Beim Reisen verhalten wir uns wie Ameisen
Digitale Besucherlenkung? Klingt smart. Funktioniert aber selten, sagt der Tourismusforscher Julian Reif. Ein Gespräch über die Gründe.


brand eins: Besuchermassen mit digitaler Technik umzulenken – das klingt naheliegend. Doch richtig scheint das nirgendwo zu funktionieren. Warum?
Julian Reif: Die Hoffnungen sind groß, die Erfolge bislang bescheiden. Manche reden sich ein, dass Besuchermassen, die durch Influencer angelockt werden, sich ebenso einfach wieder digital zerstreuen lassen. Aber sie übersehen dabei oft den Eigensinn der Besucher. Oft werden technische Systeme eingeführt, ohne die Psychologie des Reisens zu verstehen.
Wie sieht das in der Praxis aus?
Immer mehr Touristenorte werden zu sogenannten Smart Destinations ausgebaut, mit freiem Wlan, QR-Codes, Sensoren, Besucher-Apps und mehr. Auf diese Weise können Touristenströme in Teilen beeinflusst werden. Dubrovnik und Palma de Mallorca etwa verfolgen über die Wifi-Nutzung und Kameras am Hafen, wann die nächste Schiffsladung an Gästen ankommt, um die Anbieter in der Stadt darauf vorzubereiten. Auch Venedig, Amsterdam und Kopenhagen setzen auf ähnliche Systeme (mehr dazu in der Randspalte auf Seite 80).
Mit Erfolg?
Es gibt erste kleine Erfolge, aber so einfach ist es leider nicht. Wir erforschen das Thema digitales Besuchermanagement seit Jahren. Dubrovnik an der kroatischen Adriaküste etwa wurde voll erwischt von dem globalen Hype um die Fernsehserie „Game of Thrones“. Dort wurden 2011 Szenen für den fiktiven Ort Königsmund gedreht. Und seit 2012 drängeln sich immer mehr Serienfans in der Stadt. Aber digitale Besucherlenkung allein reicht nicht aus, das liegt auch an der Angebotsseite: Billigflieger, teils direkt aus London, und dazu Kreuzfahrtschiffe bringen binnen weniger Stunden Tausende von Touristen in die Stadt.
Bilder von drängelnden Massen in der Altstadt gehen auf Social Media immer wieder viral. Wieso kommen dennoch immer mehr Besucher?
Viele nehmen Menschenmengen vor Ort in Kauf. Solange Billigflieger und Kreuzfahrtschiffe kommen, sind Städte dem Ansturm von Touristen ausgeliefert, das ist in Venedig ganz ähnlich.
Venedig verlangt von Tagesbesuchern in der Hauptreisezeit nun bis zu zehn Euro Eintritt. Hat das geholfen?
Nein, es hat die Besucherzahlen natürlich nicht verringert. Nicht wenige Besucher zahlen allein für die Anreise Tausende Euro, da machen zehn Euro keinen Unterschied. Die Kurabgaben in deutschen Küstengemeinden vergrämen ja auch niemanden. Für die Stadtkasse hingegen sind diese Einnahmen gut. Idealerweise werden die Gelder dann so eingesetzt, dass sie zu einer Verbesserung der Lebensqualität von den Einwohnerinnen und Einwohnern beitragen.
Könnten die Besucherinnen und Besucher nicht einfach eine Warnung aufs Mobiltelefon bekommen, dass es zum Beispiel am Markusplatz gerade heillos überfüllt ist?
Wäre es bloß so einfach! Touristen lassen sich nicht einfach mit einer SMS davon abhalten, einen Punkt auf ihrer Bucketlist abzuhaken. Die moderne Tourismusforschung schaut überfüllte Orte nicht isoliert an, sondern ganzheitlich. Der Markusplatz ist eingebettet in den städtischen Kontext. Menschenströme, die sich zum Beispiel vom Hauptbahnhof zum Markusplatz bewegen, sind ein bisschen wie eine Ameisenstraße.
Eine Ameisenstraße?
Ja, Ameisen folgen der Duftspur der anderen, so ähnlich wie diese Tiere verhalten wir uns auch. Flow-Based Tourism nennen wir diese Eigendynamik. Sie kennen das: Wenn Sie in New York City sind, landen Sie bald sehr wahrscheinlich am Times Square oder in Rom eben an der Spanischen Treppe. Wer versucht, solche Menschenbewegungen zum Beispiel mithilfe von Apps zu beeinflussen, wird es schwer haben.
Wenn Influencer einen Ort gehypt haben, wäre es nicht auch möglich, diesen Spuk mit denselben digitalen Methoden wieder wegzuzaubern?
Dazu müssten die Tourismusplaner die Reichweite der Influencer und ihrer Plattformen erreichen. Das ist nicht realistisch und wäre sehr teuer.
Rund einen Euro soll das Umlenken eines einzigen Besuchers kosten, sagt die Amsterdamer Zoey Foundation …
Die Größenordnung kann ich schwer bestätigen. Klar ist aber: Besucherlenkung ist teuer. Für viele Gemeinden oder Gastronomen stellt sich zudem die Frage: Wieso eigentlich Geld dafür ausgeben, damit weniger los ist? Die wollen das doch gar nicht, im Gegenteil! Wenn weniger Besucher kommen, befürchten sie Umsatzeinbußen.
Reise-Apps wie Copenpay in Kopenhagen, bei der nachhaltiges Urlauben belohnt wird, wurden entwickelt, um die Besucherhorden zu bändigen. Ist derlei völlig sinnlos?
Ich finde diese Apps sehr pfiffig und gut gemacht. Aber in der Regel haben sie nicht die notwendige Reichweite, um in großem Stil Touristenströme zu lenken. Manchmal reicht es aber ja auch, nur einen kleinen Teil zu erreichen, um eine Situation zu entschärfen.
Ist Lenkung nicht Bevormundung?
Nicht unbedingt. Diese indirekte Beeinflussung wird Nudging genannt. Der Vorteil ist, dass die Besucher stets selbst entscheiden dürfen, ihnen werden lediglich mehrere Optionen zur Auswahl angeboten. Das ist nichts Neues, wir Reisenden werden ohnehin ständig unterschwellig beeinflusst durch das, was von Routenplanern hervorgehoben wird.
Immerhin rund jeder vierte Tourist lässt sich mit gezielten Reisetipps vor Ort umleiten, wie kürzlich Experimente der niederländischen Fachhochschule Breda gezeigt haben.
Mag sein, aber man sollte derlei digitale Besucherlenkung nicht überschätzen. Was, denken Sie, beeinflusst Menschen am meisten bei ihrer Reiseentscheidung?
Facebook, Instagram oder Tiktok, je nach Alter?
Nein, das soziale Umfeld. Freunde und Familie. Wenn es an die konkrete Entscheidung geht, fragen wir gerne nach: Wer war schon mal dort? Wer kann etwas empfehlen? Diese Flüsterpropaganda ist oftmals stärker als jeder Algorithmus.
Warum tun sich Menschen dann aber vor Ort das Gedrängel an?
Noch so ein Missverständnis! Viele Leute stört das doch gar nicht, daher sprechen wir in der Forschung nicht von Gedrängel, sondern neutral von Crowding. Am Hopfensee in Bayern haben wir festgestellt: Anscheinend stört das Crowding nicht, im Gegenteil, viele empfinden wuseliges Gedränge als anregend. Das nennen wir positives Crowding. Denken Sie mal an ein Punkrockkonzert oder Events wie das Oktoberfest. Lautes Gedränge wirkt oft wie ein Magnet und zieht noch mehr Leute an, die etwas erleben wollen.
Aber Sie meinen nicht im Ernst, dass die quengelnden Kinder in Disneyland die langen Schlangen als angenehm empfinden?
Nein, aber wer trotzdem hinfährt, stellt sich meist darauf ein. Disney ist ja eine perfekt geplante Kunstwelt, da wäre es einfach, mit digitalen Methoden negatives Crowding zu verhindern. Und genau das tun ja die Betreiber auch, aber nicht mit Warnungen oder Verboten. Sondern indem sie zum Beispiel Pässe verkaufen, mit denen Eilige an Schlangen vorbeikommen, für teils um die 400 Dollar, zusätzlich zum Eintrittspreis.
Viele Orte haben derlei Möglichkeiten nicht – wie etwa Mallorca, verrufen durch die Besoffenen am Ballermann.
Ja, im Partytourismus gibt es viele Exzesse, da stimmt die Passung nicht zwischen dem Verhalten der Besucher und den Interessen der Anwohner. Natürlich wünschen sich Touristenorte zahlungskräftige und sozial verträgliche Besucher. Beerbikes und Junggesellenabschiede stören fast überall. Das lässt sich nicht einfach mit einer Smartphone-App abstellen. Wir arbeiten mit einem ganzen Werkzeugkasten von Informationen, über sanfte Ermahnungen und Verteuerung der Tickets zu Stoßzeiten bis hin zu Reservierungszwang und harten Verboten – zum Beispiel Straßensperrungen, wenn ein Parkplatz voll ist.
In Lissabon würden sich viele härtere Maßnahmen wünschen, dort sieht man Graffiti mit Aufschriften wie „Tourists, go home“. Und die Tramlinie 28, die sich fotogen die Hügel emporschlängelt, ist so voll, dass Einheimische zu Fuß gehen müssen.
Dabei ließe sich das Problem lösen, wenn man parallel einen Bus für Einheimische einrichten würde. Es würde nicht die Welt kosten, man muss es nur machen. Generell lässt sich feststellen, dass die Belange der Einwohner nicht die Priorität hatten, die sie eigentlich verdienen. Das verändert sich aktuell deutlich. Manche Forschende sagen sogar: Es gibt überhaupt keinen Übertourismus, sondern nur schlechtes Management. Das stimmt aus meiner Sicht nicht immer, aber es ist etwas dran.
Ein Beispiel bitte!
München etwa! Die Stadt ist mit knapp 20 Millionen Übernachtungen pro Jahr von der Tourismusintensität vergleichbar mit Amsterdam oder Barcelona. Aber während es in Barcelona wütende Proteste gibt, regen sich wenige in München über die Besucher auf.
Sind diese Städte denn wirklich vergleichbar? In Barcelona treiben vor allem touristisch genutzte Wohnungen die Mieten in die Höhe, das ist in München anders.
Gutes Tourismusmanagement achtet auf eine Passung zwischen Angebot und Nachfrage und macht allen klar, wo die Hotspots sind: zum Beispiel im Hofbräuhaus, auf der Wies’n oder bei einem Spiel des FC Bayern. Das sorgt für klare Verhältnisse: Wer Lust auf Gaudi hat, geht zu den Hotspots; wer seine Ruhe will, macht einen Bogen um sie und entspannt sich an den Cold Spots.
Welche Rolle kann dabei die digitale Besucherlenkung spielen?
Smart Destinations sind ein Teil der Lösung, aber kein Allheilmittel. Statt blindlings Nudging-Apps zu entwickeln, sollten wir vielmehr direkt mit den Betroffenen vor Ort sprechen. Wo drückt genau der Schuh, was kann helfen?
Vielleicht auch für den Anfang ein Perspektivwechsel. Denn ehrlich gesagt: Viele abgehängte Gemeinden wünschen sich nichts dringlicher als Besucher, die ihnen Arbeitsplätze sichern. Viele Täler bluten geradezu aus, die Jungen ziehen in die Stadt, die Dörfer verwaisen. Für die ist das eigentliche Problem doch eher der Untertourismus. ---

Julian Reif, 42, ist Geograf und Professor für Tourismusforschung am Deutschen Institut für Tourismusforschung der Fachhochschule Westküste in Heide bei Büsum
Digitalsysteme zur Besucherlenkung
Dubrovnik
Touristen pro Einwohner: 27
Programme: Respect the City, Digital Dubrovnik Pass
Ziel: Andrang reduzieren, Touristen verteilen
Methode: Mithilfe von Kameras und einer KI-gestützten Besucherprognose wird die Zahl der Menschen in der Altstadt überwacht und gesteuert. Basierend auf Kreuzfahrtankünften, Buchungs- und Wetterdaten sagt das System voraus, wie voll es an einem Tag wird – und gibt Empfehlungen für beste Besuchszeiten. Der Digital Dubrovnik Pass lockt zu Sehenswürdigkeiten abseits der Hotspots.
Betreiber: Stadtverwaltung
Venedig
Touristen pro Einwohner: 21
Projekt: Smart Control Room
Ziel: Überwachung und Vorhersage der Besucherströme
Methode: Von einem Lagezentrum aus überwacht die Polizei mithilfe von Kameras und Handydaten den Besucherandrang. Auch Gehtempo, Richtung und Nationalität (des Handyvertrags) werden erfasst.
Betreiber: Stadtverwaltung, Polizei
Amsterdam
Touristen pro Einwohner: 12
System: Travel With Zoey
Ziel: Weglocken von Hotspots
Methode: Besucher bekommen per Whatsapp individualisierte Tipps für deutlich weniger bekannte Orte.
Betreiber: Travel With Zoey (hat Insolvenz angemeldet)
Kopenhagen
Touristen pro Einwohner: 5
Programm: Copenpay
Ziel: Touristen machen sich nützlich
Methode: gutes Betragen belohnen. Wer zu Fuß geht, Bus fährt oder Blumen pflanzt, wird mit Eis oder ein paar Abfahrten von der zur Kunstrasen-Skipiste gewordenen Müllverbrennungsanlage Copenhill belohnt.
Betreiber: Tourismusagentur Wonderful Copenhagen
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