Vorurteile schaden der Volkswirtschaft
Zu freizeitorientiert und nicht mehr belastbar seien die Beschäftigten, und es gebe zu viele Menschen, die dem Staat auf der Tasche liegen – das hört man oft, wenn es um die Misere der deutschen Wirtschaft geht. Sechs Mythen im Faktencheck.
1. Die Menschen in Deutschland arbeiten zu wenig.
Was ist bloß aus den fleißigen Deutschen geworden? In Deutschland werde zu wenig gearbeitet, kritisierte der Ex-Bundesfinanzminister Christian Lindner. Und mit dieser Behauptung ist er nicht allein: „Die Deutschen werden gern als Freizeit-Weltmeister bezeichnet“, sagt Susanne Wanger, Arbeitszeitexpertin am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Doch es sei wichtig, zu prüfen, auf welchen Daten solche Aussagen fußen.
Oft wird mit der durchschnittlichen Wochenarbeitszeit argumentiert. Die ist in Deutschland im EU-Vergleich tatsächlich niedrig und laut Statistischem Bundesamt zwischen 1991 und 2023 von 38,4 Stunden auf 34,3 Stunden gesunken. Aber: Diese Zahl umfasst sowohl Voll- als auch Teilzeitstellen, das drückt den Schnitt. Vollzeitbeschäftigte arbeiteten 2023 fast genauso viel (40,2 Stunden) wie noch 1991 (41,4 Stunden). Nur hat sich seitdem der Anteil der Teilzeitkräfte mehr als verdoppelt, auf rund 30 Prozent.
„Ein Faktor ist der starke Anstieg der Erwerbstätigkeit von Frauen“, sagt Wanger. Diese seien hierzulande oft in Teilzeit tätig (siehe These 4). Dadurch ist die durchschnittliche Arbeitszeit gesunken, obwohl das Gesamtarbeitsvolumen gestiegen ist. Anders gesagt: Mehr Leute haben heute einen Job, aber pro Kopf arbeiten die Erwerbstätigen weniger Stunden.
Wir freuen uns, dass Ihnen dieser Artikel gefällt.
Er ist Teil unserer Ausgabe Arbeitsmarkt