Der gute Mann vom Arbeitsamt
Mitte der Achtzigerjahre beginnt Günter Brandmiller, sich in seiner Freizeit um perspektivlose Jugendliche zu kümmern. Aus dem Projekt ist eine erstaunliche Fachkräfte-Produktion geworden.
Stephan Zellner, der Ausbildungsleiter im Metallbau
Mit der Zooschule (Mitte) begann 1984 die Förderung Jugendlicher. Links und rechts zwei Azubis von heute
• Warum ein solches Firmenkonstrukt? „Das war nie mein Ziel“, sagt Günter Brandmiller. „Das hat sich so ergeben“, sagt Raphael Brandmiller. Die beiden sind Vater und Sohn. Der alte und der neue Chef eines Familienunternehmens mit dem Namen Augsburger Lehmbaugruppe.
Das Firmenkonstrukt umfasst unter anderem: sechs Berufsschulen, drei Montessori-Schulen, eine Jugendherberge, ein Hostel, 13 Drogenhilfe-Einrichtungen, einen landwirtschaftlichen Betrieb, eine Kita, eine Einrichtung, die Fachkräfte aus dem Ausland rekrutiert, und eine, die unterstützungsbedürftige Jugendliche beim Übergang in den Beruf fördert. Was für ein Gemischtwarenladen! 36 Standorte. 40 Millionen Euro Umsatz. Mehr als 800 Beschäftigte. Wie soll sich das einfach so ergeben haben?
Raphael Brandmiller, 44, hat vor ein paar Monaten die Geschäftsführung übernommen. Er ist außerdem Mitglied im Augsburger Stadtrat und einer von drei Vorständen des Bundesligavereins FC Augsburg. Einer, der gerne gestaltet. Er sagt: „Wir sind in einem großen Change.“
Günter Brandmiller, 76, ist einsilbiger als sein Sohn. Über sich will er am liebsten gar nicht reden. Erst als es um seine Mission geht, kommt er langsam ins Erzählen. Brandmiller wollte nie Unternehmer sein. Er ist da hineingeraten, weil er es als seine Aufgabe ansah, Menschen in Arbeit zu bringen – vor allem solche, die kein Arbeitgeber wollte.
Ein Angestellter des Arbeitsamts macht sich in seiner Freizeit auf, ein gesellschaftliches Problem zu lösen – so beginnt seine Geschichte.
Es ist ein kalter Februarmorgen, und der alte Brandmiller steht im dicken Parka in einem runden Haus: die Augsburger Zooschule. Hier hat alles angefangen. Als er sich im Raum umschaut, lässt ein kleines Lächeln seine Freude darüber erkennen, dass fast alles noch da ist: der Ofen, die Schulmöbel, die ausgestopften Tierköpfe an den Balken. In der Zooschule wurden seit Ende der Achtzigerjahre mehrere Generationen von Schulkindern über Tiere unterrichtet. Vor allem aber hat sie das Leben von vielen arbeitslosen Jugendlichen verändert. „Da waren ein paar harte Kerle dabei“, sagt Brandmiller.
Er ist damals – nach seinem Studium der Betriebswirtschaftslehre und der Soziologie und einer kurzen Zeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Arbeitsmarktforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München – im Arbeitsamt Augsburg tätig. Höherer Dienst. Gutes Gehalt. Dann beobachtet er mit Sorge, wie zwischen 1980 und 1983 die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland von vier auf elf Prozent schnellt. Man kann doch die jungen Leute nicht im Stich lassen, denkt er und gründet einen privaten Kreis von rund 20 Gleichgesinnten. Leute, die er vom Arbeitsamt kennt und dem Stadtrat, in dem er für die SPD vertreten ist. Wochenlang reden sie sich die Köpfe heiß. Stellen fest, dass unter den Arbeitslosen viele sind, die im Leben immer nur Misserfolge hatten und sich nichts zutrauen. Für diese Menschen entwickelt der Kreis ein Projekt: Sie sollen spüren, dass sie zu etwas gut sind. Sie sollen ein Haus bauen.
Der Direktor des Augsburger Zoos stellt einen Bauplatz zur Verfügung, der Oberbürgermeister gibt aus der Gemeindekasse 25.000 D-Mark Zuschuss und Holz aus dem städtischen Wald für die Balken. Für die Wände ist Lehm vorgesehen, der kostet nichts. Schubkarren, Schaufeln und weiteres Werkzeug bezahlen Brandmiller und seine Mitstreiter aus eigener Tasche. So können im September 1984 zwei Dutzend Jugendliche, die das Arbeitsamt ausgewählt hat, im Augsburger Tierpark mit dem Bau der Zooschule beginnen. Unterstützt werden sie von einem Trupp alter Hasen – Handwerkern, die noch zu jung für die Rente sind, aber nicht mehr fit genug, um der permanenten Belastung im Arbeitsalltag standzuhalten.
Entlohnt werden die Jungen wie die Alten mit Geld vom Arbeitsamt für sogenannte Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM). Obwohl die damals einen schlechten Ruf haben (siehe Seite 68), glaubt Brandmiller an das Konzept. Unter zwei Bedingungen: Die Arbeit muss sinnvoll sein. Und die Jugendlichen dürfen nicht in Watte gepackt werden wie in den klassischen Sozialeinrichtungen. Heißt: Sie sollen wie in einem gewöhnlichen Betrieb pünktlich anfangen und sich dann acht Stunden ins Zeug legen.
Für den Bau der Zooschule stellt Brandmiller Teams aus je drei Jugendlichen und einem der erfahrenen Handwerker zusammen. Auch ein Sozialpädagoge ist dabei, er soll bei Zoff vermitteln. Der damalige Arbeitsamtdirektor Manfred Rademacher sei skeptisch gewesen, erinnert sich Brandmiller. „Ich weiß noch genau, wie er zu mir sagte: ‚Meinetwegen machen Sie das. Aber wenn das schiefgeht, ist Ihre Karriere in diesem Haus beendet.‘“
Dazu kommt es nicht, denn die Vermittlung der beteiligten Jugendlichen in echte Betriebe gelingt so gut, dass Brandmiller beim Arbeitsamt ständig neue anfordern muss. Bis zur Fertigstellung des Baus im Jahr 1986 verschafft er rund 160 von 200 eingesetzten Arbeitslosen eine Lehrstelle oder einen festen Job. „Das war auch das Verdienst der älteren Handwerker. Die haben ihre ehemaligen Chefs angerufen und gesagt, dass sie ein paar gute Jungs für sie hätten“, sagt Brandmiller, zieht in dem warmen Lehmhaus endlich seinen Parka aus und lässt sich auf einen Schulstuhl nieder.
Dann erzählt er, dass einer von denen, die die Zooschule gebaut haben, Jahrzehnte später wieder hergekommen sei, um seinen Kindern sein Werk zu zeigen. „Arbeit“, sagt Brandmiller, dessen Vater Fliesenleger war, „dient nicht nur dem Broterwerb. Arbeit erzeugt Identifikation, gibt dem Leben Struktur und Sinn. Bei uns zu Hause stand die Arbeit immer an erster Stelle.“
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Er ist Teil unserer Ausgabe Arbeitsmarkt