Harz
„Ohne Frage nach Braunlage“
Wer überfüllte Urlaubsorte mit millionenfach abgelichteten Insta-Spots und „Tourist go home!“-Graffiti meiden will, sollte in den Westharz reisen. Besuch einer Region mitten in der Transformation.
Ein Muss für Fans der TV-Reihe „Harter Brocken“: das Polizeirevier in Sankt Andreasberg, wo Frank Koops allein die Stellung hält
„Ich mag das Licht total. Ich finde es so toll, wenn die Sonne untergeht, wie das Licht so durch die Bäume scheint. Auch wenn es eigentlich erst mal traurig aussieht, dass die ganzen Fichten tot sind, hat es etwas Schönes, wenn die von der Sonne beleuchtet werden.“ Antonije Stankovic, der in der zehnten, noch nicht ausgestrahlten Folge der TV-Reihe „Harter Brocken“ mitspielt.
• Jörg Kühnhold hat seine persönliche Transformation schon hinter sich. Nachdem die Karriere bei einer Bank vor vier Jahren beendet war, beschloss er, sich dem zu widmen, was ihn wirklich begeistert: seiner Geburtsstadt Braunlage. Dort arbeitet er gegen kleines Geld als Stadt- und Wanderführer und ehrenamtlicher Leiter des Heimatmuseums. Der 58-Jährige ist mit Herzblut bei der Sache und überschüttet sein Gegenüber mit Fakten und allerlei Anekdoten. Zuerst geht es um die richtige Aussprache. Dazu zitiert er einen Werbeslogan, aus den Siebzigerjahren: „Ohne Frage nach Braunlage“. Die Betonung liegt nämlich auf lage nicht auf Braun, das ist ihm wichtig. Der Name leite sich von der alten Bezeichnung lah für Wald und brun für Brunnen ab, wegen der vielen Quellen rund um das Städtchen.
Die Siebzigerjahre, als man zum Wintersport nach Braunlage fuhr, zählten zu den goldenen für den Ort. Das ist auch Kühnholds Urgroßvater Carl Kühnhold zu verdanken. Der fertigte Ende des 19. Jahrhunderts Skier nach norwegischem Vorbild, gründete später eine „Schneeschuhfabrikation“ und brachte den Wintersport-Tourismus in Fahrt. 1936 hätte Braunlage gemeinsam mit der Nachbargemeinde Schierke beinahe Garmisch-Partenkirchen ausgestochen und die Olympischen Winterspiele bekommen.
In der jüngeren Vergangenheit aber musste der Ort harte Schläge einstecken. Erst fiel mit dem Eisernen Vorhang die sogenannte Zonenrandförderung weg. Und nach der Vereinigung wurde vor allem im Ostharz investiert. Dem Braunlager Kurgeschäft entzog in den Neunzigerjahren eine Gesundheitsreform die Grundlage. Später blieb der Schnee immer häufiger aus, und schließlich machte der Borkenkäfer dem Nadelwald den Garaus. Der Westharz war in eine Art Schockstarre gefallen, immer mehr junge Leute zogen weg, die Touristen wurden immer älter.
Bis irgendwann der Boden erreicht war, vor allem bei den Immobilienpreisen, was Investoren anlockte. Einem der ersten gehören mittlerweile etliche Objekte in Braunlage, die aus dem Ortsbild herausstechen. Unter anderem ein Designhotel, moderne Ferienhäuser mitten im Ort und – jetzt endlich auch im Harz! – eine Gin-Destillerie, laut Eigenwerbung die höchste Norddeutschlands.
Das touristische Auf und Ab hat zu einem bemerkenswerten Nebeneinander von Alt und Neu, Teurem und Billigem geführt. Im Ort sieht man heruntergekommene Harzhäuschen ebenso wie liebevoll sanierte und zudem neuere Bauten aller Art. Zum Beispiel das Ahorn-Hotel, eine Bettenburg, 1973 als Maritim-Hotel errichtet, 2021 von neuen Eigentümern übernommen und modernisiert, die sich auf derartige Objekte und Familienfreundlichkeit spezialisiert haben. Wer nur über ein schmales Urlaubsbudget verfügt, kann gegen kleines Geld in einer der vielen Pensionen absteigen, die oft einen weiblichen Vornamen tragen und in denen die Zeit stehen geblieben zu sein scheint.
Diese architektonische Vielfalt beruht auch auf Braunlages liberalen Umgang mit Bauvorschriften: Erlaubt ist, was gefällt. Kühnhold führt uns zum Ende des Rundgangs noch schnell in ein Geschäft. Die Betriebsleiterin organisiert Touren mit Alpakas. Die knuddeligen Tiere gehören zu den Neuweltkameliden, die ursprünglich aus dem südamerikanischen Hochland stammen und dazu neigen zu spucken, wenn man sie ärgert. Aus Peru stammen auch die feinen Strickwaren im Shop, ein Paar Socken schlägt mit 45 Euro zu Buche. Auch das geht offenbar in Braunlage.
Cathleen Hensel, Geschäftsführerin der Braunlage Tourismus Marketing GmbH, freut sich über die Entwicklung und präsentiert stolz Zahlen: knapp 1,4 Millionen Übernachtungen in Braunlage pro Jahr bei nur 5.304 Einwohnern inklusive der eingemeindeten Orte Sankt Andreasberg und Hohegeiß (in der Kernstadt gibt es lediglich 3.045 Einwohner). Damit liegt Braunlage auf Platz neun der „tourismusintensivsten“ Orte Niedersachsens.
Overtourism ist hier aber kein Problem, weil Urlauber oft nur kurz bleiben und sich in der Natur verteilen. Sie lernen dabei eine Region kennen, die sich mitten im Wandel befindet, der anderen Gegenden noch bevorsteht.
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Er ist Teil unserer Ausgabe Das Geschäft mit dem Urlaub