Beziehungskrise
Demokratie und Kapitalismus waren lange Partner. Fünf Thesen zu ihrer Entfremdung.

I. Die Probleme waren schon da, bevor Donald Trump die Politbühne betrat
Man wird die Krise der Demokratie nicht verstehen, wenn man nur Reality-TV sieht. Die Serie „The Apprentice“ liefert aber immerhin Hinweise.
Bevor Donald Trump 2016 zum ersten Mal zum US-Präsidenten gewählt wurde, gaben in einer Ipsos-Umfrage 75 Prozent der Menschen in den USA an, sie erwarteten einen „starken Anführer“, der „das Land von den Reichen und Mächtigen zurückholen“ solle. 68 Prozent der Befragten stimmten der Aussage zu, „traditionelle Parteien und Politiker“ kümmerten sich nicht um sie. Den Anführer, den sie dann wählten, war ein fiktiver: die Medienfigur Trump. Hauptdarsteller in „The Apprentice“, der TV-Serie, die ihn 2004 landesweit als Macher berühmt machte.
In der Fernsehserie bewarben sich Businessleute bei einem von Trumps Unternehmen. Es gab für sie nur zwei Richtungen: „up to the suite or down to the street“. Und Trump schickte den Aufzug oft nach unten. Man sah in der Serie Wolkenkratzer, Casinos und Flugzeuge. Und man sah Menschen, die auf öffentlichen Bänken schliefen. Gewinnen oder verlieren – in dieser Dichotomie spielte „The Apprentice“.
Trump, der privilegierte Sohn eines Unternehmers, hatte als Geschäftsmann in der Wirklichkeit schon diverse Pleiten hingelegt. Aber als er 2015 für die Präsidentschaft kandidierte, konnte er nahtlos an seine Fernsehrolle anknüpfen. Er machte Wahlkampf wie ein Reality-Juror. Nur ging es jetzt nicht um die Leitung eines Konzerns, sondern um die Führungsrolle in einer Demokratie, die eigentlich Kompromissbereitschaft verlangt und die Berücksichtigung vieler Interessen.
Trump steht für den Versuch, diesen Unterschied aufzuheben. Einen Staat wie einen Konzern zu führen – ganz nach den Vorstellungen des neoreaktionären US-Ideologen Curtis Yarvin. Dieser wird in Trumps Umfeld regelrecht verehrt, auf ihn berufen sich Leute wie etwa der rechtslibertäre Techunternehmer Peter Thiel oder der Vizepräsident J. D. Vance.
Der antidemokratischen Agenda von Yarvin folgend schleift Trump die Pressefreiheit, die Unabhängigkeit der Justiz und der Wissenschaft, Bürgerrechte, Minderheitenschutz. Als mächtigster Mann der Welt verschärft er die Krise der Demokratie. Die Probleme waren allerdings schon da, bevor er Präsident wurde.
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