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Jürgen Kocka im Interview über Demokratie

Jürgen Kocka, 84, ist Sozialhistoriker und emeritierter Professor an der Freien Universität Berlin. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören die Geschichte der Arbeit und des Kapitalismus.



Das Bild zeigt einen Mann mit weißem Haar und Bart, der eine graue Anzugsjacke und ein blaues Hemd trägt. Er steht vor einer Wand, hinter der das Sonnenlicht einfällt und eine warme und einladende Atmosphäre schafft. Der Mann scheint direkt in die Kamera zu blicken und den Betrachter mit seinem nachdenklichen Blick zu fesseln.

brand eins: Herr Kocka, gehören Demokratie und Kapitalismus zusammen?

Jürgen Kocka: Die Koexistenz, ja Symbiose von liberaler Demokratie und Kapitalismus ist verbreitet, wenn auch zunehmend infrage gestellt, in Ländern Europas, Amerikas und anderswo. Es ist aber nicht so, dass Kapitalismus nur in liberaldemokratischen Systemen möglich wäre. Er hat unter dem Nationalsozialismus weitergelebt, wenn auch in mancher Hinsicht verkrüppelt. Und wir sehen heute in China – in begrenzter Form auch in Russland – die Existenz kapitalistischer Wirtschaftsweisen bei gleichzeitig stark autoritärer bis diktatorischer politischer Verfassung. Der Kapitalismus ist nicht demokratisch, und die Demokratie ist nicht kapitalistisch. Es sind zwei sehr unterschiedliche Ordnungssysteme.

Worin bestehen die Unterschiede?

Der Kapitalismus und die Demokratie besitzen unterschiedliche Legitimationsgrundlagen: ungleich verteilte Eigentumsrechte der eine, gleiche Staatsbürgerrechte die andere. In ihnen herrschen unterschiedliche Verfahren vor: der profitorientierte Tausch gegen Debatte, Kompromiss und Mehrheitsentscheidung. Kapitalistisches Wirtschaften führt zu einem Ausmaß an wirtschaftlicher und sozialer Ungleichheit, das nach der an gleichen Rechten, Chancen und Pflichten orientierten Demokratie schwer erträglich ist.

Dennoch, beide Systeme sind politisch und kulturell gut verbindbar. Dieses Wirtschaftssystem ist demokratiefreundlicher als alle anderen.

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