Aus einer Kerze wird ein Lichtermeer
„Wohin auswandern?“, das hat sich Haluk Soyoğlu zuletzt oft gefragt. Aber auch: „Was kann ich für ein besseres Miteinander tun?“ Soyoğlu wurde 1967 im badischen Oberkirch als Kind türkischer Gastarbeiter geboren, er ist einer von vielen Deutschen mit Migrationsgeschichte, die sich wegen der zunehmend fremdenfeindlichen Stimmung um die Demokratie sorgen. Er arbeitet in der Jugendhilfe, seit 2022 ist er Geschäftsführer der Naturschutzjugend beim bayerischen Landesbund für Vogel- und Naturschutz. Hier spricht er über gesellschaftlichen Zusammenhalt und seinen Beitrag, ihn zu verbessern.
„Selbstbewusste Menschen, die sich eine Meinung bilden und Dinge hinterfragen können, sind wichtig für die Demokratie.“
• „Als Kind wurde ich in Oberkirch oft gefragt: Bist du Türke oder Deutscher? Meine Eltern haben immer gesagt, wir sind alle Weltbürger, die Herkunft ist nicht entscheidend. Das habe ich auch propagiert. Und wo wäre die Welt heute ohne die Migration des Homo sapiens aus Afrika? Oder Amerika ohne die Migration aus Europa? Was wäre, wenn in Deutschland alle mit Migrationshintergrund mal einen Generalstreik machen würden?
In meiner Kindheit waren typisch türkische Lebensmittel wie Auberginen, Zucchini oder Pistazien in Deutschland noch fremd, heutzutage werden sie nicht mehr als ausländische Erzeugnisse betrachtet. Es ist erstaunlich, wie beim Thema Migration Positives für selbstverständlich genommen wird. Das habe ich auch in der Schule, im Sportverein oder im Beruf erlebt. Wenn man erfolgreich war, gehörte man dazu; wenn’s mal nicht so lief, war man schnell der Ausländer, Kanake oder Knoblauchfresser. Auch wenn ich mich immer gewundert habe, dass die meisten Deutschen, die so etwas sagten, selbst nach Knoblauch rochen.
Während des vom Migrationsthema dominierten Wahlkampfes habe ich mich oft wie das Kaninchen vor der Schlange gefühlt. Inzwischen habe ich meine Schockstarre abgeschüttelt. Man kann nicht allein am großen Rad drehen. Deshalb konzentriere ich mich auf das, was ich tun kann. Demokratie braucht mündige Bürgerinnen und Bürger – dafür müssen wir unsere Kinder und Jugendlichen stärken. Viele von ihnen haben kein behütetes Zuhause, keine emotionale Bindung, keine Orientierung. Und an den Schulen fehlen Ressourcen für individuelle Förderung, die wichtig ist für die Bildung der Persönlichkeit und die Vermittlung von Werten.
Als Kind war ich gerne draußen. Meine Eltern, meine vier Geschwister und ich lebten am Waldrand. Mein Traum war, als Archäologe in Süd- und Mittelamerika alte Kulturen wie die Inka oder Maya zu erforschen. Auf den Wunsch meiner Eltern studierte ich aber Betriebswirtschaftslehre. Ich machte Karriere im Marketing und arbeitete einige Zeit in den USA. In die Kinder- und Jugendhilfe kam ich durch Zufall, als ich ein paar Kindern an der Schule meiner ältesten Tochter in meiner Freizeit Breakdance beibrachte. Es berührte mich, welchen Effekt das auf manche hatte, dass sich jemand freiwillig mit ihnen beschäftigte. Und dass ich nicht den gängigen Klischees von einem Türken entsprach. Ich habe helle Haut, fahre kein großes Auto, habe keinen Akzent.
Nach einigen Fortbildungen habe ich ein Projekt namens Starwalker aufgebaut und es ab 2014 an weiterführenden Schulen im Nürnberger Land umgesetzt. Dabei konnten Schülerinnen und Schüler individuell und als Klassenteam Selbstwirksamkeit erfahren. Sie haben an verschiedenen Orten die Natur auf sich wirken lassen. Die Jugendlichen lernten, im Schnee die Spuren von Tieren zu lesen, Vögel und Pflanzen zu identifizieren. Eine Wiese war für sie nicht mehr einfach nur eine grüne Fläche.
Sich in der Natur neue Räume erschließen, den Entdeckergeist wecken, die Wahrnehmung schärfen, das macht mit vielen Menschen etwas. Bei dem Projekt ging es auch um die Fragen: Was willst du eigentlich? Was bedeutet Glück für dich? Viele der Kinder sind besser in der Schule geworden. Einmal war ein Jugendlicher dabei, der aus einem sehr rechten Haushalt kam. Er wollte keinen Kontakt mit allen, die ausländisch aussahen. Am Ende freundete er sich mit zwei türkischen Jungs an und zog mit 16 von zu Hause aus, weil er die Ansichten seiner Eltern nicht mehr ertrug.
Selbstbewusste Menschen, die sich eine Meinung bilden und Dinge hinterfragen können, sind wichtig für die Demokratie. Inzwischen führen Lehrkräfte das ursprüngliche Projekt weiter. Seit 2022 bin ich Geschäftsführer des bayerischen Landesbunds für Vogel- und Naturschutz, mit einem Team dort biete ich es nun so ähnlich an weiteren Schulen an.
Meine Eltern waren ein emanzipiertes Duo auf Augenhöhe. Meine Mutter ist 1963 als Näherin nach Deutschland gekommen, mein Vater blieb als Alleinerziehender noch zwei Jahre mit meinen beiden älteren Geschwistern in der Türkei. Er kam aus einem intellektuellen Umfeld, hier arbeitete er sein Leben lang als Hilfsarbeiter im Schichtbetrieb. In Oberkirch hat er 1975 einen türkischen Kulturverein gegründet, mit Ausstellungen und Lesungen mit türkischem Essen. Viele Deutsche waren erstaunt, was es alles in der Türkei gab.
Perspektivwechsel finde ich wichtig. Mein Beitrag ist klein, aber viele kleine Beiträge können wirken. Ich denke an einen Martinsumzug im Kindergarten meiner ältesten Tochter. Es ging ums Teilen. Alle bekamen eine Kerze und von ihren Nachbarn nacheinander Licht. Aus dem dunklen Feld wurde so schnell ein Lichtermeer.“ ---
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