Demokratie in Betrieben
Lass uns reden, Kollege!
An kaum einem anderen Ort verbringen Menschen so viel Zeit wie bei der Arbeit. Wer die Demokratie stärken will, muss in den Betrieben ansetzen – bevor ihre Gegner den Ton angeben.
• Demokratie am Arbeitsplatz? Der Proletarier als Souverän? In der Wirtschaftsgeschichte war das lange nur der fromme Wunsch einer Handvoll Sozialutopisten. Wo gearbeitet wurde, hatte lediglich einer das Sagen – der Kapitalist. Niemand hat das so beißend geschildert wie Friedrich Engels im Jahr 1845: „Die Sklaverei, in der die Bourgeoisie das Proletariat gefesselt hält, kommt nirgends deutlicher ans Tageslicht als im Fabriksystem. Hier hört alle Freiheit rechtlich und faktisch auf. (…) Hier ist der Fabrikant absoluter Gesetzgeber.“
Der Gegenentwurf zum autoritären Fabriksystem der industriellen Revolution ließ auf sich warten. 1949 führte der Soziologe Thomas H. Marshall den Begriff „Industrial Citizenship“ ein, forderte also industrielle Bürgerrechte. Er emanzipierte den Proletarier – zumindest in der Theorie – zum Arbeiterbürger mit demokratischen Rechten, die nicht an der Wahlurne enden, sondern auch im Betrieb gelten.
Der Sozialphilosoph Axel Honneth, eine zentrale Stimme der einst von Theodor W. Adorno miterdachten Frankfurter Schule, greift Marshalls Idee in seinem jüngsten Buch auf und spricht vom „arbeitenden Souverän“. Nicht freie Wahlen allein, sondern die „Position in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung“ entscheide maßgeblich darüber, „wie hoch die Chancen zur demokratischen Teilnahme sind“, sagte er bei einer Podiumsdiskussion. Und warnte: Von jemandem, „der an seinem Arbeitsplatz nur daran gewöhnt ist, Anordnungen und Befehle entgegenzunehmen“, könne niemand erwarten, „plötzlich als politischer Bürger eine Mentalität der Dialogbereitschaft an den Tag zu legen“.
Die junge Bundesrepublik entwarf ihre Wirtschaftsordnung nach dem Zweiten Weltkrieg in diesem Geist. Kaum ein anderes Land hat die Demokratie im Betrieb so weit vorangetrieben – mit Errungenschaften wie dem Betriebsverfassungsgesetz von 1952 oder dem Mitbestimmungsgesetz von 1976, mit Gewerkschaften als Gegengewicht zur Macht der Arbeitgeber, mit Tarifverträgen, Betriebsräten, Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat, mit Streikrecht, Kündigungsschutz und mit Vertrauensleuten.
Bettina Kohlrausch, Direktorin des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, sieht in der Arbeitswelt sogar eine Art „Testlabor für die Demokratie“. Hier können „antidemokratische Einstellungen wachsen – oder demokratische gefestigt werden“, argumentiert die Soziologin. „Die Gestaltung von Erwerbsarbeit wird zu einer demokratischen Grundsatzfrage.“
Der kapitalismuskritische Arbeitssoziologe Klaus Dörre geht noch weiter und fordert „eine radikale Demokratisierung von Produktionsentscheidungen, die gegenwärtig winzigen Eliten vorbehalten bleiben“. Betriebsräte sollten also beispielsweise auch bei Entscheidungen über Investitionen und künftige Produkte mitreden dürfen.
In der Realität geht es in die andere Richtung: Die mühsam errungene Mitbestimmung ist vielerorts auf dem Rückzug. Laut dem Institut der deutschen Wirtschaft gibt es in nur noch sieben Prozent der Firmen einen Betriebsrat – fast eine Halbierung gegenüber dem Jahr 2000. Damals arbeiteten 68 Prozent der Beschäftigten in Unternehmen mit Tarifvertrag, 2023 waren es nur noch 49 Prozent, Tendenz weiter fallend. Insbesondere im Osten Deutschlands ist die Arbeitswelt vielerorts mitbestimmungsfrei.
Doch gerät mit diesem Trend auch gleich die Demokratie ins Wanken? Anders gefragt: Sind Firmen mit Betriebsrat tatsächlich weniger anfällig für Demokratieverachtung, für Hass, Hetze und Verschwörungsmythen? Oder haben die Arbeitnehmervertreter ihren demokratischen Kredit weitgehend verspielt – weil sie zwar für höhere Löhne kämpfen und bei drohenden Betriebsschließungen zum Warnstreik vors Werktor rufen, aber davon abgesehen als Teil des betrieblichen Establishments wahrgenommen werden, erstarrt in Hierarchie und Bürokratie?
Gefragt zu werden hilft
Die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu dem Thema sind uneinheitlich. Christian Pfeifer, Ökonomieprofessor an der Leuphana Universität Lüneburg, kam voriges Jahr in einer empirischen Studie zu diesem Schluss: Beschäftigte in Unternehmen mit Betriebsrat sind tendenziell zufriedener mit der Demokratie als solche in Firmen ohne ein solches Gremium. Die Studie belegt einen statistischen Zusammenhang – aber nicht, dass ein Betriebsrat die Belegschaft gegen antidemokratische Verführung immunisiert. Entsprechend vorsichtig interpretiert Pfeifer die Ergebnisse: „Die Stärkung der Mitbestimmung der Arbeitnehmer am Arbeitsplatz kann in turbulenten Zeiten die Stabilität des gesamten demokratischen Systems fördern.“
Die Mitgliedschaft in einer Gewerkschaft immunisiert jedoch nicht gegen antidemokratische Tendenzen. Bei der jüngsten Bundestagswahl stimmten 21,8 Prozent der Gewerkschaftsmitglieder für die AfD – ein Prozentpunkt mehr als in der Gesamtbevölkerung. Offenbar sagt die Mitgliedschaft in einer solchen Organisation wenig über die demokratische Haltung eines Menschen aus.
Genau hier setzen die Soziologen Johannes Kiess und Andre Schmidt an. Ihre datengestützte Untersuchung aus dem Jahr 2020 zeige, dass nicht Gewerkschaftsmitgliedschaft, sondern „gelebte Erfahrungen von Teilhabe und Solidarität“ darüber entscheiden, „inwiefern die Arbeitswelt ein Ort für demokratische Sozialisation ist“. Die Befragungsdaten deuten auf folgenden Zusammenhang hin: Wer im Arbeitsalltag mitgestalten kann, wer sich gehört fühlt, entwickelt eher eine positive Haltung zur Demokratie – und ist weniger anfällig für rechtsextreme oder für demokratiefeindliche Einstellungen.
Werden Entscheidungen vom Management angeordnet – oder werden die Beschäftigten zumindest angehört? Ziehen alle an einem Strang, auch mal gegen die Geschäftsführung? Kann ich mit meinen Kollegen Dinge zum Besseren ändern? „Wem solche Erfahrungen im Betrieb verwehrt bleiben“, so die Studienautoren, „der nimmt die negativen Erfahrungsmuster nach Feierabend mit nach Hause.“
Oder er schleppt sie – von zu Hause oder vom Kneipentresen – am nächsten Morgen zurück in den Betrieb. Politik macht vor Werktoren, Baustellen, Büros und Pflegeheimen nicht halt. Schließlich verbringen Menschen nirgendwo außerhalb der eigenen vier Wände so viel Zeit wie bei der Arbeit, nirgends treffen sie auf so viele andere Meinungen. Mal ist es ein verstörender Aufkleber an der Tür zum Pausenraum, mal ist es die Bemerkung der aus Russland stammenden Krankenschwester, dass es in Deutschland doch gar keine „richtige“ Demokratie gebe.
Damit der Arbeitsplatz nicht zum Einfallstor für Desinformation und für Verschwörungen wird, haben die Hertie-Stiftung, die Robert Bosch Stiftung und der Demokratie-Thinktank Institute for Strategic Dialogue Germany (ISD) Anfang 2021 die wohl erfolgreichste Initiative für Demokratie am Arbeitsplatz gegründet: das Business Council for Democracy (BC4D). Aus sechs Pionierfirmen ist ein Netz aus inzwischen 180 Unternehmen entstanden, darunter Airbus, Bayer, Bosch, die Deutsche Bank, Lufthansa, Mercedes-Benz und Volkswagen.
BC4D bietet kostenlose Onlineschulungen mit Erfahrungsaustausch, Diskussionen und Rollenspiele in typischen Problemsituationen aus dem Betrieb oder Privatleben, acht Wochen lang, eine Stunde wöchentlich, 20 bis 30 Menschen pro Kurs.
„Die Teilnehmer erarbeiten sich ein Skill-Set gegen Desinformation, Hassrede und Verschwörungserzählungen“, sagt die Programmleiterin Sophia Becker. Wie erkenne ich Deepfakes? Wie finde ich mich in der Flut der Nachrichten zurecht? Wie bewerte ich die russischen Erzählungen im Ukrainekrieg? Wie kann ich einer im Intranet gemobbten Kollegin den Rücken stärken? Wann ist Zeit für Gegenrede? Um solche Fragen geht es in den Schulungen. Bislang hat BC4D mehr als 3.000 Menschen erreicht – vom Gabelstaplerfahrer bis zum Vorstandsvorsitzenden.
Coaches, die von Beginn an dabei sind, berichten von einer zunehmenden Dringlichkeit: „Die Leute spüren im Privaten und im Betrieb, wie sie immer stärker konfrontiert werden“, erklärt Gilda Sahebi, eine der Trainerinnen. „Ängste und Irritationen haben zugenommen – und damit auch das Bedürfnis nach Diskussion.“ Auch Sven Scharnhorst sieht diese Dringlichkeit. Der Beauftragte für digitale Debattenkultur und Demokratie bei dem Spezialchemiehersteller Evonik, eine der Pionierfirmen, sagt: „Wer heute nicht handelt, muss morgen Brände löschen.“
Beim Berliner Beratungs-Start-up Torq Partners wurde ein bundesweiter Skandal handlungsleitend: das rechtsextreme Netzwerktreffen bei Potsdam mit den Plänen zur Abschiebung von Millionen Menschen mit Migrationshintergrund. „Einer unserer Mitgründer brachte es auf den Punkt: ‚Es geht nicht nur um unser Geschäft. Wir müssen Haltung zeigen – und unser Unternehmen als Demokratie-Trainingslager nutzen‘“, so Moritz Schlageter aus der Geschäftsführung. Seitdem bietet auch seine Firma BC4D-Schulungen an.
In der Arbeitswelt „können antidemokratische Einstellungen wachsen – oder demokratische gefestigt werden“.Bettina Kohlrausch, Soziologin
Hingehen, wo es brennt
Dass sich Unternehmen von solchen Initiativen auch ein besseres Image versprechen, liegt nahe und wird nicht verneint. „Insbesondere Fremdenfeindlichkeit ist erwiesenermaßen Gift für die Anwerbung von Arbeitskräften“, sagt die BC4D-Leiterin Sophia Becker.
Aber stärken die Programme wirklich die demokratische Verfasstheit im Betrieb? Die Antwort ist ein vorsichtiges Ja. Die Initiative führt nach jeder Schulungsstaffel eine Befragung durch. Nach dem Training schätzen weitaus mehr als 90 Prozent der Teilnehmer ihre Kenntnisse zu Hassrede, Desinformation und Verschwörungsmythen als „gut“ oder „hervorragend“ ein. Das ist ein Anstieg von durchschnittlich 35 Prozentpunkten. „Vor allem die Selbstsicherheit nimmt zu“, sagt Gilda Sahebi. „Viele hätten sich vorher nicht getraut, bei Hasskommentaren im Intranet dagegenzuhalten.“
Allerdings: Freiwillige Programme wie BC4D erreichen die Gutwilligen, nicht die Demokratieverächter im Thor-Steinar-Hoodie. Und auch der „arbeitende Souverän“ am Montageband oder an der Werkbank findet sich nur selten zu den Online-Workshops ein. Mit Blick auf die Arbeiterschaft, die bei der vergangenen Bundestagswahl zu 38 Prozent für die AfD stimmte, urteilt der Soziologe Klaus Dörre ernüchternd: „Die vielfältigen Bekenntnisse zur Weltoffenheit, die glücklicherweise aus Wirtschaftskrei-sen zu hören sind, werden von der vergessenen Arbeiterschaft im Modus ideologischer Beherrschung erlebt.“
Nicht nur aus ihren Reihen gibt es Ablehnung. Kürzlich veranstaltete ein mittelgroßes Dienstleistungsunternehmen einen Demokratie-Tag mit einem Workshop. Gespräch auf dem Büroflur am Tag zuvor: „Ich geh lieber Klos putzen, als da hinzugehen“, habe der eine gesagt. „Ich geh hin, dann nervt mein Abteilungsleiter nicht mehr“, habe der andere erwidert.
Einige Demokratie-Initiativen setzen mittlerweile stärker auf Bildungsarbeit vor Ort im Betrieb statt im Schulungsraum. Dort, wo es brennt und man Menschen erreicht, die sich normalerweise von solchen Veranstaltungen fernhalten.
Der gewerkschaftsnahe Bildungsträger Arbeit und Leben Sachsen e. V. etwa hat es bis vor Kurzem in kleinen und mittleren sächsischen Betrieben mit „Politik zum Nachtisch“ versucht. „Wir wollten das Gespräch mit den Beschäftigten ganz ungezwungen suchen, bei einer verlängerten Mittagspause oder beim Sommerfest“, sagt Damaris Deinert, die Fachbereichsleiterin für politische Bildung. Doch das sei deutlich schwieriger geworden. „Vor ein paar Jahren trafen wir in einem Betrieb vielleicht auf zwei, drei Leute mit einem verfestigten rechtsextremen Weltbild“, sagt sie. „Heute müssen wir erst einmal schauen, wer überhaupt bereit ist oder sich traut, mit uns in einen konstruktiven Dialog zu treten.“
Da es in den kleinen und mittleren sächsischen Firmen meist keine Betriebsräte gibt, die als Türöffner zur Belegschaft dienen, bleibt in der Regel nur der Weg über die Geschäftsführungen. Die aber scheuen Themen wie Rassismus oder Rechtsextremismus, „bei denen sie befürchten, dass plötzlich unerwünschte Konflikte offen zutage treten“ – die sie dann nicht mehr einfangen können. Ein Trainer einer anderen Bildungsinitiative erhielt von einem Betriebsrat einen entsetzten Anruf: „Wenn wir solche Themen aufmachen, dann brennt am nächsten Tag mein Auto!“ Einfacher als in den Betrieben ist der Zugang zu den Beschäftigten offenbar in Pflegeheimen. „Unsere Angebote zur Stärkung der Demokratiekompetenz sind gut gebucht“, sagt Deinert.
Wie könnte man diejenigen, die mit klassischen Demokratie-Seminaren fremdeln, noch erreichen? Die Projektleitung von Arbeit und Leben Niedersachsen hat mit der Digitalagentur Kubikfoto einen spielerischen Zugang kreiert: Im Onlinegame „The Truth Behind“ taucht man mit einer Investigativjournalistin in den Nebel der Verschwörungsideologien ein. Die Erfolgsmessung ist auch hier schwierig. „Wir haben zwar die Zugriffszahlen und viele positive Rückmeldungen“, erklärt Björn Allmendinger, der stellvertretende Geschäftsführer des Bildungsträgers. „Aber eine Analyse, inwiefern die Notizbucheinträge und eingebetteten Videoclips tatsächlich dazu führen, dass verschwörungsideologische Vorstellungswelten kritisch hinterfragt werden, steht noch aus.“
Der Wind hat sich gedreht
In den USA wären solche Demokratieprojekte derzeit kaum denkbar. Seit Beginn von Donald Trumps Kulturkampf gegen Vielfalt, Gleichstellung und Inklusion gelten sie als unerwünscht und stehen unter massivem Druck. Einige Unternehmen im BC4D-Netzwerk hängen stark am Geschäft mit den USA. Bislang sind offenbar keine Aufforderungen in den Zentralen eingetroffen, Hinweise auf die Initiative von der Webseite zu entfernen. Doch das könnte sich schnell ändern – nach dem Muster der Diversity-Programme, bei denen die ersten deutschen Firmen sich dem politischen Druck aus dem Weißen Haus gebeugt haben: So hat die Telekom-Tochter T-Mobile US ihre Programme zur Förderung von Vielfalt eingestellt. Aldi Süd hat alle Initiativen und Ziele, die auf Vielfalt und Inklusion hinweisen, von der US-Karriereseite gelöscht. Und auch SAP hat angekündigt, seine Diversitätsprogramme zu reduzieren.
„Wir warten darauf, dass da etwas kommt – und dass die eine oder andere Firma vielleicht in vorauseilendem Gehorsam einknickt“, heißt es vom Träger einer Demokratie-Initiative, der anonym bleiben möchte. Auch in Deutschland wird der Spielraum enger. „In einigen Gesprächen haben wir gemerkt, wie verunsichert die Geschäftsführungen sind“, sagt Damaris Deinert von Arbeit und Leben Sachsen e. V.
Manche überlegten aber auch, ob die beste Zeit für ein Demokratieprojekt nicht gerade jetzt sei – wo die Demokratie auf die Probe gestellt wird. --
Hinweis: Im Rahmen der brand eins-Aktion „Tu was! Demokratie bist du“ kooperieren wir auch mit der im Text erwähnten Initiative Business Council for Democracy (BC4D).