„Ist da jemand? Jemand da draußen? Der so fühlt wie ich?“
Der Verein Treibhaus setzt sich seit 28 Jahren im sächsischen Döbeln für ein besseres Miteinander ein. Eine Reportage über großes Engagement in einer kleinen Stadt.
Clemens Albrecht, 37, ist der Geschäftsführer des Treibhauses, eines soziokulturellen Zentrums in Döbeln
Eine der Aktionen des Vereins ist die Kulturnacht. Im Mai fand sie zum zweiten Mal statt.
• Von Clemens Albrechts Terrasse aus hat man einen guten Blick auf die Stadt im Tal. Auf der linken Seite, den Hang hinunter, sieht man eine Grundschule mit Pausenhof, auf der rechten Seite die gewundene Riesenrutsche des städtischen Schwimmbads. Auf dem Rasen vor ihm spielt sein sechsjähriger Sohn in der Sonne Fußball.
Mit Blick aufs Schwimmbad fällt Albrecht ein, was Demokratie für ihn ganz praktisch bedeutet. „Ich alleine kann mir kein Schwimmbad leisten“, sagt er. „Demokratie ist für mich, dass wir unser Miteinander gemeinsam organisieren und verwalten, dass es einen Wettbewerb der Ideen gibt.“ Albrecht, 37 Jahre alt, sitzt im türkisfarbenen T-Shirt auf einem Gartenstuhl, die Arme noch blass vom Winter. Nach einer kurzen Pause ergänzt er: „Und das tut mir am meisten weh, dass viele Menschen das offenbar nicht mehr mittragen wollen.“
Am 23. Februar hat die AfD hier bei der Bundestagswahl mehr als 45 Prozent geholt. Und im Stadtrat sitzt wieder Stefan Trautmann, ein mehrfach vorbestrafter Neonazi. Früher für die NPD, jetzt für die Partei Freie Sachsen.
Diese Leute wollen den Verein, für den Albrecht arbeitet, schon lange loswerden.
Döbeln, im Tal der Freiberger Mulde, so heißt der Fluss hier, ist eine der ältesten Städte Sachsens. Mit allen dazugehörigen Gemeinden leben um die 24.000 Menschen hier. Fast jeder Dritte ist älter als 65. Der größte Arbeitgeber ist ein privates Krankenhaus, im Zentrum gibt es ein Theater, viele Läden mit bunten Fassaden vor Kopfsteinpflaster und wenig Leerstand. Im Rathaus kann man einen 3,70 Meter hohen Leder-Riesenstiefel besichtigen, und zu besonderen Anlässen wird die von Pferden gezogene Straßenbahn reaktiviert, die hier zu Zeiten der Industrialisierung fuhr.
Clemens Albrecht ist vor dreieinhalb Jahren mit seiner Frau aus Leipzig hergezogen, ein paar Monate, bevor der dritte Sohn auf die Welt kam. Eigenes Haus, eigener Garten. Anfangs arbeitete er im Vertrieb eines Nudelherstellers. „Für meine Frau und mich war klar, dass wir uns in Döbeln ehrenamtlich engagieren wollen, um hier unseren Platz zu finden“, sagt Albrecht. Als Jugendlicher war er in seiner Heimatstadt Meißen in der Kirche und in einem soziokulturellen Zentrum aktiv, an der Universität in Dresden in der Studierendenvertretung. In Döbeln hatte er das Treibhaus im Auge. Als er Anfang 2023 die ausgeschriebene Stelle als Geschäftsführer sah, bewarb er sich und bekam sie.
Das Treibhaus, 1997 als antifaschistischer Jugendverein gegründet, ist eines der wenigen verbliebenen soziokulturellen Zentren im ländlichen Sachsen. Und es zählt zu den wenigen, die darüber hinaus bekannt sind. Bands wie Kraftklub und K.I.Z. haben schon dort gespielt, und der FC St. Pauli hat an den Verein gespendet.
Denn es ist nicht irgendein Verein, sondern ein Anker der Demokratie mitten in Sachsen. Ein Ort, von dem aus die Demokratie wieder stark werden kann. So sieht das Michael Nattke, Geschäftsführer des Kulturbüros Sachsen, das sich gegen Rechtsextremismus und für eine starke Zivilgesellschaft einsetzt.
„Mir ist wichtig, dass ich gesellschaftlich aktiv sein, dass ich mit anderen die Stadt gestalten kann“, erklärt Albrecht. „Gerade in kleineren Städten mit weniger Angeboten als in Großstädten ist Soziokultur wichtig.“ Kochkurse für Kinder, Jugendarbeit, Medientraining für Senioren, Konzerte, politische Diskussionsrunden – das Treibhaus ist offen für alle. Nur Nazis haben Hausverbot.
Clemens Albrecht hat einen Nachbarn, der in T-Shirts der rechtsextremen Division Sachsen rumläuft. Manchmal kommt dessen Sohn rüber zum Spielen. „Was soll ich da machen? Das Kind kann ja nichts für seine Eltern.“
Sein Garten ist von allen Seiten einsehbar, so wie auch die Gärten der Nachbarn. „Man kann sich nicht verstecken wie in einer Großstadt“, sagt er. Man kennt sich in Döbeln. Das mag er auch an der Stadt.
Isabell Wiehmert, 29, Kunstpädagogin, hat die Kulturnacht mitorganisiert
„Demokratie fängt für mich im Kleinen an.“
Judith Schilling, eine Vorgängerin von Clemens Albrecht, und das Café Courage
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Nach der Wende brannten in Deutschland Flüchtlingsunterkünfte, in den neuen Bundesländern versuchten Neonazis in sogenannten national befreiten Zonen Andersdenkende zu vertreiben. Auch in Döbeln kam es zu Ausbrüchen rechter Gewalt. „Die Baseballschlägerjahre in Ostdeutschland waren eine Generationenerfahrung“, sagt Henning Homann, 45, Fraktionsvorsitzender der SPD im sächsischen Landtag. Er ist in Döbeln aufgewachsen und dort geblieben. „In den Neunzigern reichte es, wenn man nicht rechts war, um in den Fokus der Nazis zu geraten.“ Skinheads jagten auch seine Freunde, seine Familie und ihn, sein bester Freund hat seitdem eine Harry-Potter-Narbe auf der Stirn.
1996 trat Homann in die SPD ein, 1997 gehörte er zu einer Gruppe von etwa 30 Jugendlichen, die zusammen den Verein Treibhaus gründeten. „Es gab einen unfassbar großen Druck von Rechtsextremen, viele Jugendklubs waren von ihnen dominiert“, sagt er. „Wir wollten einen Schutzraum haben und alternative Kulturangebote schaffen. Uns war hier zu wenig los.“
Einen festen Treffpunkt fand die Gruppe im Souterrain eines Altbaus am Rande der Innenstadt mit dem Café Courage. Als die Döbelner Wohnungsgesellschaft finanzielle Probleme bekam, kaufte der Verein im Jahr 2007 das ganze Haus für etwa 20.000 Euro. Anfangs waren dort nur Ehrenamtliche aktiv, inzwischen sind es 17 Angestellte, 16 Projekte, die mehr als 15.000 Leute im Jahr erreichen, und ein Budget von etwa 650.000 Euro.
Im Februar 2007 prügelten Neonazis bei einem Kabarettabend im Café Courage mit Flaschen und Stühlen auf Menschen ein. Seitdem gab es keinen Überfall mehr. Trotzdem war das Haus noch nie so in Gefahr wie heute. Der AfD reichen Antifa-Sticker am Kickertisch für eine kleine Anfrage im Landtag, warum ein politisch nicht neutraler Verein staatliche Gelder erhalte. Gegen gewählte Politiker helfen die vergitterten Fenster und der zugemauerte Hintereingang nicht mehr.
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Es ist Mittwochabend, die tief stehende Sonne flutet das Café Courage mit Licht. Die Sonnenstrahlen lassen die Grünpflanzen auf den Fensterbänken leuchten, die abgewetzten Sessel, die selbst gezimmerte, mit Plakaten und Stickern beklebte Bar. Ein Mann mit einem um den Kopf geknoteten Tuch und mit Nietenarmbändern an den Handgelenken setzt sich an das alte Klavier im Raum. „Ist da jemand?“, singt er zu den passenden Akkorden, „jemand da draußen? Der so fühlt wie ich?“
Der Mann am Klavier singt mit so viel Ausdruck, als handele es sich nicht um einen Liedtext der Punkband Broilers, sondern um die Frage seines Lebens. Er stellt sich als Sebastian vor, 39, gelernter Koch, wegen einer Erkrankung in Frührente. Er liebe Musik und suche nach neuen Kontakten. Im Internet sei er auf das Treibhaus aufmerksam geworden. In den zwei Stunden zuvor hat er den Geflüchteten geholfen, die zum Deutschlernen gekommen sind.
Das Treibhaus ist noch immer ein Schutzraum. Ein Ort für jene, die sich eine Gesellschaft wünschen, in der alle Menschen willkommen sind.
„Vielfalt leben“ steht auf einem Bild an der Backsteinfassade. Daneben ein Bild von zwei Frauen, die sich küssen.
„Aus Anne wird Frank, das ist krank“ und „Heimat, Jugend und Nation, nieder mit der Perversion“, das stand auf den Plakaten, die Neonazis während der Christopher Street Days 2022 und 2024 in Döbeln hochhielten.
Das Treibhaus organisiert die Veranstaltung seit drei Jahren mit der Gruppe Queeres Döbeln. Josie, die zu dieser Gruppe gehört und nur mit Vornamen genannt werden will, sagt: „Im ersten Jahr gab es 50 Gegendemonstranten, im vergangenen Jahr waren es 250. Unter denen waren viele 12- oder 13-Jährige Jungfaschos, das ist schon angsteinflößend. Die versuchen sich auf den Demos Gesichter zu merken, denn die eigentliche Gefahr besteht im Alltag.“
In Döbeln gab es bei Christopher Street Days Buttersäureanschläge, Stolpersteine zu putzen geht nur noch mit Polizeischutz. Überall in Sachsen nehmen rechte Gewalttaten zu, auch wenn sich Neonazis heute gerne als Kümmerer inszenieren, die etwa Spenden für Tierheime sammeln.
Auch Stefan Trautmann von den Freien Sachsen, eine der Schlüsselfiguren der extremen Rechten in der Region, betreibt in der Stadt eine Kleiderkammer für bedürftige Deutsche, die auch als Versammlungsraum dient. Trautmann hat dazu beigetragen, dass in Döbeln einer der aktivsten Standorte der Jungen Nationalisten in Sachsen existiert. Er gilt als vernetzt mit den völkischen Siedlern im Nachbarort Leisnig sowie mit den Organisatoren des neonazistischen Trauermarschs in Dresden, und er beteiligt sich an rechtsextremen Heimatschutzpatrouillen. Seine Wade ziert ein Tattoo des verbotenen S S-Totenkopfs.*
Der Kampf um kulturelle Vorherrschaft tobt überall in Deutschland, in Sachsen besonders heftig. „Abseits von Dresden und Leipzig gibt es kaum noch Orte, wo Menschen sich in einem demokratischen Rahmen austauschen können“, erläutert Michael Nattke. „Deswegen sind soziokulturelle Orte ohne rechtsextreme Hegemonie wie das Treibhaus so wichtig.“
Das Haus ist auch ein Knotenpunkt im Netz der zivilgesellschaftlichen Initiativen, das sich über ganz Sachsen erstreckt. Das Bündnis Döbeln bleibt bunt tagt hier, die Gruppe Queeres Döbeln, die Omas gegen Rechts, die es seit dem vergangenen Jahr in der Stadt gibt, trafen sich anfangs hier. „Der Rechtsruck rüttelt viele Menschen wach“, sagt Henning Homann von der SPD. „Damit sie aktiv werden können, hilft eine zentrale Anlaufstelle im Ort.“
Sebastian am Klavier hat zu Ende gespielt. Ein bisschen will er noch bleiben, gleich öffnet die Bar. Ein Bier kostet hier 2,50 Euro. Schade, dass der letzte Zug Richtung Leipzig schon um 20.50 Uhr fahre, sagt er. Er habe kein Auto, und bei ihm im Dorf, auf halber Strecke, gebe es keine Kneipen oder Bars mehr.
Anja Fischer, 31, Kunst- und Musiklehrerin, ist seit ihrer Jugend im Verein und auch deswegen wieder nach Döbeln gezogen
Im Café Courage lernen Geflüchtete nicht nur Deutsch, sondern auch Leute aus der Stadt kennen. Unten links am Tisch an diesem Mittwoch mit dabei: der Klavierspieler Sebastian
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Im Nachbarort Roßwein steht eine Kirche mit drei Emporen, gebaut für 1.800 Gläubige, heute leben im ganzen Ort keine 8.000 Leute mehr. Nach der Wende hörten im Landkreis die Schlote der Fabriken für Metall, Papier und Kosmetik auf zu rauchen, in den Dörfern schlossen die Gaststätten, ein Drittel der Bevölkerung verschwand. Restaurants, Eisdielen, Kneipen gibt es fast nur noch in Döbeln.
Seine Stadt als Zentrum weiter zu stärken ist das Ziel des CDU-Oberbürgermeisters Sven Liebhauser. „Ich bin 2019 angetreten, damit unsere Stadt sich weiterhin positiv entwickelt“, sagt er. Eine starke Wirtschaft und Tourismus fördern, Arbeitsplätze schaffen, eine lebendige Innenstadt. Er freut sich über die Ansiedlung eines riesigen Erdbeer-Erlebnisdorfs der Firma Karls. „Wir sind stolz, dass das gelungen ist.“ Eine Million Gäste in nur einem Jahr.
Demokratie, das ist in Kommunen auch ein ständiges Abwägen. Gewerbegebiet oder Jugendklub? Für alles reicht das Geld nicht. In Döbeln hat vergangenen Dezember der letzte städtische Jugendklub geschlossen. Danach rissen Bauarbeiter die Skatehalle auf dem Gelände einer früheren Tabakfabrik nach mehr als 20 Jahren ab. Im Schutt sieht man noch bunte Graffitispuren. An die Stelle kommen Parkplätze.
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In zehn Jahren könnten in Döbeln schon doppelt so viele Menschen über 65 wie unter 20 leben. Das Treibhaus ist einer der wenigen Orte für Jüngere – und für einige sogar der Grund, zurückzukommen. Anja Fischer zum Beispiel, eine junge Frau mit blondierten Haaren, Kreolen und eigenem Klamottenlabel, hat in Potsdam Musik- und in Leipzig Kunstpädagogik studiert. Seit drei Jahren lebt sie wieder in Döbeln. „Wenn es das Treibhaus in meinem Leben nicht gegeben hätte, wäre ich nicht so glücklich. Ich habe hier viele Freunde gefunden, gelernt, wie man solidarisch leben kann, und meine Profession entdeckt.“ Anja Fischer ist im Vorstand des Vereins, seit sie 16 ist. Sie ist immer wieder zurückgekehrt, um ehrenamtlich Kunstprojekte zu verwirklichen. Dann hörte sie endgültig auf ihre innere Stimme, die ihr sagte, „dass ich hier hingehöre und dass das der Ort ist, wo ich wirken muss“. Sie arbeitet am städtischen Gymnasium als Kunst- und Musiklehrerin. Aus Leipzig hat sie ihre beste Freundin Isabell Wiehmert mitgebracht, die nun auch im Verein arbeitet.
Judith Schilling, 34, ist direkt nach ihrem Studium wiedergekommen. Sie war im Verein Geschäftsführerin, inzwischen im Vorstand. „Wir brauchen Räume, in denen wir gemeinsam überlegen, wie wir miteinander reden, leben, agieren wollen“, sagt sie. „Das ist der Kern all unserer Veranstaltungs- und Bildungsformate.“
„Es geht um größere gemeinsame Werte.“
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„Haus der Demokratie“, so heißt die Immobilie des Vereins ganz offiziell. Das Eckhaus aus Backstein wurde im Jahr 1897 als Hotel erbaut, es ist groß, verwinkelt und bunt. Zwei Treppenaufgänge mit ausgetretenen Stufen aus Beton führen in vier Stockwerke, es gibt 13 Büros, grün gestrichene Türen, Werkstätten, eine Gemeinschaftsküche, Sofas und überall Plakate. Wer, wenn nicht wir! Wann, wenn nicht jetzt! Wo, wenn nicht hier! Mit dem Begriff Demokratie ist hier auch eine Lebenseinstellung gemeint.
Von diesem Haus wirkt der Verein in die Stadt hinein. Mit Konzerten, mit Spaziergängen zur NS-Geschichte, mit einer neuen Skatehalle durch Crowdfunding. Wie tief das Treibhaus inzwischen in der Stadt verankert ist, zeigt die Döbelner Kulturnacht: eine Veranstaltung Anfang Mai mit buntem Programm, zum zweiten Mal organisiert mit der Verwaltung und dem mittelsächsischen Theater. Jugendtheater im Ratskeller, klassische Konzerte im Rathausfoyer, kostenloser Eintritt.
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In einem Abrisshaus, in dem der Putz von den Wänden bröckelt, stehen Leute im Treppenhaus Schlange für die Kunstinstallationen in den Räumen der einstigen Freimaurerloge und dem späteren Verteilzentrum der Post. Graffiti, Fotografien, Videos, Skulpturen. Urban Art wie in Großstädten. Ein Handwerker kommt in Arbeitskluft, Großeltern haben ihre Enkel dabei, im Innenhof sitzen AfD-Stadträte.
Anja Fischer und Isabell Wiehmert haben auch einen Raum. Blau und rot gefärbte Tapeten, in Fetzen gerissen, mit Löchern wieder zusammengesetzt. Erinnerungen an das bisherige Leben. Auf alte Briefwahlzettel, die die beiden im Gebäude gefunden haben, können Besucher schreiben, was sie rückblickend anders machen würden. Am Ende des Abends ist die Wahlurne voll mit Zetteln.
Gemeinsam Kunst auf sich wirken zu lassen ist etwas anderes, als zusammen Bratwürste zu essen und Bier zu trinken, weil Letzteres seltener zu neuen Erkenntnissen führt.
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Die Kulturnacht ist aus dem Programm Orte der Demokratie entstanden. Das hat das Land Sachsen gestrichen, so wie auch einen Großteil der Mittel für Integration. Das Jugendamt hat die Servicestelle Internationale Jugendarbeit weggekürzt. Im Treibhaus stehen bald einige Büros leer. „Die Kürzungen hängen auch mit der politischen Situation in Sachsen zusammen, wir haben eine Minderheitsregierung aus CDU und SPD, eine schwächelnde Wirtschaft. Überall wird gespart“, sagt Clemens Albrecht auf seiner Terrasse. „Aber wir merken natürlich auch, dass der politische Wind sich dreht.“
Die AfD ist seit 2019 im Stadtrat, seitdem versucht die Partei zu verhindern, dass das Treibhaus weiterhin Geld bekommt. Bislang hat sich aber jedes Mal eine Mehrheit dafür gefunden, auch dank der CDU. Das heißt jedoch nicht, dass man im Rathaus während des Christopher Street Days auch eine Regenbogenfahne raushängt.
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Thomas Kolbe verbringt seine Abende nicht im Café Courage, er ist auch nicht im Förderverein, aber das Gespräch mit ihm zeigt, was viele Menschen in der Stadt über den Verein denken. „Für Demokratie kämpfen, Akzente setzen, dabei aber verschiedene Strömungen zulassen – ich wüsste nicht, wer das hier sonst in der Stadt macht“, sagt er.
Kolbe, 53, Slimfit-Outfit und Sportlerstatur (er ist seit 2017 Präsident des örtlichen Sportvereins), führt in der vierten Generation Deutschlands älteste Briefkastenfirma Max Knobloch. Mit seinen fast 180 Beschäftigten ist er gerade umgezogen, deswegen sitzt er in einem noch kahlen Konferenzraum mit ein paar losen Kabeln.
Er beschäftigt Menschen mit Migrationshintergrund, Geflüchtete haben bei ihm Ausbildungen gemacht. „Natürlich wird auch ein Drittel meiner Belegschaft Blau gewählt haben“, sagt er. „Aber ich könnte nicht sagen, wer. Ich spüre es im Alltag nicht.“ Er setzt auf Nähe durch Umarmung, wer andere diskriminiert, fliegt raus.
Für den Wirtschaftsstandort, wo schon jetzt viele Unternehmen nicht mehr genug Leute finden – Kolbe ist auch Vizepräsident der IHK Chemnitz –, seien die Wahlergebnisse verheerend. „Wir merken, dass sich das in der ausländischen Community rumspricht: ,Im Zweifel lieber nicht nach Sachsen – da sind alle rechts.‘“
In Sachsen seien jedoch nicht alle rechts, sagt Kolbe. Und setzt auf neue Allianzen. Im Februar hat er mit Sven Weißflog von den Freien Wählern und Henning Homann von der SPD einen Ehrenamtstag organisiert, um Vereine und Unternehmen stärker zu vernetzen. „Es geht um größere gemeinsame Werte, deswegen müssen wir uns fragen: Wo wollen wir hin? Und wer kann uns dabei helfen?“
Es geht um nicht weniger als um den Erhalt der Demokratie. Thomas Kolbe braucht verlässliche Rahmenbedingungen, um Investitionen planen zu können. Clemens Albrecht braucht Fördergelder. Beide sind auf Menschen angewiesen, die bei ihnen tätig sein wollen. Wenn niemand mehr nach Döbeln will, aus Angst vor Nazis, haben in der Stadt viele ein Problem.
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Clemens Albrecht mag seine neue Heimat. Den Fahrradweg entlang der Mulde, die Bibliothek, das Theater, den Blick von der Terrasse. Er hat Freunde, für die klar ist, dass sie wegziehen aus Sachsen, sollte die AfD mal an die Regierung kommen. Seine Frau und er wollen bleiben. Das Miteinander sei besser als in einer Großstadt, die Leute seien nett zueinander, solange es nicht um Politik gehe. „Aber es ist eine persönliche Entscheidung, ob man bereit ist, in einem Umfeld zu leben, wo man eins auf die Mütze kriegen kann.“
Sein christlicher Glaube ist ihm wichtig. Menschlichkeit, Solidarität, eine Haltung haben. In Döbeln sagen viele, dass die Nazis nie weg, sondern nur leiser waren. Manche behaupten, es gibt gar keine. Clemens Albrecht sagt: „In der Retrospektive wird man sagen können, ob sich endgültig was gedreht hat in diesem Jahr, wo wir wieder Jugendliche sehen mit Springerstiefeln, wo es wieder cool ist, sich als Nationalsozialist zu bezeichnen.“
Er spricht von Rechtsextremisten, niemals von Faschos wie andere im Verein. Albrecht ist ein besonnener Antifaschist, ist sachlich in seiner Wortwahl. Als Geschäftsführer setzt er auf die Kraft der Gemeinschaft, im Verein und in der Stadt.
Die Menschen, die in Döbeln Hakenkreuzflaggen in Gartenlauben hissen, die SS-Runen an Wände schmieren oder Holzkreuze aufstellen, um an die Tausenden Deutschen zu erinnern, die angeblich von Ausländern getötet wurden, erreichen er und seine Leute nicht. Aber die anderen, das sind ja noch fast 60 Prozent. ---
Menschen, die einen guten gesellschaftlichen Zusammenhalt verspüren, in Prozent,
… in Ostdeutschland: 7
… in Westdeutschland: 13
Menschen mit einem geschlossenen rechtsextremen Weltbild in Deutschland, in Prozent,
… im Jahr 2014: 2,5
… im Jahr 2022/23: 8,3
Die wirtschaftliche Lage des Treibhauses
Zum Verein gehören zeitlich befristete Projekte, die zu 90 bis 100 Prozent durch öffentliche Gelder oder Stiftungen finanziert sind. Daneben hat er Kosten in Höhe von 275.000 Euro für Kulturarbeit, Siebdruckwerkstatt, FSJ-Stelle, Jugendarbeit, Buchhaltung und Geschäftsführung. Der Kulturraum Erzgebirge-Mittelsachsen fördert dies mit 95.000 Euro, die Stadt Döbeln mit 27.500 Euro, der Landkreis zahlt für die Jugendarbeit 38.500 Euro. Etwa 150.000 Euro muss der Verein aus eigenen Einnahmen tragen (Spenden, Mitgliedsbeiträge, Einnahmen aus Veranstaltungen und Onlineshop). Derzeit klafft eine finanzielle Lücke von 42.500 Euro.
Die wirtschaftliche Lage der Stadt
In Döbeln gab es 2024 insgesamt 2.359 angemeldete Gewerbe: von Industrie über Einzelhandel bis Handwerk. 85 Prozent der Firmen im Landkreis Mittelsachsen haben weniger als zehn Beschäftigte. Der ist 2008 aus der Zusammenlegung der Landkreise Döbeln, Freiberg und Mittweida entstanden und fast so groß wie das Saarland. Das Durchschnittsalter liegt bei knapp 49 Jahren (bundesweit sind es 44 Jahre).
Laut Oliver Holtemöller, stellvertretender Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, ist der Landkreis wie viele ländliche ostdeutsche Regionen eher strukturschwach. „Sachsen hat eine ziemlich alte Bevölkerung, der ländliche Raum eine sehr alte Bevölkerung. Dort gibt es immer weniger junge Menschen, das drückt auf die Wirtschaftskraft.“ Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf lag in Mittelsachsen im Jahr 2022 bei 31.700 Euro, in Sachsen bei 36.000 Euro (bundesweit bei 47.200 Euro). „Im Vergleich zum ländlichen Raum in Westdeutschland gibt es hier weniger Großstädte, in die Menschen pendeln können – das trägt zum Bevölkerungsschwund bei.“
Die Briefkastenfirma Max Knobloch, 1869 in Döbeln als Blechklempnerei gegründet, hat zwei Weltkriege und ein Hochwasser überstanden und zählt zu den größeren Firmen in Döbeln. 1972 wurde das Unternehmen verstaatlicht, ab 1995 kauften Thomas Kolbes Eltern es von der Treuhand zurück. Jahresumsatz: knapp 20 Millionen Euro.
Stimmen aus dem Treibhaus
„Unter Demokratie verstehen viele Menschen: Was passiert in den Parlamenten? Was entscheiden die da oben? Für mich ist Demokratie viel mehr als das. Es ist eine Lebensform, eine Einstellungsfrage. Basiert unser Miteinander auf Werten wie Freiheit, Gleichheit, Solidarität?“
— Leon Grünig, 32, leitete das Projekt WerkStadt. Das Ziel: Dialogformate schaffen, Zivilgesellschaft, Verwaltung, Kultur an einen Tisch bringen. 2024 entstand daraus die erste Kulturnacht in Döbeln.
„Man muss Demokratie lernen, das ist in der Vergangenheit zu kurz gekommen. Deswegen braucht es Räume und Orte, in denen man demokratisch wirksam sein kann, wo man lernt, sich zu beteiligen und zu erfahren, dass die eigene Meinung zählt.“
— Isabell Wiehmert, 29, ebenfalls Projekt WerkStadt, ist zudem verantwortlich für Social Media und PR. Sie hat mit Anja Fischer ein Modelabel.
„Wir kommen immer wieder mit Menschen ins Gespräch, die Politik und Medien nicht mehr vertrauen. Unsere Absicht ist nicht, Weltbilder zu beeinflussen, aber die individuellen Konzepte der Menschen lassen sich erweitern.“
— Johannes Gersten, 36, führt zusammen mit einem Kollegen kostenlose, von der sächsischen Landesmedienanstalt finanzierte Medienbildungsworkshops in und um Döbeln durch, zu Themen wie KI, Smartphone-Nutzung oder Desinformation.
„Gegen den Trend bauen wir zwei neue Projekte auf.“
— Ina Tuscher, Mitte 30, hat mit dem Projekt „Willkommen in Döbeln“ Geflüchtete beim Ankommen in der Stadt unterstützt. Weil dafür Mittel gekürzt wurden, baut sie nun in einer alten Fabrik ein Maker-Lab auf, in dem Menschen jeder Herkunft in Kooperation mit Unternehmen handwerkliche Fertigkeiten erlernen können. Ihre Kollegin entwickelt ein Projekt für künstlerische Biografiearbeit.
* Viele der im Text genannten Details zu Rechtsextremismus in und um Döbeln stammen aus der Broschüre „BlickpunktRechts“, die das Treibhaus seit 2015 veröffentlicht. In dieser jährlichen Publikation werden alle bekannten rechten Aktivitäten in der Region aufgeführt.
*Stefan Trautmann von den Freien Sachsen wurde 2025 wegen Betrugs verurteilt. Er hat unter anderem im Jahr 2021 mehre Monate laut Urteil unberechtigt Sozialleistungen bezogen und gleichzeitig Lohn von seiner Partei erhalten.
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