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Editorial

Wirtschaft + Demokratie



• Ich hätte mir das bei der Gründung von brand eins vor 25 Jahren nicht vorstellen können. Dass in Europa wieder Krieg herrscht. Dass Menschen wegen ihrer Religion angegriffen werden. Und dass all die Fortschritte, die in den vergangenen Jahrzehnten für die Gleichberechtigung aller Menschen erzielt worden sind, ausgerechnet von einem amerikanischen Präsidenten rückgängig gemacht werden.

Inzwischen stellen auch immer mehr deutsche Unternehmen ihre Diversity-Programme infrage, Förderungen werden gekürzt. Das ist eine schlechte Nachricht für uns alle. Und für die Demokratie.

Wie wichtig es für diese – glücklicherweise immer noch von einer Mehrheit befürworteten – Staatsform ist, dass sie auch von der Wirtschaft unterstützt und getragen wird, das ist das Thema dieser Ausgabe. Dafür haben wir engagierte Unternehmerinnen und Unternehmer besucht, analysiert, wie sich Demokratie und Kapitalismus zueinander verhalten, und mit Menschen gesprochen, die das Thema aus unterschiedlichen Blickrichtungen betrachten.

Porträt einer Frau mittleren Alters mit dunklem Haar und blauen Augen. Sie trägt ein weißes Hemd und blickt freundlich in die Kamera. Ihr Gesichtsausdruck wirkt ruhig und selbstbewusst.
Foto: André Hemstedt & Tine Reimer

Mit Florence Gaub zum Beispiel, Zukunftsforscherin bei der Nato in Rom und von erstaunlicher Gelassenheit: „Ich würde mir mehr Sorgen um die Demokratie machen, wenn es keine heiße Debatte um sie gäbe.“ Mit Cory Doctorow, kanadisch-britischer Autor und Digitalaktivist. Er fragt sich, warum Demokratien die Beherrschung von Social Media durch wenige Techkonzerne zugelassen haben, sieht nun aber erstmals Licht am Ende des Tunnels. Oder mit Julia Borggräfe, einst beim Ministerium für Arbeit und Soziales, heute Co-Geschäftsführerin bei der Unternehmensberatung Metaplan. Sie hält wenig vom beliebten Bürokratie-Bashing: Zwar sei in der staatlichen Verwaltung viel zu verbessern, ohne Bürokratie aber funktioniere der Rechtsstaat nicht.

Worin sich alle einig sind: Die Demokratie hat Unterstützung nötig – in jedem Büro und besonders an jeder Werkbank. Denn gerade dort, so belegen Umfragen, haben die demokratischen Parteien an Rückhalt verloren. Die Arbeiterschaft, sagt der Soziologe Klaus Dörre, fühle sich vergessen und ideologisch bevormundet. Und dagegen helfe nur die Erfahrung, dass man selbst etwas beeinflussen, verändern kann. Demokratische Führung heißt das Zauberwort. Nicht einfach, schon gar nicht in diesen Zeiten, aber nichts hilft besser.

Das belegen auch die Ergebnisse der Umfrage von brand eins und dem Marktforschungsinstitut Appinio: 87 Prozent aller Beschäftigten in Deutschland sind überzeugt, dass mehr Mitbestimmung am Arbeitsplatz auch das gesellschaftliche Engagement fördert. Und davon brauchen wir noch viel mehr, wie das Beispiel des Treibhauses in Döbeln zeigt, das wir im Rahmen unserer Aktion „Tu was! Demokratie bist du“ auch mit Ihren Spenden unterstützen.

Eine wehrhafte Demokratie, das muss das Ziel sein. Die südkoreanische Zivilgesellschaft hat jüngst gezeigt, was das heißt. ---

Gabriele Fischer, Chefredakteurin


Titelbild: Javier Jaén