf fünf Arbeitstage gehen können, steht in der Betriebsvereinbarung“, sagt Regina Klein, 42, die Assistentin der Geschäftsführung. „Es war klar, dass es dazu kommen kann. Wir haben viel zu tun“, sagt Fabian Vorndran, 28, der Elektroniker für Automatisierungstechnik. „Was gut ist für die Firma, ist gut für uns“, sagt Daniela Vögler, 46, vom Vertrieb. „Es zeigt, dass es läuft.“

An diesem Oktobertag wird Daniela Dingfelder, die zweite Geschäftsführerin, ihren Leuten die aktuelle Lage im sogenannten Koordinationsdialog erläutern. Der Grund, aktuell wieder an fünf Tagen zu arbeiten, sei ein guter. Die GmbH habe volle Bücher und Termindruck. Besonders ein Auftrag aus Österreich duldet keinen Aufschub. Für den Kunden muss ein Walzwerk zur Gummistoffherstellung erneuert werden.

Sie können es gebrauchen. Bisher sind die Bilanzen eher durchwachsen: 4,4 Millionen Euro Umsatz im Jahr 2024 und voraussichtlich nur 4,3 Millionen 2025. Im Jahr 2026 soll es sacht aufwärtsgehen. Daniela Dingfelder rechnet mit 5,3 Millionen Euro, und dafür ist jeder Auftrag wichtig.

Die Chefin schaltet sich aus Berlin zu

Viktoria Schütz wird sich per Video-Call in den Koordinationsdialog zuschalten, wie gewohnt. Sie leitet das kleine Familienunternehmen weitgehend von Berlin aus. Nur eine Woche im Monat ist sie vor Ort in der Provinz.

Den Lebensmittelpunkt in ihrer Wahlheimat zu belassen und in die eigene Firma nur zu pendeln, mag eine Petitesse sein angesichts des großen Umbaus, den Schütz seit 2018 betrieben hat. Doch nicht in ihre Heimat zurückziehen zu müssen, gab womöglich den Ausschlag dafür, das Erbe überhaupt anzutreten.

Eigentlich wollte sie vor acht Jahren in Berlin ein hippes Produkt auf den Online-Markt bringen. In der Familienfirma mischte sie zwar bereits seit 2013 mit, aber mehr aus Pflichtgefühl. Sie kümmerte sich auf Bitten der Eltern ums Marketing. Sie kannte den Laden von innen. Und nur allzu gut. Das Arbeitsverhältnis zum Vater sei kompliziert gewesen, sagt sie. Er habe Entscheidungen einsam getroffen, seinen Betrieb hierarchisch geführt, wie so viele Mittelständler.

Regina Klein, ihre Assistentin und als Industriekauffrau schon seit 1997 im Betrieb, sagt, dass früher gemacht wurde, was der Chef sagte. „Das stellte niemand infrage.“ Auch wenn das in den Augen der Mitarbeiter fragwürdig war.

In der hohen, sehr aufgeräumten Werkhalle am Rande der Kleinstadt scheinen die guten alten Zeiten fortzuleben. Im leichten Schmierölgeruch stehen da Walzwerke in verschiedenen Größen, die aussehen wie riesige Nudelmaschinen, teils mit sauber geschrubbter, aber 30 Jahre alter Patina, teils mit glänzendem neuem Lack. Daneben Extruder, die ein wenig an Fleischwölfe erinnern. Neue Schaltschränke warten auf Anschluss. Aus ihnen hängen büschelweise hellgraue Kabel heraus wie wirre Kunst. Die Facharbeiter klemmen sie zum Beispiel an Heißluftkanäle, die hier auch neu ausgerüstet werden. In ihnen wird ein Kautschukgemisch durch Hitze vulkanisiert und zum Gummiwerkstoff. Die Kunden der Deguma brauchen all diese Maschinen, um beispielsweise Dichtungen für Autotüren herzustellen.

Seit der Eröffnung des Testaments, sagt Schütz, „hatte ich plötzlich ein sehr großes Verantwortungsgefühl“. „Eigentlich war es überlebensgroß.“ Erdrückend. Wie sollte sie dem alten Business jenen jungen Start-up-Geist einhauchen, der sie anderswo so begeistert hatte?

Was sie aber aus ihren Erfahrungen im Business Development anderer Firmen wusste: dass sie ein paar Sachen klären musste – für sich und mit dem Vater, der nun mit mehr als 70 Jahren allein Chef in Geisa war. Es brauchte einen klaren Cut.

Schütz, auffallend groß, das kastanienbraune Haar lang und glatt, hat ein Konferenzzimmer im „Maschinenraum“ gebucht. Das ist ein großer Coworking-Space in Berlin-Mitte. Der Heizungsbauer Viessmann und andere Mittelständler aus ganz Deutschland unterhalten in dem Gewerbehof vom Anfang des vergangenen Jahrhunderts ihre Hauptstadt-Repräsentanzen. Es geht nicht nur um Lobbyismus. Fiege, Greuter, Knauf, Rowe, Würth, Kroschke, Stihl und wie sie alle heißen, haben sich in dem Gebäude ein Start-up-, Digitalisierungs- und Inkubator-Hub eingerichtet, um am Puls der Zeit sein. Hier ist Schütz in ihrem Element.

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