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Quereinsteiger

Quereinsteiger retten das deutsche Schulwesen vor dem Kollaps. Wieso macht man es ihnen so schwer?



Das Bild ist eine farbenfrohe Illustration einer Klassenzimmerszene mit zwei Schülern, von denen einer ein blaues und der andere ein rosafarbenes Hemd trägt, die an den Tischen sitzen und aus dem Fenster schauen. Der Fensterrahmen ist grün und mit einem weißen Papier beklebt. Die Schüler scheinen mit ihren Studien beschäftigt zu sein oder etwas außerhalb des Fensters zu beobachten.

• Für Abwechslung beim Dauerthema Lehrkräftemangel sorgen vor allem die merkwürdigen Ideen der Abhilfe. Etwa diese aus Bayern im Jahr 2004: Nach einer Verwaltungsreform wurden dort Beamte frei. Und weil an Schulen Bedarf war, durften fortan Forstwissenschaftler unterrichten.

Oder diese, 2009: Die damalige Bundesbildungsministerin Annette Schavan schlug vor, dass „alle Unternehmen ihre Top-Mitarbeiter für den Schulunterricht“ freistellen, wo sie zwei Stunden pro Woche Physik oder Mathe unterrichten könnten. Wozu es überraschenderweise nicht kam.

Oder diese, 2022: Wenn alle verbeamteten, in Teilzeit arbeitenden Lehrkräfte in Baden-Württemberg eine Stunde mehr arbeiten würden, wäre schon einiges gewonnen, rechnete der Ministerpräsident Winfried Kretschmann vor – und schob die Verantwortung für die Personalplanung den Pädagogen zu. Im selben Jahr entließ seine Landesregierung mal wieder befristet angestellte Lehrer über die Sommerferien, um deren Gehälter zu sparen.

Was nach all den Jahren fehlt, ist ein durchdachtes Konzept. Das gilt vor allem für Quer- und Seiteneinsteiger (siehe Kasten rechts), die seit jeher gebraucht werden, um die Personallöcher in den Schulen zu stopfen. Ihr Einsatz wurde immer wieder analysiert und diskutiert – um dann ein paar Notnägel in das dicke Brett zu schlagen, das man eigentlich hätte bohren müssen.

In der Bildungspolitik hapert es vor allem an einer langfristigen Planung, die nicht nur auf demografischen Daten fußt, sondern auch veränderte pädagogische Konzepte berücksichtigt: So haben beispielsweise Ganztagsschulen einen höheren Personalschlüssel als Halbtagsschulen.

Dass die Verantwortlichen sich immer wieder verkalkuliert haben, zeigen die Zahlen. 2003 ging die Kultusministerkonferenz davon aus, dass 2015 rund 74.000 Lehrkräfte fehlen würden, und plante „weitere gezielte, präventive Maßnahmen, um den sich abzeichnenden Lehrerbedarf zu decken“, auch durch Seiteneinsteiger. Mehr als 20 Jahre später wird, je nach Berechnung, bis 2035 ein Mangel von bis zu 115.000 Lehrkräften prognostiziert – und ohne von außen in die Schule kommende Seiten- und Quereinsteiger geht sowieso nichts mehr. Sie machen heute um die zehn Prozent der neu eingestellten Lehrkräfte aus, in einigen Bundesländern wie Sachsen-Anhalt sind es um die fünfzig Prozent. Aber noch immer gelten sie als Notnägel.

Da ist die Geschichte des Anfängers, der an einer schwierigen Schule weitgehend unbetreut verheizt wurde, ganz nach dem Motto: Wenn du schon mal da bist – dann mach doch einfach 19 Stunden Unterricht pro Woche. »Der Spiegel« sprach von einem „rücksichtslosen Löcherstopfen“.

Oder da ist der ins kalte Wasser gesprungene Seiteneinsteiger, ein ehemaliger Entwicklungshelfer, der sich nach langer Zeit der Tätigkeit an einer Schule öffentlich Luft machte: Er klagte, dass er jahrelang nur Einjahresverträge bekommen habe, weil ihm angeblich die Ausbildung fehlte. Die hätte er Jahre zuvor gebrauchen können, zum Referendariat allerdings sei er nicht zugelassen worden.

≈Oder da ist der Quereinsteiger mit Anglistik-Abschluss, der als Englischlehrer von einer Grundschule übernommen wurde, bald aber auch Mathematik unterrichten musste. Und da ist die Kommunikationswissenschaftlerin, die zweieinhalb Jahre Vollzeit an die Uni und sechs Monate unbezahlt in einer Schule hospitieren muss, um eines Tages dann auch Grundschulmathematik unterrichten zu dürfen. Wer wie eingestuft wird, ob als Seiten- oder Quereinsteiger, das erscheint willkürlich (siehe auch links).

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