Ausländische Fachkräfte
Hürdenlauf
Die deutsche Bürokratie macht es dringend benötigten Ärzten und Pflegekräften aus dem Ausland unnötig schwer. Selbst hochbegabte und hoch motivierte Fachleute verzweifeln daran.

Dieser Artikel erschien in der Ausgabe 11/2024.
Ein Traum
Manchmal ist es nur ein Papier, das eine ambitionierte ausländische Ärztin und ein Land mit akutem Ärztebedarf voneinander trennt. Ein Dokument wie eine unüberwindliche Mauer. So wie jene Unbedenklichkeitsbescheinigung, die der syrischen Ärztin Alaa Maksoud im Juni 2020 ihren Traum, in Deutschland als Chirurgin zu arbeiten, zunächst im Weg stand.
Maksoud war damals 25 Jahre alt und hohes Tempo gewöhnt: Abitur in Damaskus mit 17, Medizinstudium innerhalb von sechs Jahren. Mit 23 beschloss sie, sich ein Leben in Frieden und Freiheit aufzubauen.
So kam sie im Jahr 2019 im brandenburgischen Luckau an, ausgestattet mit einem Visum zur Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen. Zwei Tage später begann sie einen Deutschkurs. Innerhalb von fünf Monaten erreichte sie das Sprachniveau B2 – also von „Hallo, mein Name ist Alaa“ zu „Könnten Sie mir bitte beschreiben, wo genau der Schmerz beginnt und ob er in andere Körperregionen ausstrahlt?“ Kurz: Alaa Maksoud wollte so schnell wie möglich als Ärztin arbeiten und setzte alles daran, dieses Ziel zu erreichen.
Anfang 2020 schickte sie ihre Unterlagen zum Landesamt Brandenburg, um ihr Medizinstudium anerkennen zu lassen. Geduld, erklärt Maksoud heute, sei das Wichtigste für das Ankommen in Deutschland. „Es braucht alles sehr viel Zeit.“
Drei Monate dauerte es bis zum ersten Bescheid – alle notwendigen Dokumente seien da, außer jener Unbedenklichkeitsbescheinigung. Was das ist, musste Maksoud googeln: „Ein Dokument, aus dem hervorgeht, dass der Antragsteller zur Ausübung des ärztlichen Berufes uneingeschränkt berechtigt ist und dass gegen ihn keine beruf- oder disziplinarrechtlichen Maßnahmen eingeleitet wurden.“
Eine Bescheinigung, die der frühere Arbeitgeber ausstellt. Doch Maksoud hatte sofort nach dem Studium das Land verlassen und in Syrien nie praktiziert. Das versuchte sie der Sachbearbeiterin am Telefon und per E-Mail zu erklären – und scheiterte. Im Juni 2020 bekam sie einen Termin vor Ort und bemühte sich, ihre Lage begreiflich zu machen. Aber ohne die Bescheinigung, sagte man, gehe es nicht.
„Ich bin eine sehr starke Frau. Ich kann mit Druck gut umgehen“, sagt Maksoud, schließlich sei sie für den Einsatz in Notsituationen ausgebildet. Aber in diesem Zimmer, in dieser Situation, da habe sie geweint wie ein kleines Mädchen. Maksoud hatte ihre Heimat verlassen, die Blicke und Bemerkungen über sich als fremde Frau mit Kopftuch ausgehalten, während ihrer Hospitation in einer Klinik für Innere Medizin geglänzt, selbst eine Stelle hatte sie schon in Aussicht. Und nun sollte alles an einer Bescheinigung scheitern?
Jährlich kommen Zehntausende Menschen nach Deutschland, um hier als Fachkräfte zu arbeiten. Wer in Heilberufen, in der Bildung oder im Handwerk tätig sein möchte, muss zunächst seine berufliche Qualifikation anerkennen lassen. Die meisten dieser Anträge werden von Ärzten und Pflegekräften gestellt – rund 30.000 waren es im Jahr 2023, mehr als zwei Drittel aller Anerkennungsanträge.
Menschen aus dem Ausland werden in Deutschland dringend gebraucht: Fachkräfte fehlen, Stellen bleiben unbesetzt – auch wenn heute schon viele zuwandern. Die Zahl der ausländischen Ärztinnen und Ärzte in Deutschland hat sich seit 2013 verdoppelt. 15 Prozent der Mediziner und 16 Prozent der Pflegefachkräfte hierzulande haben keinen deutschen Pass. In manchen Regionen, etwa in Thüringer Krankenhäusern, stammt sogar jeder vierte Arzt aus dem Ausland. Ohne die zugezogenen Mediziner kann das Gesundheitswesen in Deutschland laut Bundesärztekammer nicht auf dem derzeitigen Standard aufrechterhalten werden. Gleiches gilt für die Pflege.
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Er ist Teil unserer Ausgabe Arbeitsmarkt