Tourismus am Schloss Neuschwanstein
Boah!
Bis zu 6.000 Besucher pro Tag. Bis zu 6.000-mal offene Münder und Begeisterung in vielen Sprachen. Das Schloss Neuschwanstein von König Ludwig II. ist eines der beliebtesten Touristenziele der Welt. Und äußerst lukrativ für eine kleine Gemeinde.
• Das Romantikzimmer im Hotel Alpenstuben kostet pro Nacht 155 Euro. Sonderlich groß ist es nicht, dafür hat man auf dem Balkon einen spektakulären nächtlichen Ausblick: Im Mondschein, auf einem Felsplateau, liegt kreidebleich das Schloss Neuschwanstein. Türmchen, Zinnen, Giebel recken sich in die Höhe. Einige Fenster sind erleuchtet. Feuchter Nebel wallt vom See herüber, hinter dem die Tiroler Alpen düster in den Himmel ragen.
Ganz großes Kino, würde Walt Disney sagen, der das bayerische Schloss in seinen Freizeitparks als Cinderella Castle nachbauen ließ, nachdem er es in den Dreißigerjahren bei einer Europareise gesehen hatte.
Ganz große Oper, würde König Ludwig II. von Bayern wiederum sagen, der das Schloss vor knapp 150 Jahren für 6.180.047 Mark (heute entspräche das rund 154 Millionen Euro) zu Ehren des von ihm hochgeschätzten Komponisten Richard Wagner errichten ließ. Leider hat er sich dabei so verschuldet, dass die Regierung in München ihn für „seelengestört“ erklärte und am 12. Juni 1886 in ein Schlösschen am Starnberger See abführen ließ. Tags darauf war der König tot. Seine Leiche wurde mit der seines Psychiaters aus dem Wasser gefischt. Mord oder Suizid? Verbrechen oder Unglück? Der Fall wurde niemals geklärt.
Traurig für die Betroffenen. Gut für das fahle Schloss auf dem Fels über dem Dörfchen Hohenschwangau. Ein echter König, ein verwirrter Geist, ein verwunschenes Bauwerk, zwei Leichen im See, ein Cold Case im Adelsmilieu, die Landschaft mit lieblichen Seen und wilden Schluchten, die romantische Architektur, die Innenräume wie Kulissen für eine Wagner-Oper – eine Marketingagentur hätte es nicht besser erfinden können. Und man kann sich das alles auch noch mit eigenen Augen anschauen.
Neuschwanstein ist eines der beliebtesten Touristenziele weltweit. In Deutschland belegt es mit dem Kölner Dom seit Jahren die ersten Plätze. „Wenn Ludwig das Schloss nicht gebaut hätte“, sagt der Tourismusforscher Alfred Bauer von der Hochschule Kempten, „dann müssten wir es jetzt dringend tun.“
Denn das Schloss hat eine der abgelegensten und ärmsten Gegenden Bayerns an der österreichischen Grenze aus dem Dornröschenschlaf geholt. 9,5 Millionen Tagesgäste pro Jahr kommen vor allem wegen Neuschwanstein in die Region Ostallgäu und Kaufbeuren, lassen 760 Millionen Euro da und sichern damit das Einkommen von insgesamt 12.500 Menschen. 168 Millionen Euro für den Einzelhandel, 177 Millionen für Dienstleistungen wie Transport oder Eintritt. Das ergab eine Studie des Instituts für Nachhaltige und Innovative Tourismusentwicklung im nahe gelegenen Füssen.
Im Gegensatz zum Eiffelturm, dem schiefen Turm von Pisa, der Sagrada Família in Barcelona oder der Freiheitsstatue in New York ist Neuschwanstein eine Stand-alone-Attraktion. Kein faszinierendes Umfeld drum herum. Nur Natur und der Stein gewordene Traum eines wirren Königs. „Sad King Ludwig“ nennen ihn die Amerikaner. Oder: „Mad King“. Das macht sein Märchenschloss exklusiv. Wer es sehen will, muss extra dorthin fahren. Zwei Stunden per Flixbus oder mit dem Auto von München. Eine Landpartie mit limitiertem Zutritt und strengen Regeln: „Wenn Sie nicht zur angegebenen Uhrzeit am richtigen Schlosseingang sind, verfällt Ihr Ticket ersatzlos.“ Bis zu 6.000 Besucher täglich drängen sich in den Sommermonaten durch das Schloss. Einlass nur mit Onlineticket (23,50 Euro für Erwachsene) und Anweisungen im Befehlston. Um 9.10 Uhr rein oder heim! Da können ausländische Gäste mal lernen, was deutsche Pünktlichkeit ist.
Alle fünf Minuten gehen die Schleusen der Personenvereinzelungsanlage am Schlosshof auf. Überwacht von Security-Personal und ausgestattet mit Audiogeräten werden Touristen dann von lizenzierten Führern durch die Räume geschleust. Der Thronsaal ohne Thron (wurde nie fertiggestellt) mit dem tonnenschweren Kronleuchter. Das Schlafzimmer mit dem Bett, an dem 15 Schnitzer vier Jahre lang schnitzten, bis es aussah wie der Tatort in einem Horrorfilm. An den Wänden Szenen aus „Tristan und Isolde“, im Bad Schwanenarmaturen am Waschtisch und ein pompöses Klo mit automatischer Spülung. Wenn er schon keinen Thron hatte, wollte Ludwig wenigstens hier königlich sitzen. Der Sängersaal mit dem Waldpanorama in den Arkaden. Und dann die Venusgrotte, eine künstliche Tropfsteinhöhle mit Wasserfall und farbiger Beleuchtung. Nach 25 Minuten ist die Führung vorbei. „Verlassen Sie das Gebäude durch den Museumsshop!“
Alles hier ist kitschig und überladen. Ein Märchenschloss, aber von der gruseligen Art. Ludwig II. schlief nur 172 Nächte in Neuschwanstein und wurde dabei immer depressiver. Niemand sollte ihn in seinem Schloss besuchen, am allerwenigsten seine Mutter Marie von Preußen, die ging ihm richtig auf die Nerven. Auch das restliche Adelsgesocks wollte er in seiner Fantasiewelt hoch über den Niederungen des echten Lebens nicht sehen. Selbst die Dienerschaft musste vermeiden, ihm zu begegnen. Der Nachwelt hinterließ der König eigens eine Gebrauchsanleitung für das Gemäuer: „Bewahren Sie diese Räume als Heiligtum, lassen Sie es nicht profanieren von Neugierigen, denn ich habe darin die bittersten Stunden meines Lebens durchlebt.“
Ein frommer Wunsch, an den sich keiner hielt, vor allem nicht seine eigene Familie, die Wittelsbacher. Bereits sieben Wochen nach seinem Tod ließ sie Eintrittskarten drucken und gab die Eremitage des toten Königs zur allgemeinen Besichtigung frei. Das war pietätlos, aber lohnte sich.
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Er ist Teil unserer Ausgabe Das Geschäft mit dem Urlaub