Zeit für mehr

• Lohnt es sich, über Urlaub zu schreiben, wenn die meisten genau dort sind? Wir fanden: ja. Denn zum einen ist es ein Thema mit vielen Facetten. Und zum anderen ist der Tourismus eine der Boombranchen in dieser Krisenzeit, in der so mancher denkt: nix wie weg!
An vielen Sehnsuchtsorten ist der nach Erholung suchende Mensch nicht allein und – auch das gehört zu den Zeichen der Zeit – nicht mehr willkommen. Overtourism ist eines der Schreckensworte der Branche und vieler Destinationen. Die Abwehrversuche sind vielfältig und reichen von Eintrittspreisen für überlaufene Städte bis zu Einfahrtsbeschränkungen für Kreuzfahrtschiffe. Hoffnungen ruhen auch auf Versuchen, die Besucherströme digital zu lenken – bisher allerdings, so bilanziert der Tourismusforscher Julian Reif, mit mäßigem Erfolg.
Jens Bergmann propagiert eine andere Idee. Warum nicht dorthin fahren, wo noch Platz ist? Er hat sich im Westharz umgesehen und traf dort nicht nur auf freundliche (und gastliche) Menschen, sondern auch auf neue Natur, die die kultivierte Landschaft zurückerobert. Eine andere Möglichkeit: VR-Reisen, also die Welt als Virtual Reality sehen. Besonders für ältere Menschen, für die das Reisen zu beschwerlich wird, könnte das nach dem Eindruck unseres Autors Yves Bellinghausen eine Alternative sein.
Das authentische Barcelona-Feeling vermittelt die Brille selbstverständlich nicht, aber das wird für Urlauberinnen und Urlauber auch zunehmend ungemütlich. Die Einheimischen machen vor allem Airbnb verantwortlich für ihre Not: Die Wohnungsmieten haben seit 2015 um 68 Prozent zugelegt, längst nicht mehr alle 1,7 Millionen Einwohner können sich über die Beliebtheit ihrer Stadt freuen, in der sich 2024 gut 15 Millionen Touristen drängten.
Sebastian Ebel, Chef des Branchenprimus Tui, sieht die Probleme, aber keine Möglichkeit, als Veranstalter gegenzusteuern: „Es liegt nicht an uns, den Einwohnern von Barcelona vorzugeben, welcher Tourismus der richtige ist.“ Und es sei auch nicht ihre Aufgabe, „den Mallorquinern vorzurechnen, wie viele Mietwagen sie zulassen“. Das sei Sache der Verantwortlichen vor Ort, und mit der Wohnungsnot habe Tui sowieso nichts zu tun. „Unsere Gäste schlafen in unseren Hotels.“
Dass das platz- und ressourcensparender geht, zeigen Hotelpioniere in Japan. Und die Bilanz des Touristenmagneten Neuschwanstein belegt: Ist anstrengend mit den vielen Besuchern. Aber auch lukrativ.
Übrigens ebenso für Anwälte. Reisemängel sind für sie ein sicheres Geschäft. Viele griffen für den Urlaub besonders tief in die Tasche, so der Reiserechtsexperte Ansgar Staudinger: „Wenn das Besondere sich dann nicht einstellt, gibt es besonders schnell Ärger.“
Wir hoffen, dass Ihnen das nicht so geht. Und falls doch: Der Urlaub ist sowieso immer viel zu schnell vorbei. ---