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Atlantis Books – Santorini

Auf Santorin liegt eine der berühmtesten Buchhandlungen der Welt. Es gäbe sie nicht ohne den Tourismus – doch beinahe wäre sie von ihm verschluckt worden.



Das Bild ist eine Aquarellmalerei, die die griechische Insel Santorin darstellt, mit ihren vornehmlich weissen Häusern auf hohen Klippen. Nur hier und da sind blaue Kuppeln zu sehen und setzen farbliche Akzente. Der Himmel und das Meer sind blau. Ein großes Kreuzfahrschiff im Vordergrund ist im Anschnitt zu sehen, es ist wie die Stadt oben auf den Klippen in schwarz/weiss gehalten.

• Santorin, Weihnachten 2008. Weil sich schon damals im Sommer die Touristen drängen, reise ich mit meinen Eltern in der Nebensaison aus Athen an. Wir laufen im Zentrum von Oia, dem beliebten Dorf an der Nordwestspitze der Hauptinsel Thira, eine steile Steintreppe hinunter, und vor uns öffnet sich die zauberhafte Welt von Atlantis Books. Diese „vom Boden bis zur Decke mit Büchern gefüllte Zwei-Zimmer-Hobbithöhle“ (»Vanity Fair«) an den roten Klippen über der Ägäis ist eine Kulturoase auf der Ferieninsel – und ein Touristenmagnet.

Die Idee zum Laden entstand im Jahr 2002, als zwei US-Studenten Urlaub auf Santorin machten. Ihre Lesevorräte waren erschöpft, und die Insel hatte damals keine Buchhandlung. Das wollten Oliver Wise und Craig Walzer ändern. Walzer hatte zuvor einen Sommer lang bei Shakespeare and Company gearbeitet, der berühmten Pariser Buchhandlung gegenüber von Notre Dame. Sie fanden eine Ladenfläche im Keller eines alten Kapitänshauses und bauten mit Freunden Regale aus Treibholz.

2004 öffnete Atlantis Books. „Damals glaubte niemand, dass es funktionieren würde“, sagt Walzer. „Wir selbst dachten, es würde ein Jahr lang Spaß machen, und dann würden wir nach Hause gehen.“ Doch schnell erlangte der Laden internationale Bekanntheit: 2005 kürte ein Autor des britischen »Guardian« Atlantis zu seiner Lieblingsbuchhandlung, 2006 berichtete die »New York Times« über den „Zufluchtsort für Leser und Schriftsteller an einem der schönsten, wenn auch abgelegenen Orte des Mittelmeers“.

Seinen Namen verdankt der Laden dem altgriechischen Mythos des verlorenen Atlantis. Dieser Name erwies sich als prophetisch: 2023, nach rund 20 Jahren, musste das Ladenlokal geräumt werden. Der Besitzer des heruntergekommenen Gebäudes wollte es renovieren und für mehr als eine Million Euro verkaufen. Walzer versuchte, das Geld zusammenzusparen. Er habe es fast geschafft, sagt der 44-Jährige. Aber am Ende reichte es nicht. Heute befinden sich dort ein Bikiniladen und ein Büro für Bootsfahrten. „Das hat man davon, wenn man am Rande einer Klippe auf einer Vulkaninsel seine Zukunft aufbaut: Man hat das Ende immer im Blick.“

Das Schicksal von Atlantis Books ist ein Sinnbild für die Entwicklung der Insel. Einst ein Paradies für Individualreisende, hat Santorin sich zu einer Tourismus-Dystopie entwickelt. Die Insel leidet vor allem unter den Kreuzfahrtschiffen: Gingen zwischen 2010 und 2022 bis zu 800.000 Passagiere pro Jahr an Land, waren es 2024 fast 1,4 Millionen. An manchen Tagen erreichten fast 17.000 Kreuzfahrtgäste die 15.000-Einwohner-Insel.

Der Bürgermeister Nikos Zorzos hatte 2024 angekündigt, die Zahl der Kreuzfahrtgäste auf Santorin ab diesem Jahr auf 8.000 pro Tag zu beschränken. Offenbar wird versucht, die Regelung durchzusetzen: Mehreren Kreuzfahrtschiffen wurden geplante Anläufe für 2025 gestrichen. Die Ankunftszahlen sind gesunken, auch wenn die 8.000-Marke an manchen Tagen dennoch gerissen wurde. Seit Juli müssen Kreuzfahrer in Griechenland zudem eine Gebühr zahlen, auf Santorin bis zu 20 Euro. Auch das soll die Besucherzahlen senken.

Klar ist: So wie bisher geht es nicht weiter. Die einzigartigen Klippen der ringförmigen Vulkaninsel sind bereits größtenteils zugebaut. Man findet kaum einen Ausblick, der nicht von Touristen blockiert wird, die Selfies machen. Und die Straßen erinnern mich bei Sonnenuntergang an meine Heimatstadt Athen in der Rushhour – nur, dass die Autoschlangen hier auf dem Weg zu Aussichtspunkten sind.

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