Wie wird KI unsere Welt im Jahr 2035 prägen?
16 Fachleute geben Antwort.
„KI wird die menschliche Produktivität deutlich steigern, unser Leben gesünder und länger machen und uns von viel langweiliger, repetitiver Arbeit befreien. Das größte Potenzial liegt in der Automatisierung von Wissensarbeit über verschiedene Disziplinen hinweg. Bei You.com sehen wir dies bei den großartigen Organisationen, mit denen wir zusammenarbeiten – vom National Institute of Health und dem Institute for Advanced Study bis hin zu Versicherungsunternehmen und Hedgefonds.
Der spannendste Bereich der Wissensarbeit ist KI für die Wissenschaft. Sie nutzt KI, um das Gesundheitswesen, die Medizin und die Forschung voranzutreiben und die Grenzen des menschlichen Wissens rasant zu erweitern. Da Intelligenz immer günstiger wird, werden einst exklusive Dienstleistungen für jedermann zugänglich: persönliche Tutoren, Gesundheitsteams und Assistenten.“
Richard Socher, Gründer von You.com und Mitgründer des Investmentfonds für KI-Start-ups Aix Ventures
„Künstliche Intelligenz ist heute eine Schlüsseltechnologie – vergleichbar mit der Elektrizität oder dem Internet. Und wir müssen sie nutzen, um das Leben der Menschen konkret im Alltag zu verbessern. Das größte Potenzial sehe ich darin, dass wir Wissen aus verschiedenen Bereichen mit Hilfe von KI-Lösungen vereint nutzbar machen können – etwa in der Industrie, im Gesundheitswesen oder im Energiesektor. Wenn wir KI nicht nur zur Effizienzsteigerung, sondern zur Entwicklung völlig neuer Geschäftsmodelle nutzen, können wir echten Fortschritt schaffen.“
Nicole Büttner, Gründerin und CEO der KI-Beratung Merantix Momentum, seit Mai 2025 Generalsekretärin der FDP
„Künstliche Intelligenz wird zu einer wahren Kaskade von Forschungsdurchbrüchen in Medizin und Wissenschaft führen. Eine Hypothese spricht vom komprimierten Jahrhundert – dass wir innerhalb nur weniger Jahre die Erkenntnisse eines Jahrhunderts erlangen könnten. Dann müssen wir ,nur noch‘ sicherstellen, dass wir als Gesellschaft diese Erkenntnisse auch absorbieren und anwenden können.“
Peter Bihr, freier Strategieberater für das Gemeinwohl fördernde Technik
„Wir scheitern seit Jahrzehnten an Reformen, die das Gemeinwohl betreffen: Pflege, Wohnen, Bildung, Rente, Gesundheit. Und jetzt ist die KI da und soll es richten? Wir machen es uns zu einfach:
Dort, wo KI uns persönlich (be)trifft, sind wir kritisch. Dort, wo sie gesellschaftliche Probleme lösen soll, wird sie zum Allheilmittel erklärt. Aber Gemeinwohl beginnt nicht mit Algorithmen, sondern mit individuellen Entscheidungen.
KI kann Prozesse beschleunigen, Komplexität reduzieren, Informationen sichtbar machen. Aber sie ersetzt weder politischen Willen noch menschliche Haltung und ganz sicher keinen kritischen Dialog.
Technologie ist kein Ersatz für Verantwortung. Sie ist ein Werkzeug. Die Frage ist nicht: Was kann KI für uns tun? Sondern: Was tun wir mit ihrer Hilfe für das Gemeinwohl?
Wenn wir nur delegieren, was wir selbst nicht anpacken wollen, wird KI nicht zur Lösung, sondern zum Spiegel unserer Bequemlichkeit. Wenn wir das Gemeinwohl zum Leitbild unserer Politik, Wirtschaft und Gesellschaft machen, kann KI uns helfen, dieses Ziel deutlich schneller zu erreichen.“
Kenza Ait Si Abbou, Ingenieurin, Managerin und Expertin für künstliche Intelligenz und Robotik
„Das größte Problem der KI ist ihre Fähigkeit, gesellschaftliche Ungleichheiten durch fehlerhafte Trainingsdaten und systemische Vorurteile zu verschärfen. Das größte Potenzial der KI liegt in der Verbesserung der menschlichen Fähigkeiten zur Lösung sozialer und ökologischer Probleme und der Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts durch wirksame globale Interaktionen.
Damit KI dem Gemeinwohl zugutekommt, brauchen wir rechtliche Rahmenbedingungen und eine ethisch verantwortungsvolle Unternehmensführung. KI wird Teil der Lösung, wenn sie das menschliche Gedeihen und die ökologische Nachhaltigkeit unterstützt. Ihre Auswirkungen hängen letztlich ausschließlich von menschlichen Entscheidungen ab.“
Luciano Floridi, Philosoph und Direktor am Digital Ethics Center der Yale University
„Wenn KI-Errungenschaften nicht von uns kommen, wofür stehen wir Deutschen in dieser neuen Weltordnung überhaupt? Wo zum Teufel bleibt unser deutscher Erfindergeist, der uns einmal ausgezeichnet hat? Die Gründung des letzten namhaften deutschen IT-Unternehmens, SAP, liegt mehr als ein halbes Jahrhundert zurück. Wir brauchen einen Wirtschaftsboom in der digitalen Welt – ,AI made in Germany‘.
Wir dürfen bei dieser Debatte nicht vergessen, dass wir mithilfe von KI Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft aufdecken können. Wo kann sie unsere Lebenswelten verbessern? Es wird uns ein Spiegel vor Augen gehalten, wie die Gesellschaft funktioniert und wie sie nicht gut funktioniert. Unsere Maschinen sind nur so gut, wie wir sie machen.
Wir dürfen Menschen nicht aufgrund von Merkmalen wie Geschlecht oder Herkunft in KI-Technologien ausschließen. Umso wichtiger ist es, dass wir mit dem Fortschritt der Technologie immer wieder die moralischen Herausforderungen im Blick behalten.“
Mina Saidze, KI-Expertin und Autorin des Buchs „Fair Tech“
„Der größte Umbruch in der KI der vergangenen Jahre kam durch generative KI – doch ihr eigentliches Potenzial liegt nicht im Erzeugen von Content, sondern in der Fähigkeit, riesige Mengen verstreuter Informationen zu verbinden und daraus durch emergente Effekte neues Wissen zu generieren. Dieses Wissen kann generative KI nicht nur erschließen, sondern auch so erklären, dass es für die jeweilige Person verständlich, relevant und entscheidungsfähig wird – kontextualisiert, personalisiert und an individuelle Bedürfnisse angepasst.
Statt der Suche nach einzelnen Informationsschnipseln wird nun Intelligenz zur Commodity: skalierbar, tief, breit, sofort verfügbar – was früher nur den Spitzen von Staaten oder Unternehmen mit ganzen Stäben an Analysten zur Verfügung stand, steht nun zur allgemeinen Verfügung. Mit dieser Demokratisierung von Wissen beginnt der Übergang von der Informations- zur Wissensgesellschaft.“
Björn Ommer, Professor für Artificial Intelligence for Computer Vision & Digital Humanities an der Ludwig-Maximilians-Universität München
„KI ist gekommen, um zu bleiben. Große Beschäftigungseffekte sind bisher nicht belegt, doch erste Auswirkungen auf Tätigkeiten der Beschäftigten sind messbar und nehmen zu. Unternehmen automatisieren Prozesse und nutzen zunehmend selbstgesteuerte KI. Meist steht der wirtschaftliche Nutzen im Vordergrund, während der ,People Value‘ – die Folgen für Beschäftigte – oft unberücksichtigt bleibt.
Wo Arbeit sich ändert, ändern sich auch die nötigen Kompetenzen: mal schrittweise, mal entstehen völlig neue Tätigkeiten. Oft entstehen neue Jobs, die andere Menschen übernehmen als zuvor. Wer keinen Zugang zu Weiterbildung hat, bleibt zurück. So kann KI soziale Ungleichheit verschärfen. Neue Allianzen aus Wirtschaft, Sozialwissenschaft, Beschäftigten(-vertretungen) und Politik müssen wirtschaftlichen Nutzen und den Wert für Menschen sichtbar machen und in Handeln umsetzen.
Die Fähigkeit, Neues zu lernen und Altes zu verlernen, ist heute eine Schlüsselkompetenz. Unsere Zukunft wird von Menschen gestaltet. Und der Acht-Stunden-Tag existiert nicht, weil Maschinen produktiver wurden, sondern weil Menschen dafür gekämpft haben.“
Marie-Christine Fregin, Forschungsleiterin am Forschungszentrum für Bildung und Arbeitsmarkt an der Universität Maastricht
„Das größte Potenzial ist gleichzeitig auch ein großes Problem von KI: Maschinen können etwas, was wir bisher für genuin menschlich hielten. Texte, Töne, Bilder und alle damit verbundenen kreativen Leistungen können auch maschinell erstellt werden. Das ist eine Herausforderung, aber nicht der Untergang der Welt. Es erinnert uns daran, was Maschinen nicht können: Menschliche Aufmerksamkeit. Diese gehört uns ganz alleine. Deshalb wünsche ich mir: mehr Aufmerksamkeit für Aufmerksamkeit!“
Dirk von Gehlen, Leiter des SZ-Instituts, Co-Autor von „Wie KI dein Leben besser macht – 50 Denkanstöße für einen entspannteren Alltag“
„Agentische KI wird in allen Firmen und in unserem Alltag eingezogen sein, das heißt, langweilige, repetitive Aufgaben werden in weiten Teilen durch KI erledigt. Menschliche Kreativität wird wieder einen höheren Stellenwert haben als 2025, weil die Leute den KI-Einheitsbrei in den (sozialen) Medien satt haben und wieder nach dem Besonderen, dem Schrägen, Unvorhergesehenen suchen. Human Content wird zum wertgeschätzten Luxusgut, sozusagen zur gut gestalteten, roughen Schallplatte im Spotify-Universum.“
Katja Krause, Expertin für KI-Weiterbildung u.a. am Mediacampus Frankfurt und der Akademie der Deutschen Medien
„Das größte Problem ist der Spalt zwischen dem, was mit KI möglich wäre, und dem, was wirklich verstanden wird, auf individueller wie organisatorischer Ebene. Viele Unternehmen implementieren KI, ohne zu wissen, warum oder wie genau sie funktioniert. Gleichzeitig scheuen sich Entscheiderinnen und Entscheider, KI überhaupt zu nutzen, weil ihnen das Wissen fehlt, was technisch und strategisch bereits machbar ist. Diese Mischung aus Aktionismus und Unsicherheit ist gefährlich: Sie führt zu ineffizienten Anwendungen, unnötigen Ängsten und verpassten Chancen. Wir brauchen keine blinde Begeisterung und keine übertriebene Skepsis, sondern einen souveränen, aufgeklärten Umgang mit KI, mit Mut zur Anwendung und Kompetenz zur Reflexion.“
Jens Polomski, KI-Blogger und Newsletter-Autor
„Das größte Potenzial von KI liegt meines Erachtens in effizienten Anwendungen, die auf großen Basismodellen aufsetzen und für ihre Einsatzgebiete optimiert sind. Genau hier kann Deutschland seine Domain-Expertise und in dem Zusammenhang auch Zugang zu relevanten Daten ausspielen. In unseren AI-Nation-Programmen bei K.I.E.Z. in Berlin und AI+Munich sehen wir Start-ups, die KI für Medizin, Greentech oder Industrie marktfähig machen. Gleichzeitig zeigt sich: In fast allen zukunftsweisenden Deep-Tech-Start-ups – ob Robotik, Quantencomputing oder Biotech – ist KI im weiteren Sinne längst integraler Bestandteil. Entscheidend ist Geschwindigkeit hinsichtlich Marktzugang und -durchdringung.
Wir brauchen eine strategische und pragmatische Gründungsförderung in Deutschland für mehr Wissenschaftstransfer an allen Forschungsstandorten bundesweit. Wir haben keine Zeit mehr zu verlieren und müssen auf bestehende Best Practices, Netzwerke und Strukturen aufsetzen. Diese haben wir, die neue Regierung muss nur zugreifen.“
Laura Möller, Direktorin des Künstliche Intelligenz Entrepreneurship Zentrum (K.I.E.Z.)
„Das größte Problem an KI ist die von ihren Entwicklern behauptete Dringlichkeit, sie mit aller Macht und Geschwindigkeit in allen Lebensbereichen implementieren zu müssen. Dabei wird oft ein ,Wettrennen mit China‘ konstruiert, das es zu gewinnen gelte – damit sich eine ,KI mit demokratischen Werten‘ durchsetzen könne. Diesem Rennen müssten sich vermeintlich bremsende Faktoren wie Datenschutz, Urheberrecht, Transparenz und Regulierung unterordnen. Ich halte diese Argumentation für gefährlich.
Natürlich wäre eine nach demokratischen Maßstäben entwickelte KI wünschenswert, sie ist von Haus aus nie neutral. Die Macht über die großen westlichen KI-Modelle liegt derzeit allerdings in den Händen weniger Silicon-Valley-Milliardäre mit fragwürdigen Staatsvorstellungen. Sie wird finanziert mit Geld aus Autokratien wie den Vereinigten Arabischen Emiraten, entwickelt auf dem Rücken Zehntausender unterbezahlter Klickarbeiter aus dem globalen Süden, befeuert von Unmengen an fossiler Energie. All das unter Ausbeutung urheberrechtlich geschützter Werke, privater Daten und Bilder. Europa muss hier eigene Wege finden, die tatsächlich demokratische Werte widerspiegeln.“
Quentin Lichtblau, Journalist für Digital- und Kulturthemen
„Die EU hat mit Gesetzen wie dem AI Act, Digital Services Act und Digital Markets Act den Rahmen geschaffen, um Grundrechte zu schützen, etwa durch Transparenzpflichten oder Maßnahmen gegen übermäßige Marktmacht. Jetzt kommt es darauf an, diese Regeln entschlossen umzusetzen und sie nicht im nächsten Handelsstreit zu opfern.
Zugleich müssen wir gezielt in Bereiche investieren, in denen KI gesellschaftlichen Fortschritt ermöglicht, etwa in der Medizin oder bei der Energiewende. Dafür braucht es Strukturen, die das Teilen von Daten über Sektoren hinweg unterstützen, die internationale Koordination lokaler Initiativen und die aktive Beteiligung der betroffenen Menschen. Wo der Markt versagt, sollte der Staat auch innovationsfördernd eingreifen, damit dem Gemeinwohl dienende Ideen nicht an fehlenden Geschäftsmodellen scheitern.“
Carla Hustedt, Direktorin Centre for Digital Society
„KI ist im Großen und Ganzen ziemlich langweilig und irrelevant. Viel Rauschen, wenig Signal. Ich glaube auch nicht, dass viele der KI-Firmen die aktuelle wirtschaftliche Krise überleben werden. Sie sind auf billiges Kapital angewiesen, weil sie nicht rentabel sind und jede Menge Geld verbrennen. Und weil die Modelle immer größer und teurer werden, werden die Verluste immer größer.
Das Versprechen war immer, dass Firmen wie OpenAI profitabel würden, wenn nur genug Leute von KI begeistert wären. Aber nun stellt sich heraus, dass niemand 200 Dollar im Monat bezahlen will, nur um ein paar Studio-Ghibli-Ripoffs herzustellen. Natürlich gibt es auch Menschen, die interessante Sachen mit KI bauen. Betrugserkennung bei Kartenzahlung kann zum Beispiel so ein Fall sein. Aber das sind Use Cases im Bereich von ein paar Millionen Dollar, nicht von zehn Milliarden.“
Cory Doctorow, Autor und Internet-Aktivist
„KI ist eine gegenwärtige Zukunft. Es bleibt offen, ob sie auch eine zukünftige Gegenwart sein wird. Was auch immer wir glauben, wie uns KI im Jahr 2035 prägen wird – wir lernen daraus nichts über die Zukunft und eine Menge über die Gegenwart.“