Cory Doctorow im Interview
„Jetzt besteht die Chance, die Techbranche zu regulieren“
Schaden die sozialen Medien der Demokratie? Oder liegen die Probleme ganz woanders? Ein Interview mit dem Autor und Aktivisten Cory Doctorow.
Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 06 + 07/2025.
So zeigt Doctorow seinen Arbeitsplatz auf seinem Flickr-Account
Diese Kollektion kann kostenlos gelesen werden dank
mittwald
Wir lieben Tech. Wir atmen Code. Wir arbeiten für und mit Agenturen, Freelancern und Techies. Seit 2003 steht Mittwald für Hosting, das mehr kann: performant, innovativ, für Web-Profis gemacht.
brand eins: Anfangs galten die sozialen Medien als der Demokratie dienlich, da sie auch Minderheiten eine Stimme gaben. Heute wird ihnen vorgeworfen, vor allem Desinformation und Populismus zu fördern. Sind Social Media unterm Strich gut oder schlecht für die Demokratie?
Cory Doctorow: Ich wüsste nicht, wie man das zuverlässig messen könnte. Ich finde es interessanter, zu fragen, welche Kräfte zu den positiven und welche zu den negativen Auswirkungen geführt haben. Zu fragen, wie die Gesamtbilanz aussieht, spielt letztlich nur den großen Social-Media-Unternehmen in die Hände.
Inwiefern?
Die Konzerne wollen uns glauben machen, man könne die Vorteile nicht haben, ohne die Nachteile in Kauf zu nehmen. Ich bin der Ansicht, wir sollten im Internet Kontakte finden, Freundschaften pflegen und uns politisch äußern können, ohne dass Mark Zuckerberg oder Elon Musk jedes Wort überwachen, das wir wechseln. Doch die behaupten: Nein, das geht nicht. Social Media könnten nur so funktionieren, wie sie es anbieten. Dabei waren es bewusste Entscheidungen, die aus den sozialen Netzwerken das gemacht haben, was sie sind.
💩
Sie haben diesen Prozess als Enshittification beschrieben – auf Deutsch etwa: Scheißifizierung. Das Wort hat ziemlich Karriere gemacht …
Ja, um das Kackhäufchen-Emoji auf meinem Grabstein komme ich nun wohl nicht mehr herum.
Anzeige
Head in the Cloud, der Summit für Web-Profis
Tech ist unsere Community. Wir bringen Menschen zusammen. Head in the Cloud ist der mittwald Summit für Agenturen, Entwickler*innen und Kreative am 25. & 26. Juni. Mit hochklassigen Speaker*innen aus Industrie, Commerce und IT, werfen wir ein Spotlight auf Themenschwerpunkte in Cloud & DevOps, Technology, Culture & Creativity, die nicht nur für 2026 richtungsweisend sind.
Enshittification wird außerdem Plattformverfall genannt. Können Sie das genauer erläutern?
Facebook ist ein perfektes Beispiel. Die Plattform begann mit einem einfachen und attraktiven Versprechen: Wir zeigen dir, was deine Freunde posten. Sag uns, wer oder was dir wichtig ist, und wir sorgen dafür, dass du nichts mehr verpasst. Facebook verfügte damals über viel Risikokapital und musste daher nicht sofort alles mit Werbung zupflastern oder die Nutzerinnen und Nutzer ausspionieren.
Eine gute Sache also?
Ja, deshalb wurde es auch so erfolgreich. Doch dann kam die zweite Stufe: Nachdem so gut wie alle werberelevanten Menschen in den USA und Europa ein Facebook-Konto hatten, wandte sich das Unternehmen den eigenen Werbekunden zu. Diese konnten dort nun für lächerlich niedrige Preise sehr genau definierte Zielgruppen erreichen. Und jene Medien, die ihre Inhalte auf Facebook teilten, erhielten eine Zeit lang Unmengen an Traffic, den sie monetarisieren konnten. Der Preis dafür war, dass die Nutzerinnen und Nutzer nun ausspioniert wurden und nicht nur die Inhalte ihrer Freundinnen und Freunde sahen, sondern außerdem Werbung und Medieninhalte – egal, ob sie sich dafür interessierten oder nicht.
Schlecht für die Privatnutzer, gut für die Businesskunden. Wie ging es weiter?
Nachdem einige Jahre später auch die Firmenkunden und die Medien abhängig von Facebook waren, zog das Unternehmen auch bei denen die Daumenschrauben an. Die Werbepreise stiegen, obwohl längst nicht mehr sicher war, ob die Anzeigen noch von Menschen gesehen wurden. Um überhaupt jemanden zu erreichen, mussten die Medien für diese Reichweite zahlen. Der Mehrwert wanderte also erst von den Nutzern zu den Businesskunden und dann zu den Aktionären von Meta. Das Problem ist nur: Dieser Zustand kann nicht ewig anhalten.
Es gibt also noch eine weitere Stufe der Enshittification?
Ja, und zwar den Tod der jeweiligen Plattform. Selbstverständlich tun die Anbieter alles, um diesen hinauszuzögern. Mark Zuckerberg etwa behauptet seit ein paar Jahren, es sei das Größte, einen Avatar durch das Metaverse zu steuern. Elon Musk wiederum hat sich in die US-Regierung eingekauft. Er setzt darauf, dass Unternehmen versuchen, sich seine Gunst zu kaufen, indem sie Werbung auf X schalten.
Das bringt uns zum politischen Einfluss von Social Media. Wie würden Sie diesen beschreiben?
Es ist ein Problem, wenn man Plattformen, die in der Hand sehr weniger Individuen sind, die Macht darüber gibt, welche Informationen wir sehen und welche nicht. Auch das hat sich geändert: In den Anfangsjahren von Social Media sah man die Inhalte der Konten, denen man folgte. Heute zeigen einem die Algorithmen vor allem solche Beiträge, die viele Interaktionen auslösen, weil sie polarisieren. Allein diese algorithmische Auswahl für die Krise der Demokratie verantwortlich zu machen wäre jedoch zu kurz gedacht.
Sondern?
Menschen wenden sich aktuell verstärkt reaktionären Ideen oder Verschwörungserzählungen zu, keine Frage. Aber das liegt nicht allein an den sozialen Medien. Sondern auch daran, dass viele Menschen von unseren Institutionen enttäuscht sind und diesen nicht mehr vertrauen. Leider zu Recht: Denn viele unserer Institutionen sind mittlerweile nicht mehr unabhängig, sondern befinden sich in der Hand derjenigen, die sie eigentlich kontrollieren sollten.
Ganz schön pauschal. Geht es ein bisschen konkreter?
Ich gebe einige Beispiele. Obwohl die zuständigen Behörden vor Abgasmanipulationen gewarnt worden waren – Jahre, bevor der Diesel-Skandal öffentlich bekannt wurde –, reagierten sie nicht. Purdue Pharma, Hersteller von Opioid-Medikamenten, kam bei Institutionen auf der ganzen Welt mit der Aussage durch, seine Wirkstoffe würden keine Abhängigkeit auslösen. In der Finanzkrise wurden Banken gerettet, aber Menschen, die ihre Hypotheken nicht zahlen konnten, verloren ihre Häuser. Facebook durfte Whatsapp kaufen und damit so gut wie jede Wettbewerbsregel brechen – und das, obwohl die Aufsichtsbehörden wussten, was für ein Monopol da gerade entstand.
Und es gibt immer neue Beispiele: Gerade erst machte Englands Premierminister Keir Starmer ausgerechnet den früheren Chef von Amazon UK zum obersten Chef der britischen Kartellbehörde. Wer sein Leben lang die Erfahrung gemacht hat, dass unsere Institutionen kaputt sind, der braucht nicht unbedingt Social Media, um seiner Regierung zu misstrauen.
Social Media sind für Sie also an der Krise der Demokratie gänzlich unschuldig?
Dass die Social-Media-Feeds und -Algorithmen Menschen mit schwierigen Ansichten dabei helfen, sich zusammenzuschließen und andere zu mobilisieren, stellt unser demokratisches System sicher vor zusätzliche Herausforderungen. Das eigentliche Problem ist jedoch, dass die Kontrolle über die sozialen Medien in den Händen einiger weniger liegt – und dass wir zugelassen haben, dass sie sich diese Macht aneignen. Natürlich sollten wir versuchen, die Menschen mit besseren Informationen zu versorgen. Allerdings sollten wir nicht glauben, dass das allein die Demokratie retten wird.
Was braucht es noch?
Wir befinden uns gerade an einem Scheideweg. Jahrzehntelang hat Europa US-amerikanischen Techkonzernen freie Hand gelassen, um die guten Beziehungen zu den USA nicht zu gefährden. Jetzt, da Trump diese Beziehungen aufgekündigt hat, besteht die Chance, die Techbranche angemessen zu regulieren.
Teilweise passiert das bereits. Was denken Sie über den Digital Markets Act (DMA) und den Digital Services Act (DSA) der EU?
Der DSA und der DMA sind großartig, zumindest weite Teile davon. Wichtig ist, dass die EU nun mehr Kompetenzen hat. Es ist nicht mehr alles auf der Ebene der Mitgliedsstaaten geregelt. Dadurch können sich globale Firmen nicht mehr hinter der laxen Gesetzgebung von Irland, Zypern oder Luxemburg verstecken. Auch die Entscheidung für mehr Interoperabilität ist sehr gut. Wer eine Social-Media-Plattform verlassen möchte, weil diese beispielsweise keine Privatsphäre respektiert, kann so trotzdem weiterhin mit Freunden kommunizieren, die dort ein Konto haben.
Wie sähen neue, bessere Social-Media-Plattformen aus?
Ich finde viele der Funktionen der neueren Plattformen wie Bluesky oder Mastodon sehr interessant. Mastodon funktioniert ja ähnlich wie Twitter. Es läuft jedoch nicht alles auf einem einzigen Server ab, sondern auf unzähligen verschiedenen. Egal, welchen man sich aussucht: Man kann trotzdem mit allen anderen Nutzern auf den anderen Servern interagieren. Und mit einem Klick lassen sich alle Menschen speichern, denen man folgt und die einem folgen. Wer also zu einem anderen Server umziehen will, kann sein gesamtes Netzwerk an Kontakten völlig unkompliziert mitnehmen.
Schreckt so ein eher technisches Prozedere nicht viele ab?
Im Idealfall ist so ein Umzug gar nicht nötig. Denn allein die Tatsache, dass die Menschen jederzeit ihre Sachen packen und umziehen können, verhindert Enshittification, wie wir sie von Plattformen wie Facebook kennen, die ihre Nutzerinnen und Nutzer einschließen. Es ist egal, wie gut eine Plattform ist, wenn es keinen Weg gibt, sie zu verlassen, falls sie irgendwann mal nicht mehr gut ist. Wir brauchen gewissermaßen Notausgänge für Social Media.
Bei Debatten über Social Media wird oft über die Rolle von Moderation gestritten. Wie lässt sich das Dilemma zwischen Meinungsfreiheit und Hassrede auflösen?
Die Plattform Bluesky hat einen interessanten Ansatz. Anstatt einen Milliardär willkürlich festlegen zu lassen, was erlaubt ist und was nicht, kann man aus verschiedenen Moderationsalgorithmen auswählen und somit selbst entscheiden, was man sehen möchte und was nicht. Zusammen mit dem dezentralen Ansatz von Mastodon sehe ich da eine bessere Alternative für den demokratischen Diskurs.
Führt das nicht zu vielen Splitternetzwerken? Im einen treffen sich Holocaustleugner, im anderen radikale Linke, und jeder darf selbst einstellen, wie viel Hamas-Verherrlichung ihm genehm ist?
Natürlich eröffnet dies auch die Möglichkeit, dass Menschen abscheuliche oder verfassungsfeindliche Dinge äußern. Aber soll ich Ihnen was verraten? Die berühmten dunklen Ecken im Internet, in denen der Holocaust geleugnet oder der Sturz der Regierung vorbereitet wird, die gibt es schon ewig. Außerdem ist es ein Irrtum, zu glauben, dass es der Demokratie oder einer progressiven Agenda nutzen würde, wenn es keine dunklen Ecken mehr im Internet gäbe. Denn leider sind Elon Musk und Mark Zuckerberg – die Leute also, welche die großen, offiziellen, gut beleuchteten Plätze des Internets betreiben – selbst eine riesige Gefahr für die Demokratie.
Was macht Ihnen Hoffnung?
Was mich begeistert, ist die derzeitige Anti-Monopol-Bewegung auf der ganzen Welt. Politikerinnen und Politiker in Deutschland, Spanien, Frankreich, Kanada, den USA, Australien, Südkorea und Japan haben in Sachen Kartellrecht in den vergangenen fünf Jahren mehr bewegt als in den 40 Jahren davor. Und das wirklich Bemerkenswerte ist: Nichts davon ist mit Geld erkauft. Niemand zahlt Leuten wie mir Millionen, um gegen Monopole und gegen Kartelle zu protestieren. Es ist eine echte Graswurzelbewegung. ---
Cory Doctorow, geboren 1971 in Toronto, ist ein kanadisch-britischer Science-Fiction-Autor, Blogger und Digitalaktivist. Als Kind trotzkistischer Eltern wuchs er in einem politisch aktiven Haushalt auf, besuchte eine alternative Schule und später vier Universitäten – ohne einen Abschluss zu machen. Er zählte 19 Jahre lang zu den populärsten Autoren des Blogs „Boing Boing“. Sein Ausscheiden wurde als „Auflösung der Beatles für die Blog-Welt“ bezeichnet. Seit 2020 bloggt er unter Pluralistic.net. Doctorow arbeitet für die Electronic Frontier Foundation, eine NGO für digitale Bürgerrechte, und engagiert sich für ein offenes Internet.
Doctorow hat zahlreiche Romane veröffentlicht, darunter die „Little Brother“-Trilogie. Sein neuestes Sachbuch, „The Internet Con“, handelt vom Widerstand gegen die Techkonzerne des Silicon Valley. Ein Buch von ihm über die Enshittification von Onlineplattformen erscheint im Oktober 2025.
2020 wurde er in die „Canadian Science Fiction and Fantasy Association Hall of Fame“ aufgenommen. Für sein Lebenswerk erhielt er 2022 den Sir Arthur Clarke Award und 2024 den Neil Postman Award. Aktuell ist Doctorow als Gastprofessor an der Open University und als Research Affiliate am MIT Media Lab tätig. Er lebt im Großraum Los Angeles.
DSA & DMA
Mit dem Digital Services Act (DSA) und dem Digital Markets Act (DMA) hat die EU ein umfassendes Regelwerk geschaffen, das die digitale Wirtschaft in Europa grundlegend neu ordnet. Der DSA, seit Februar 2024 in allen EU-Staaten gültig, verpflichtet digitale Plattformen zu mehr Transparenz und konsequenterem Vorgehen gegen illegale Inhalte. Zum Beispiel müssen Plattformen einheitlichere und einfachere Beschwerdeverfahren anbieten und Kinder besser schützen. Es gilt der Grundsatz: Was offline illegal ist, muss auch online illegal sein.
Der DMA zielt auf die Marktmacht der digitalen Konzerne ab. Als „Gatekeeper“ eingestufte Plattformen mit erheblichem Markteinfluss (etwa Meta, Amazon, Apple und Alphabet) unterliegen seit Mai 2023 strengeren Wettbewerbsregeln, die fairen Wettbewerb sicherstellen sollen. Das gilt zum Beispiel für die App-Stores von Apple und Alphabets Android oder für Browser und Suchmaschinen. Im April 2025 wurden gegen Apple (500 Millionen Euro) und Meta (200 Millionen Euro) zum ersten Mal Strafzahlungen wegen Verstößen gegen den DMA verhängt.
brand eins 10/2022: „Die wilden Jahre sind vorbei“
brand eins 10/2022: „Die EU-Regulierung der digitalen Sphäre im Überblick“
Weiterführende Artikel von mittwald
Anzeige
Head in the Cloud: Summer Summit für Web-Profis
Dabei sein, wenn die Zukunft der Tech- und Digitalbranche diskutiert wird: mittwald präsentiert mit Head in the Cloud den wichtigsten deutschen Summit für Agenturen, Entwickler*innen und Kreative rund um alle Aspekte von Webhosting.
Anzeige
Head in the Cloud Masterclass
Thorsten Jonas, Digital Sustainability Specialist, wirft einen objektiven Blick auf die Potenziale von Generative AI und diskutiert mit den Teilnehmer*innen Nachhaltigkeit, Ethik und Digitale Souveränität – praxisnah und fundiert.
Anzeige
Gestalte mit uns die Zukunft des Webhostings
Wir suchen Talente, die Fortschritt aktiv mitgestalten. Tüftler*innen, die Ideen in Produkte verwandeln. Charaktere, die KI nicht fürchten, sondern fragen: Was mache ich mit der gewonnenen Zeit?
Anzeige
Agenturen lieben mittwald – nachhaltig
Wir haben unsere Agenturkunden im Blick und unterstützen sie mit Begeisterung dabei, in kleinen und großen Schritten mit Nachhaltigkeit erfolgreich zu sein. Denn das bietet handfeste Chancen: als klar definierbare, messbare und abrechenbare Leistung.





