Über Über-Tourismus
Warum die Erholung alle gerade erschöpft und wie das wieder besser gehen könnte.
„Ganz unter fremden Menschen, in einem fremden Lande zu leben, […] hat mich aus manchen Träumen geweckt, ich habe an munterm und resolutem Leben viel gewonnen.“Johann Wolfgang von Goethe an Großherzog Carl August, Brief aus Rom, am 25. Januar 1788
• Reisen bildet, sagt der Volksmund. Urlaub diene der Erholung, so die Errungenschaft der Arbeiterbewegung. Tourismus trage durch weltweite Völkerverständigung zu Frieden bei und schaffe Beschäftigung und Wohlstand in den Regionen, so die Tourismuswirtschaft selbst.
Tourismus ist jedoch auch gleichzeitig für neue und nun selbst für die Touristen immer sichtbarere Probleme verantwortlich: Probleme für den Planeten, für Städte, für deren Bewohner und für die Ressourcen vor Ort, von Wasser bis Wohnen. Was tun?
1. Tourismus ist das neue Shoppen.
Die Reiselust, so wie wir sie heute kennen, begann im Jahr 1841 mit der ersten von Thomas Cook organisierten Pauschalreise. Die Arbeiterbewegung erkämpfte sich später schrittweise bezahlten Urlaub. Die erste gesetzliche Urlaubsregelung in Deutschland gab es 1903 für Brauereiarbeiter.
Damit begann der Aufschwung der kapitalistischen Tourismuswirtschaft, die nun an einem Kipppunkt steht. Laut der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen haben die Deutschen 127 Milliarden Euro im Jahr 2024 für Reisen inklusive Essen und Entertainment ausgegeben. Nach Aussage des Deutschen Reiseverbands allein 83,4 Milliarden Euro fürs reine Buchen, davon knapp die Hälfte über die Reiseveranstalter.
Tourismus ist das neue Shoppen, und die Tourismuswirtschaft ist mit für Deutschland prognostizierten Steigerungen um bis zu sechs Prozent eine der wenigen Wachstumsbranchen in der Rezession, die eben nicht nur konjunkturell, sondern strukturell bedingt ist. Auch die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Reisebüros und bei Reiseveranstaltern wuchs im Jahr 2024 um 1,9 Prozent auf 54.106.
Um die Reiselust zu finanzieren, spart fast jeder Zweite an anderer Stelle, zum Beispiel bei Kleidung, Lebensmitteln, Restaurant-, Kino- und Konzertbesuchen sowie Sport- oder Elektronikequipment.
2. Die Grenzen des gesunden Wachstums sind erreicht.
Der Urlaub soll der Erholung dienen – und damit der Gesundheit. Diesen Zusammenhang hat der Branchenprimus Tui Anfang dieses Jahres durch eine Auftragsstudie von Yougov unterstrichen: Um durchschnittlich 4,2 Jahre fühle man sich nach dem Urlaub jünger. Allerdings altern nicht wenige gefühlt um mehr als zehn Jahre an den Tagen vor dem Urlaubsantritt.
Jenseits des Marketings: Durch Tourismus wird der Planet faktisch nicht gesünder, so das Ergebnis einer im Dezember 2024 in der Wissenschaftszeitschrift »Nature« veröffentlichen Studie:
– Der Tourismus ist für knapp neun Prozent aller globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Die durch Reisen verursachten Emissionen steigen um 3,5 Prozent jährlich – das ist mehr als doppelt so viel wie das Wachstum der Emissionen insgesamt.
– Nur 20 Länder bringen drei Viertel aller Emissionen hervor.
– Neun Prozent Fernreisen erzeugen 50 Prozent der Emissionen im Tourismus. Reisen in Europa werden zu 48 Prozent mit dem Flugzeug, zu 42 Prozent mit dem Auto und nur zu fünf Prozent mit Zug oder Bus zurückgelegt.
Übertourismus bringt Orte an ihre Grenzen: Dubrovnik hatte 2023 gut 27-mal mehr Touristen als Einwohner; Venedig ist mit Faktor 21 auf Platz drei, Amsterdam mit zwölf auf Platz sieben. 2024 hatte Mallorca 13,5 Millionen Touristen zu bewältigen – bei knapp einer Million Einwohner.
3. Städte ziehen Mauern hoch.
Früher haben sich die Städte mit Stadtmauern geschützt, diese könnten im übertragenen Sinne wieder hochgezogen werden. Die Bewohner sorgen sich um ihre Gesundheit, ihre Wohnungspreise, ihre Mobilität, ihr Wasser und um ihre Innenstädte, in denen Handel und Gastronomie nicht mehr auf Einheimische ausgerichtet sind und auch deshalb mindestens halbjährlich leer.
Eintrittspreise und Kurtaxen – wie etwa in Venedig oder in Dubrovnik – wirken eher wie Notwehr denn wie Strategie. Wir werden in den kommenden Jahren eine Vielzahl von Verboten, Sanktionierungen, Steuern und Gebühren erleben, wo der Kipppunkt überschritten ist.
Die Branche kennt das Problem. Allen Beteiligten scheint klar: Die Moralisierung des Tourismus ist kaum noch zu bändigen, auch wenn das Interesse an Klimaschutz und Nachhaltigkeit gerade wieder nachlässt.
Als leuchtendes Beispiel gilt an den Universitäten von Frankreich bis Japan ausgerechnet der mit Hochhäusern gepflasterte spanische Badeort Benidorm. Der bedeckt zwar nur zwei Prozent des valencianischen Küstengebiets, erwirtschaftet jedoch mehr als 40 Prozent seiner touristischen Einnahmen. Die verdichtete Bauweise ermöglicht es, dass 61 Prozent des Stadtgebiets unter Naturschutz stehen und als Grünanlagen oder Naturparks dienen.
4. Daten und Kooperation können helfen.
Wien, Barcelona, Paris oder Kopenhagen begegnen der zunehmenden Hitze, der Feinstaubbelastung und dem Lärm mit innovativen Kühlungsstrategien, Schwammstadtlösungen, maximalen Aufenthaltsdauern und neuen Mobilitätskonzepten. Salzburg, Barcelona und Berlin wehren sich mit Airbnb-Beschränkungen und mit der Förderung von Wohnraum.
Bislang sind zwei ineinander verwobene Lösungsansätze erkennbar:
– Reallabor: Mallorca hatte einen runden Tisch aus 27 Organisationen mit zunächst zwölf Arbeitsgruppen zur Zukunft des Tourismus ins Leben gerufen. Aus solchen Reallaboren soll lösungsorientiertes Handeln folgen. Nicht einfach, aber einfacher wird es nicht mehr. 576 Vorschläge haben die Balearen-Bürger 2024 eingereicht.
– Digitalisierung und Daten: Digitale Infrastrukturen können helfen, die Touristenströme zu steuern, etwa durch digitale Zwillinge. Diese helfen, durch Simulation Verkehrsströme zu testen, Energieflüsse zu planen oder bei Bauvorhaben die Auswirkungen auf die Umgebung zu analysieren. Metaverse-Anwendungen wie zum Beispiel Amsterdam Smart City sind die Basis für eine Online-Community, in der 27 private und öffentliche Partner zusammenarbeiten, um Probleme in der Metropolregion gemeinsam zu lösen. Ähnliche Projekte gibt es in Dubrovnik, Santorin, Venedig, Seoul und Singapur.
5. Zurück in die Zukunft.
Reisen bildet. Und Bildung verändert sich mit den Generationen:
– Touristische Werte werden auch von der jungen, deutlich reiseverwöhnteren Generation der Mittel- und Oberschichtskinder neu definiert. Für die eigene Erholung über das Jahr – Stichwort: mentale Gesundheit – sind immer mehr oft kurze Reisen nicht unbedingt die beste Lösung. Besser: Der Reisende wird wieder der absichtslose Flaneur, der erholende Pausierer, der sich Zeit zum Nachdenken und zum Überraschtwerden nimmt, auch von sich selbst.
– Von der Reisewirtschaft verlangt das mehr Ehrlichkeit beim Reise- und Leistungsversprechen und damit nichts weniger als die Rückbesinnung auf die Ursprünge des Urlaubs: Sommerfrische und Ent-Spannung definierten einst das Angebot. Eskapistische Hedonisten und Alltags- wie Arbeitsflüchtende verhalfen zum Boom, können aber zukünftig nicht mehr die bevorzugte Zielgruppe sein.
Wir stehen vor einem Aufbruch in eine neue Reisewirtschaft – eine Kultur- und Bildungsreise mit offenem Ausgang. ---
Stephan A. Jansen ist Professor für Management, Innovation und Finanzierung an der Karlshochschule Karlsruhe, Mitgründer der brand eins Agentur für Konstruktive Wirtschaft (AKW) sowie Co-Autor des Buches „Die Arbeit – Wie wir sie mit KI neu erfinden“.
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