Ein Markt für alle
• Es erfordert gerade Mut und Gelassenheit, die Nachrichten zu verfolgen. Selten waren Wirtschaft und Welt derart in Unordnung, selten hatten Erkenntnisse eine kürzere Halbwertszeit. Warum wir uns dennoch mit etwas so Grundsätzlichem wie dem Arbeitsmarkt beschäftigen? Weil er für jeden wichtig ist. Und weil sich an diesem Thema gut zeigen lässt, wie aus Krisen Chancen werden können.
Nehmen wir Bochum, die Stadt, die mit dem Ende des Kohlebergbaus und den Pleiten von Nokia und Opel schon einige Tiefschläge verkraften musste und der wir die Titelzeile verdanken. Was dort mit Mut und Engagement auf dem ehemaligen Opel-Gelände entstanden ist, könnte all jenen Verantwortlichen als Vorbild dienen, die in ihrer Kommune mit Massenentlassungen fertig werden müssen.

Denn ja, die wird es weiterhin geben. Nicht (oder nicht nur) weil Manager Fehler machen und Politikerinnen die falsche Richtung einschlagen – der Strukturwandel, den wir gerade durchleben, hat weit mehr mit Demografie, künstlicher Intelligenz, Erderwärmung und einer sich verändernden Weltwirtschaftsordnung zu tun. Für die einen schleichend, für andere mit brutaler Wucht ist die alte Welt verschwunden. Die neue bildet sich erst, aber eines ist sicher: Arbeit wird darin weiterhin eine wesentliche Rolle spielen.
Die Schülerinnen und Schüler des Karlsruher Markgrafengymnasiums stellen das zumindest nicht infrage – aber die wenigsten wissen schon, wie ihr Beitrag aussehen könnte. Für junge Menschen ist die noch schwach konturierte neue Welt vor allem unübersichtlich. 326 Ausbildungsberufe, 21.000 Studiengänge: Wie soll man da seinen Weg finden? Mit Unterstützung. Und die braucht es auf dem Arbeitsmarkt an allen Ecken und Enden.
Nicht ohne Grund ist die Bundesagentur für Arbeit die größte deutsche Sozialbehörde, die inzwischen auch Menschen beraten darf, die nicht oder noch nicht arbeitslos sind. Andrea Nahles, seit 2022 Chefin der Agentur, setzt außerdem auf KI: Die Technik komme gerade für den deutschen Arbeitsmarkt zur rechten Zeit, denn sie könne Probleme, die durch den demografischen Wandel auf uns zukommen, mildern.
Denn daran gibt es keinen Zweifel: Uns werden absehbar Hunderttausende Arbeitskräfte fehlen – und Migration allein wird das Problem nicht lösen. Zu groß ist die Abwehr, zu hoch sind die Hürden, selbst wenn die ausländischen Arbeitskräfte Qualifikationen anbieten, die dringend gebraucht werden.
Für Bewegung in der Welt der Arbeit sorgen oft Einzelne. Der Vorstandsvorsitzende der Bayer AG zum Beispiel, der den Konzern radikal umbaut. Oder Günter Brandmiller, der Jugendlichen ohne Ausbildung helfen wollte und dem mit der Augsburger Lehmbaugruppe eine erstaunliche Arbeits- und Fachkräfteproduktion gelungen ist.
Der Arbeitsmarkt lebt. Denn er wird von Menschen gemacht. ---
Gabriele Fischer, Chefredakteurin