Demokratie im Tierreich
Man muss nicht immer reden
Was uns Tiere in Sachen Demokratie lehren
• Jahrtausendelang hätte der Mensch die Chance gehabt, sich von Tieren in Sachen Demokratie etwas abzuschauen. Angefangen bei Aristoteles, rund 400 Jahre vor Christus. Der hatte schon damals die Tierwelt studiert und bahnbrechende Erkenntnisse gesammelt. In seiner „Historia animalium“ beschreibt er nicht nur die Existenz eines Pseudopenis bei weiblichen Hyänen, nein, beeindruckender ist etwas anderes. Aristoteles hat wohl als erster Mensch dargelegt, dass Honigbienen in einem komplexen sozialen Gefüge zusammenleben. Er beschreibt, wie sie sich die Arbeit teilen und miteinander kommunizieren.
Der Zufall hatte es so eingerichtet, dass sich Aristoteles etwa zur gleichen Zeit mit der Athener Demokratie beschäftigte. Doch welche Rückschlüsse zog er vom Sozialverhalten der Bienen auf die demokratische Staatsform? Keine! Stattdessen Abgrenzung: „Dass nun der Mensch in höherem Grad ein staatsbezogenes Lebewesen ist als jede Biene und jedes Herdentier, ist klar“, schreibt Aristoteles in „Politik“.
Jahrhundertelang ging es so weiter. Die Verfasser der Magna Charta nahmen sich Anfang des 13. Jahrhunderts ebenso wenig Bienen oder Schimpansen zum Vorbild wie die Vordenker der französischen Aufklärung 500 Jahre später. Einige der Gründungsväter der Vereinigten Staaten von Amerika bewunderten zwar die Tiere im Allgemeinen, allerdings mit dem Finger am Abzug. Sie waren begeisterte Jäger, aber dass sich einer beim Schreiben der US-amerikanischen Verfassung von Truthahn oder Fasan hätte inspirieren lassen, ist nicht überliefert. Kein Wunder, dass sich auch der Parlamentarische Rat, der das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland 1948/49 ausgearbeitet hat, ebenso verhielt. Der Mensch war und ist sich selbst die liebste Referenz.
Dabei müsste es doch naheliegen, sich von den Tieren etwas abzuschauen. Denn auch sie – von Einzelgängern wie Tigern, Bären oder Igeln abgesehen – leben in Gemeinschaften, Herden, Schwärmen, Rudeln. Einige ordnen sich einem Anführer unter, einer Königin, einer Matriarchin oder einem Alphamännchen. Manche sind dann mit der Frage konfrontiert, wie sie diesen Anführer wieder loswerden, sollte er seine Interessen über die der Gruppe stellen. Und auch Tiere treffen Entscheidungen für ihre Gemeinschaften. Oft geht es dabei um Leben und Tod: wohin als Nächstes schwimmen, wo niederlassen, wann zur Jagd aufbrechen?
Zugegeben: Erst seit einigen Jahrzehnten beginnt die Wissenschaft, die komplexen Verhaltensweisen im Tierreich zu entschlüsseln. Und klar ist auch, dass keine tierische Gemeinschaft so organisiert ist wie eine moderne Demokratie. Clownfische kennen keine Gewaltenteilung, Schafe werden keine Richter, Hühner geben keine Lokalzeitung heraus. Dennoch: Jetzt, da die modernen Demokratien in einer Krise stecken, ist es höchste Zeit, einmal genauer hinzuschauen.
1. Großer Blauer Krake (Octopus cyanea) und Meerbarben (Mullidae)
Das Problem: Der Oktopus ist ein Einzelgänger. Und nicht besonders gut darin, seine Beute aufzuspüren. Das können dafür etwa einige Meerbarbenarten. Die haben jedoch keine Arme, um Krebstiere oder Schnecken aus ihren Löchern zu treiben.
Die Lösung: Die beiden Arten formen ein Team. Die Fische führen den Oktopus zur Beute. Der räumt dann mit seinen Armen Spalten und Höhlen aus. Alle Beteiligten bekommen zu fressen, während Fische, die nicht mitgeholfen haben, von beiden Parteien verjagt werden.
Die Lehre: Koalitionen können auch zwischen grundverschiedenen Partnern funktionieren, wenn sie sich auf ein gemeinsames Ziel einigen. Und: Wer nichts Sinnvolles beiträgt, darf ausgegrenzt werden. Wegschubsen ist auch eine Art der Brandmauer.
2. Echter Clownfisch (Amphiprion percula)
Das Problem: Clownfische leben im Riff in strengen Hierarchien. Die Herrscherin über die Seeanemone, mit der die Fische in Symbiose leben, ist immer das größte Weibchen der Gruppe. Ihr untersteht ihr männlicher Partner. Doch auch Clownfischherrscherinnen können sterben.
Die Lösung: Der männliche Partner rückt automatisch an die Spitze der Gruppe, wechselt dabei allerdings das Geschlecht.
Die Lehre: Die Quote wirkt. Und auch Transpersonen können Bundeskanzlerin werden.
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