Berlin-Chemie AG
Ein ganz normaler Job
Das Pharmaunternehmen Berlin-Chemie beschäftigt seit jeher Menschen mit Behinderungen. Und ist damit ein leuchtendes Vorbild.
Impressionen aus der geschützten Betriebsabteilung: Die Schiffsglocke ruft zur Pause und stammt noch aus DDR-Zeiten
• Jana Jaeckel hält vier Medikamentenschachteln in der Hand. Mit einem Spatel öffnet sie jede einzeln, hält sie kopfüber und schüttelt sie. „Kommt raus da“, murmelt sie. Doch die Blister mit den Tabletten klemmen. Also greift sie mit zwei Fingern hinein, zieht die Blister heraus und legt sie in eine Plastikbox, in der sich schon Dutzende aneinanderreihen. Die leeren Schachteln wirft sie in eine braune Tüte, auf der in großen schwarzen Buchstaben „Papiermüll“ steht.
Die 20-jährige Berlinerin hat, was für viele Menschen mit Behinderung in Deutschland unerreichbar ist: eine Anstellung auf dem ersten Arbeitsmarkt – mit Tariflohn, Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Nach vier Wochen Praktikum und sechs Monaten Probezeit unterschrieb sie den unbefristeten Vertrag beim Pharmaunternehmen Berlin-Chemie im Stadtteil Adlershof.
Wenn Jaeckel spricht, verschluckt sie den ein oder anderen Buchstaben. Sie braucht länger, um Dinge zu verstehen, Neues zu lernen. Menschen wie sie werden hierzulande oft in Werkstätten für Menschen mit Behinderungen beschäftigt – für durchschnittlich 222 Euro im Monat, ein Gehalt weit unter dem Mindestlohn, das in vielen Fällen durch Grundsicherung oder eine Erwerbsminderungsrente aufgestockt wird.
In der geschützten Betriebsabteilung von Berlin-Chemie arbeiten knapp 30 Menschen mit Handicaps, unterstützt von vier Sozialarbeitern, zwei Vorarbeitern und einem Leitungsduo. Gemeinsam falzen die Beschäftigten hier Gebrauchsinformationen, überprüfen Etiketten, verpacken Medikamente. Und heute geht es darum, fehlerhafte Verpackungen auszusortieren. „Ich bin stolz auf meinen Job“, sagt Jaeckel. Auch mit ihrem Gehalt sei sie sehr zufrieden. Und die Arbeit? „Alles entspannt, keiner stresst mich“, sagt sie und schüttelt kräftig die Pappschachteln.
Wie viele Verpackungen Jaeckel am Tag bearbeitet, weiß sie nicht. Gibt es eine Mindestvorgabe? Ihr Kollege Michael Pose, der seit 21 Jahren im Unternehmen arbeitet und neben ihr sitzt, schüttelt den Kopf. „Jeder macht, wie er kann“, sagt der 56-Jährige. „Keiner macht Druck.“ Auch Zeit für einen Plausch bleibe. „Nur stur arbeiten ist doch langweilig. Stimmt’s, Jana?“ – „Stimmt!“
Montags bis freitags um 4:50 Uhr klingelt Jaeckels Wecker. Danach folgt sie einer festen Routine: anziehen, frühstücken, sich um ihre vier Katzen und den Familienhund kümmern. Rund 30 Minuten nach dem Aufstehen verlässt die junge Frau ihr Elternhaus und läuft zur Bushaltestelle. Einmal muss sie umsteigen, bevor der Bus unweit des Werktors anhält. „Um 6:14 Uhr bin ich da.“ Pünktlich zu sein ist ihr wichtig.
In Deutschland arbeiten etwa 310.000 Menschen in rund 700 Förderwerkstätten. Weniger als ein Prozent von ihnen gelingt der Übergang auf den ersten Arbeitsmarkt (siehe auch unseren „Werkstattbericht“ in brand eins 03/2016 ). Dabei könnten viel mehr Menschen mit Handicaps mit entsprechender Unterstützung in regulären Jobs arbeiten, sagt Dorothee Czennia, Referentin für Behindertenpolitik im VdK-Bundesverband, dem größten Sozialverband Deutschlands. Das lohne sich – volkswirtschaftlich wie betriebswirtschaftlich.
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