Protestkultur in Südkorea
Nicht mit uns!
Im Dezember 2024 drohte Südkorea erneut in eine Diktatur zu versinken. Doch dann schlug die Stunde mutiger Menschen. Warum ist die Demokratie dort so wehrhaft?
Das Wichtigste in Kürze
– In Südkorea herrschte zwischen 1961 und 1987 eine Militärdiktatur. Das und die erfolgreich von unten erstrittene Demokratie prägen das Land bis heute.
– Es gibt eine beeindruckende Protestkultur. Viele Menschen sind bereit, für ihre Freiheiten zu kämpfen.
– Das erklärt die vehemente Gegenwehr, als Präsident Yoon Suk-yeol im Dezember 2024 das Kriegsrecht ausrief, um seine politische Agenda autoritär durchzusetzen.
• Ahn Gwi-ryeong war gerade im Zentrum von Seoul beim Abendessen, als sie die verstörende Nachricht erhielt: Yoon Suk-yeol, der rabiate Präsident ihres Heimatlandes, habe soeben das Kriegsrecht ausgerufen. Ahn ist die Sprecherin der Demokratischen Partei (DP), die der Opposition angehört. Die Politikerin ließ das Besteck fallen und eilte zum Parlament. „Legal gesehen gab es nur einen Weg, um den Kriegszustand zu beenden“, sagt sie rückblickend. „Die Nationalversammlung musste ein Gesetz verabschieden, das die Aufhebung verlangt.“
Also rannte Ahn Gwi-ryeong an jenem späten Abend des 3. Dezember 2024 von ihrem Stammrestaurant in der Seouler Innenstadt zum Parlament. Die Straßen waren für einen Dienstag nach 22 Uhr ungewöhnlich voll – mit Menschen, die auch schon die Nachricht erhalten hatten. Als Ahn am Parlamentsgebäude ankam, traute sie ihren Augen nicht: Bewaffnete Soldaten schirmten die Eingänge ab. Drinnen, so erfuhr sie, befand sich Präsident Yoon.
Irgendwie passte das. Der rechtsgerichtete Ex-Generalstaatsanwalt, der seit 2022 das Land regierte, hatte wiederholt Ermittler auf Oppositionelle der liberalen DP losgelassen. Auch gegen die kritische Presse war er mehrfach vorgegangen. Nun aber war ein neues Niveau erreicht: „Das Kriegsrecht“, verlas Yoon an jenem Abend im Parlament, „zielt darauf ab, pro-nordkoreanische Kräfte auszulöschen und die freiheitliche Verfassungsordnung zu schützen.“ Wesentliche Befugnisse wurden vom Parlament auf das Militär übertragen, die Presse-, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit eingeschränkt.
„Ich hatte so viel Wut in mir“, erinnert sich Ahn Gwi-ryeong. „Natürlich hatte ich auch Angst.“ Doch die hielt sie nicht auf, als sich vorm Parlamentsgebäude einer der vielen Soldaten in ihren Weg stellte, um sie am Eintritt zu hindern. Die 35-Jährige griff den Gewehrlauf und schob die Waffe einfach zur Seite. Kurz darauf stürmten zahlreiche Abgeordnete ins Parlament und votierten den Kriegsrechtsbeschluss des Präsidenten nieder.
Es waren wenige Stunden, vielleicht auch nur Minuten oder Sekunden, die an jenem 3. Dezember über das politische Schicksal des Landes entschieden, das sich erst vier Jahrzehnte zuvor von einer Diktatur zur Demokratie gewandelt hatte. Mittlerweile ist klar: Nicht nur wurde ein Blutbad abgewendet, sondern außerdem ein der Demokratie feindlich gesonnener Präsident auf geordnetem Wege seines Amtes enthoben.
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