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Kevin Kelly im Interview

Warum der Autor und Futurist Kevin Kelly bezweifelt, dass KI heute schon Arbeitskräfte ersetzen kann.



Bei dem Bild handelt es sich um ein digitales Kunstwerk, das eine Nahaufnahme des Gesichts einer Person zeigt, die von einem futuristischen, abstrakten Design umgeben ist. Das Design besteht aus verschiedenen farbigen Linien und Drähten, die ein Gefühl von Komplexität und Tiefe vermitteln. Das Bild ist in einem flachen, zweidimensionalen Stil gehalten, wobei der Schwerpunkt auf dem Gesicht und den verschlungenen Designelementen liegt. Die Gesamtkomposition und die Verwendung von Farben verleihen dem Kunstwerk ein visuell auffälliges und futuristisches Aussehen.

brand eins: Herr Kelly, Sie analysieren KI nicht nur, sondern probieren sie auch intensiv aus. Was tun Sie gerade?

Kevin Kelly: Ich versuche, aus der Graphic Novel „The Silver Cord“ einen Film zu machen. Ich habe sie vor einigen Jahren zusammen mit einem Comiczeichner geschrieben. Wir hatten eine Weile über einen Spielfilm nachgedacht. Jetzt nutze ich KI-Tools wie Runway und Googles Veo, um daraus einen Animationsfilm zu erstellen. Es ist spannend, aber auch frustrierend. Die KI verhält sich oft unvorhersehbar. Es fühlt sich an, als dressiere man jede Menge Katzen.

Was haben Sie über KI gelernt?

Sie animiert Bilder schneller und ist kostengünstiger als bisherige Programme. Davon, dass sie eigenständig komplexe Projekte abschließt, sind wir aber weit entfernt.

Woraus schließen Sie das?

Der Fortschritt der KI-Modelle folgt nicht der exponentiellen Kurve, die viele erwarten. Stattdessen müssen wir derzeit exponentiell mehr Ressourcen investieren, um immer kleinere Fortschritte zu erzielen.

Wie sieht für Sie die Zukunft der KI aus?

Statt einer einzigen großen, zentralisierten KI wird es viele kleinere, auf bestimmte Fähigkeiten trainierte Modelle geben, die zusammenarbeiten. Ähnlich wie ein Regenwald mit vielfältigen, sich ergänzenden Arten.

Wo muss KI aus Ihrer Sicht besser werden?

Wir haben uns damit abgefunden, dass KI-Systeme ab und zu Fehler machen. Manchen ist das egal, andere wissen, dass sie noch mal über die Ergebnisse drüberschauen müssen. Aber bei Aufgaben, die hundertprozentige Zuverlässigkeit erfordern, etwa der Buchung einer Reise, sind Fehler nicht tolerierbar. Deshalb bin ich bei den KI-Agenten, die solche Aufgaben selbstständig erledigen sollen, skeptisch.

Gibt es Entwicklungen, die Sie beunruhigen?

Ich bin Optimist. Mich beunruhigt derzeit nichts übermäßig. Spannend ist allerdings der rasante Fortschritt von chinesischen KI-Unternehmen. Sie bieten durch ihren Open-Source-Ansatz eine alternative Herangehensweise. Das ist eine Herausforderung, aber letztlich ist es gut, dass es diesen Wettbewerb gibt.

Welche Entwicklungen sehen Sie aktuell als besonders vielversprechend an?

Mich fasziniert derzeit die emotionale Seite der KI. Viele Menschen erleben gerade, dass Chatbots wie ChatGPT nicht nur klug, sondern außerdem erstaunlich empathisch wirken. Ich gehe davon aus, dass es normal werden wird, dass wir der KI Emotionen zusprechen.

Eine digitale Illustration das die Nahaufnahme eines Frauengesichts mit einem einzigartigen, abstrakten Design zeigt. Das Gesicht setzt sich aus verschiedenen Formen und Farben zusammen.

Die sie aber nicht hat.

Natürlich nicht. Es wirkt nur so, weil die Sprachmodelle sehr gut darin sind, uns das zu erzählen, was wir hören wollen. Aber dieser Effekt, dass wir uns emotional verstanden fühlen, wird immer häufiger auftreten. Und ich bin mir sicher: Die emotionale Intelligenz der Maschinen wird ein noch größerer Schock für uns sein als ihre kognitive Intelligenz. Außerdem brauchen wir KI, die über reine neuronale Netze hinausgeht und echtes hierarchisches Denken ermöglicht – man könnte auch sagen, „symbolisches Denken“.

Können Sie das erläutern?

Aktuelle KI-Systeme sind hierarchisch sehr flach organisiert. Man kann sich das vielleicht vorstellen wie die frühe Wikipedia. Da konnten anfangs einfach alle möglichen Leute reinschreiben, und sie erschufen so eine ganze Enzyklopädie. Das war fantastisch. Aber man merkte irgendwann, dass es auch Leute braucht, die über strittige Artikel entscheiden oder strategische Entscheidungen treffen können. Für komplexe Probleme benötigen wir hierarchische Strukturen.

Gibt es bereits gesellschaftliche Schäden durch KI?

Ich sehe keine. Wie viele Menschen wurden aufgrund von KI entlassen? 100 weltweit? Selbst das bezweifle ich.

Im britischen »Guardian« wurde gerade eine Reihe von Menschen porträtiert, die wegen KI entlassen wurden …

Wurden sie entlassen, oder haben sie nur einen erhofften Job nicht bekommen?

Sie wurden gefeuert. Es waren vor allem Berufseinsteiger in eher kreativen Berufen. Auch Firmen wie Duolingo und Klarna haben menschliche Arbeitskräfte durch KI ersetzt, auch wenn es manchmal Freiberufler waren und keine Festangestellten gekündigt wurden.

Okay. KI kann aber auch einfach eine gute Entschuldigung für Firmen sein, die ohnehin Menschen entlassen wollen. Ich arbeite zurzeit jeden Tag und nahezu den ganzen Tag mit den besten Modellen generativer KI, die es gibt. Und es ist immer noch extrem schwer, sie ohne ständige Kontrolle wirklich relevante Dinge tun zu lassen. In der Fantasie mancher Leute mag KI gut darin sein, den Menschen komplett zu ersetzen. In der Realität ist sie es nicht. Ich sehe also keine Anzeichen für eine drohende Massenarbeitslosigkeit durch KI. ---

Kevin Kelly war in den Achtzigern Herausgeber und Chefredakteur des Gegenkultur-Magazins »Whole Earth Review« und gehörte zum Gründungsteam von The Well, einer der ersten Online-Communitys weltweit. 1993 gründete er mit anderen das legendäre Tech-Magazin »Wired«. Kelly ist Co-Vorsitzender bei The Long Now Foundation, einer Stiftung für langfristiges Denken. Zu seinen wichtigsten Büchern gehören „Out of Control“, „What Technology Wants“ und „The Inevitable“.